28.10.2017

Landraub heute

Neue Kriminalromane von Oliver Bottini und Dan Brown
ES IST EIN klassischer Westernstoff, aber erstaunlicherweise spielt er in Rumänien: Der deutsche Krimiautor Oliver Bottini erzählt von zwei Siedlern, die aus Deutschland in die abenteuerliche Welt im Osten Europas aufgebrochen sind. Sie haben ihr Ziel, Landwirtschaft in großem Stil zu betreiben, im Banat unweit der rumänischen Westgrenze verwirklicht, weil es ihnen zu Hause im Osten Deutschlands nicht gelungen ist, Grund und Boden zu erwerben. Sie haben einen prächtigen Betrieb aufgebaut und ihre Beziehungen und Familienbande zerfasern lassen. Sie sind in der Fremde konfrontiert mit dem Neid und dem Hass der Eingeborenen. Und um sich ein bisschen heimeliger zu fühlen, haben sie ihre neue Heimat benannt nach dem Dorf, das sie einst verlassen mussten. Die Ranch im wilden Osten steht in "Neu-Prenzlin".
Das Glück der ungleichen Siedlerpioniere, des Unternehmers Marthen und seines Jugendfreunds Winter, ist dahin, als Marthens 18-jährige Tochter beim morgendlichen Bad unten am Fluss vergewaltigt und erstochen wird. Der Mord an dem Mädchen könnte der Ausgangspunkt eines gewaltigen Racheepos sein – der Erzähler Bottini jedoch scheint sich zunächst vor allem für die rumänischen Polizisten zu interessieren, die auf den Fall angesetzt werden. Es sind zwei müde, ältere Kriminalbeamte, die sich davor fürchten, bald in Rente geschickt zu werden. Zwei wunderbar zerrupfte Sheriffs, die leider nicht auf Pferden, sondern in Dienstautos und Flugzeugen unterwegs sind.
Ioan Cozma ist ein Sonderling mit Kippe im Mundwinkel und gewalttätiger Vergangenheit, sein Kumpel Ciprian Rusu ein Trunkenbold, der die Frauen und krumme Geschäfte liebt. Sie ermitteln in einem Sumpf, in dem es um politische Korruption, deutsche und rumänische Neonazis und modernen Landraub geht.
Der Autor Bottini, Jahrgang 1965, schildert mit Mut zum kapitalismuskritischen Kolossalgemälde, wie sich Großkonzerne nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in der ehemaligen DDR und in Rumänien Ackerboden und Weideland unter den Nagel rissen. Wie die Bilanzen exkommunistischer Viehzucht- und Getreidegroßbetriebe gefälscht und deren Teilhaber geprellt wurden, wie man bis in die Gegenwart kleinere Bauern aus dem Geschäft drängt. Das ist wirtschaftshistorisch interessant, offensichtlich gut recherchiert und bis heute brisant, drängt aber die Ermittlungen der beiden Kommissare mitunter heftig in den Hintergrund. Dabei ist diese Detektivarbeit, die nach Deutschland und zurück nach Rumänien führt, so halsbrecherisch wie effektiv – und sie mündet in einen Showdown, bei dem auf eine Art und Weise herumgeballert wird, wie es eigentlich nur im Western erlaubt ist.
VIELE ERFOLGSKRIMIS sind eigentlich Reiseführer, weil sie kaum von menschlichen Abgründen, sondern stattdessen von den Sehenswürdigkeiten der Bretagne, Siziliens oder des Allgäus erzählen. Der Meister des Baedeker-Krimis heißt Dan Brown und führt seinen aus vielen Vorgängerbüchern bekannten Professor Robert Langdon auf freundlich onkelhafte Art diesmal zum Guggenheim-Museum in Bilbao und zur Kathedrale Sagrada Familia in Barcelona. Wie meistens geht es gegen glaubensfanatische Verschwörer, wie stets hat Langdon eine schöne Frau an seiner Seite, zudem steht ihm diesmal ein Supercomputer namens Winston bei. Und auch jetzt bekommt man wieder große Lust, die Schauplätze des Buchs sofort zu besuchen.
Oliver Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens. DuMont; 512 Seiten; 22 Euro. Erscheint am 8. November.
Dan Brown: Origin. Aus dem Amerikanischen von Axel Merz. Lübbe; 668 Seiten; 28 Euro .
Von Nina Marie Höbel

DER SPIEGEL 44/2017
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