28.10.2017

Auf dem Weg in die Zukunft

Der Historiker Philipp Ther zeigt, dass Flüchtlinge in Europa schon immer Die Außenseiter waren. Von Tobias Rapp
E S BEGINNT IN GRIECHENLAND, wo sonst. Zwischen Menschen, die den Weg übers Meer gesucht haben, um sich in Sicherheit zu bringen, und die nun in provisorischen Lagern darauf warten, irgendwo unterzukommen. Flüchtlinge. Es ist aber das Jahr 1923, nicht 2015. Die Route, um sich vor den Konflikten im ehemaligen Osmanischen Reich in Sicherheit zu bringen, ist allerdings die gleiche. Mit dem Boot übers Wasser. 70000 Menschen sterben, nicht nur bei der Überfahrt, sondern auch in den überfüllten Lagern, die miserabel versorgt werden. Die Außenseiter heißt die große neue Studie des Wiener Historikers Philipp Ther, und wenn es zwischen all den Tragödien, die er schildert, Lichtblicke gibt, dann dürften es die erfolgreichen Versuche sein, aus den Flüchtlingskrisen der Zwanziger und Dreißiger zu lernen. Seitdem es die Flüchtlingshilfeorganisation der Uno gibt, sterben Flüchtlinge nicht mehr zu Zehntausenden. Zumindest nicht in Europa und seinen Nachbarräumen. Es ist ein riesiger, dunkler, unbekannter Kontinent, den Ther beschreibt: Zu keinem Zeitpunkt wurde in den vergangenen 500 Jahren nicht geflohen, vertrieben wurde immer, aus religiösen, nationalistischen oder ideologischen Gründen. Auch Ängste gab es immer. Wobei die Flüchtlingskrise der vergangenen Jahre überschaubar ist, im Vergleich etwa mit der Situation in der Stadt Frankfurt am Main, die 1685 ungefähr 100000 Hugenotten aufnahm, bei 30000 Einwohnern. Die Außenseiter ist voll mit solchen Geschichten, sodass es einem angesichts der Sicherheit, in der die Bundesrepublik Deutschland heute ihre Bürger leben lässt, leicht schwindlig werden kann. Ther schildert nicht nur die Geschichte der Fluchtbewegungen – immer wieder unterbrochen durch mehrere Dutzend Kurzbiografien von Flüchtlingen, die er eingestreut hat –, er beschreibt auch, wie Gesellschaften mit den Neulingen umgegangen sind. Welche Fehler gemacht wurden und was funktioniert hat. Tatsächlich haben langfristig fast alle Gesellschaften vom Zustrom durch Flüchtlinge profitiert. Das Problem ist immer wieder das gleiche, man könnte es das Integrationsparadox nennen: Wenn eine Ankunftsgesellschaft bereit ist, Flüchtlinge aufzunehmen, funktioniert die Integration besser.
Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Suhrkamp; 436 Seiten; 26 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 44/2017
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