28.10.2017

Blick zurück nach vorn

Die Tage der großen Utopien sind vorbei. Der verstorbene Meisterdenker Zygmunt Bauman analysiert in seinem letzten Buch Retrotopia das „Zeitalter der Nostalgie“. Von Romain Leick
DER ENGEL DER GESCHICHTE, den Walter Benjamin 1940 in seinem Aufsatz Über den Begriff der Geschichte beschrieb, bewegt sich rückwärts in die Zukunft. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet, in der er eine einzige Katastrophe sieht. Getrieben vom Sturm des Schreckens, der ihm ins Gesicht weht, flieht er in eine Zukunft, die Hoffnung, Fortschritt, Freiheit und Sicherheit bedeutet.
Heute, eine Reihe desaströser Begebenheiten später, hat sich der Wind und mit ihm der Engel der Geschichte gedreht. Nun kehrt er der Vergangenheit den Rücken, blickt entsetzt in Richtung Zukunft – und weicht zurück. Das ist die These, die der im Januar im Alter von 91 Jahren verstorbene Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman in seinem letzten noch vollendeten Buch Retrotopia aufstellt. In einem SPIEGEL-Gespräch vier Monate vor seinem Tod hatte er es angekündigt (SPIEGEL 36/2016), nun erscheint es postum.
Vergangenheit und Zukunft, so seine Analyse, haben die Eigenschaften vertauscht: "Heute ist es die Zukunft, auf die man nicht vertrauen kann, da sie vollkommen unbeherrschbar erscheint. Sie wird auf der Sollseite gebucht. Dafür erscheint jetzt die Vergangenheit auf der Habenseite." Durch diese Umkehr wird aus der Zukunft, vormals die Projektionsfläche aller Hoffnungen, ein Albtraum: "Die Straße nach Morgen wird zum düsteren Pfad des Niedergangs und Verfalls."
Das 20. Jahrhundert begann mit futuristischen, furchtbar gescheiterten Utopien, das 21. Jahrhundert beginnt als "Zeitalter der Nostalgie". Der optimistische Fortschrittsrausch ist dem romantischen Verlangen nach Gemeinschaft und Identität gewichen, der Sehnsucht nach Halt, Kontinuität und Tradition in einer fragmentierten Welt ohne Wegweiser. Die Retrotopie manifestiert sich als Vision, die sich anders als ihr Gegenstück, die Utopie, nicht mehr aus einer noch ausstehenden und deshalb unbestimmten Zukunft nährt, sondern aus der verlorenen, aber "untoten" Vergangenheit.
Fortschritt, der einmal die Verwirklichung von Utopien war, ist in der globalisierten Welt eine Quelle der Angst. Die Zukunft erscheint immer mehr Menschen nicht länger als das Versprechen von Wohlstand und Aufstieg. Sie ahnen vielmehr, dass der Abhang, auf dem sie den Kampf um ein besseres Leben führen, immer steiler wird und das Risiko des Absturzes immer größer.
Bedrängt von Gefühlen des Verlustes und der Entwurzelung, suchen die Menschen der Postmoderne nach Orientierung, indem sie sich an die Reste einstiger Stabilität klammern. Die Fixierung auf die Tradition, die Nation, die territoriale Souveränität des Staates dient der Selbstvergewisserung und der vermeintlichen Rückgewinnung festen Bodens. Das Illusorische (und Gefährliche) daran besteht in der Neigung, die tatsächliche mit einer idealisierten Heimat zu verwechseln, mithilfe des Rückgriffs auf nationale und völkische Symbole eine antimoderne Mythologisierung der Geschichte zu betreiben. Treffender lassen sich die psychosozialen Triebkräfte rechtspopulistischer Bewegungen nicht beschreiben. Das politische Ventil für ihre Ohnmacht ist die Wut, die als Ziel wiederum einen Sündenbock braucht. Diesen schaffen die Migrationsströme vor der Haustür: "Eine Nachbarschaft von Fremden ist ein sicht- und greifbares Zeichen dafür, dass sich die Gewissheiten verflüchtigen und die Lebenschancen – ebenso wie die Möglichkeit ihrer Verwirklichung – außer Kontrolle geraten." In einer unergründlichen und entfremdeten Welt verschafft die Rückkehr ans "Stammesfeuer", in ein Gestern, das "uns" gehört, in eine Vergangenheit, die "nur wir allein" besitzen, die trügerische Erleichterung einer gemeinschaftlichen Komfortzone. Und da diese letztlich eine Sackgasse ist, entzündet sich die weiter glimmende Wut immer wieder neu an sich selbst.
In seinem letzten Essay erweist sich Bauman noch einmal als formulierungsstarker Meisterdenker der Globalisierung. Einen bequemen Ausweg weiß er nicht. Am Ende bleibt eine große Frage: Kann das Entstehen einer "kosmopolitisch integrierten Menschheit" ohne planetarischen Bürgerkrieg gelingen? Die Hoffnung darauf wäre die neue Utopie unserer Zeit.
Zygmunt Bauman: Retrotopia. Aus dem Englischen von Frank Jakubzik. Suhrkamp; 200 Seiten; 16 Euro. Erscheint am 13. November.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 44/2017
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