28.10.2017

Hand aufs Herz

Gute Regie ist besser als Treue. Der Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff erteilt in seinem neuen Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger eine Liebeslektion. Ein Vorabdruck.
HANNA BRACHTE MICH IN BIELEFELD zum Zug und stand auf dem Gleis an der offenen Tür. Es gab die Durchsage "Vorsicht bei der Abfahrt!", und im letzten Moment sprang sie die zwei Gitterstufen hoch zu mir in den Gang. Sie umarmte mich stürmisch, hielt sich an mir fest. "Ich kann nicht ohne dich sein. Ich komm mit." Ich war gerührt von dieser anfallartigen Zuneigung, doch stellte sie mich vor ein riesiges Problem, denn in Dortmund würde Franka auf mich warten, und zwar nicht etwa in meiner Wohnung, nein, direkt am Gleis. Eine Stunde blieb mir, das Drama abzuwenden. Hanna saß neben mir, den Kopf an meiner Schulter. "Ich arbeite so viel, ich muss einfach mal raus aus dieser Stadt. Seitdem du in Dortmund bist, hat sich Bielefeld für mich in ein Horrornest verwandelt. Und dieses Thema, das ich mir da ausgesucht habe, bekomm ich einfach nicht in den Griff." "Woran arbeitest du denn gerade?" Blitzartig ruckte sie den Kopf von meiner Schulter und sah mich herausfordernd an. "Sag mal, hörst du mir überhaupt noch zu? Hab ich dir doch gestern alles genau erzählt!" Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach. Prüfend sah sie mich an. "Los, du sagst mir jetzt, woran ich gerade schreibe. Das ist ja die totale Bankrotterklärung, dass du dich daran nicht erinnerst." "Ich weiß es doch!", log ich und versuchte, Satzfragmente aus unseren Gesprächen der letzten 24 Stunden zusammenzupuzzeln. "Dann sag es mir. Wirklich, ich bete zu Gott, dass du das weißt." "Na klar weiß ich das. Aber warum soll ich es sagen?" "Aus einem ganz einfachen Grund. Als Beweis dafür, dass ich nicht mit einem demenzkranken Zombie meine Zeit verschwende. Los, sag es. Was ist das Thema meiner Hausarbeit?" Doch über den letzten Tag, den letzten Abend war eine trübe Käseglocke gestülpt. Ich erinnerte mich sehr wohl an den Küchentisch, an dem wir lange gesessen hatten, an die Flasche Wein, an den bröckeligen, mir zu deftigen Parmesan, an Hannas kauenden und engagiert argumentierenden Mund. Aber die Worte waren aus dem Erinnerungsfilm verschwunden. Das Visuelle war da, doch die Tonspur gelöscht. Wo war nur der Lautstärkeregler, wo war nur die Buchse für die Kontakte der Boxen? Ich wusste, ich bräuchte nur ein winziges Erinnerungsteilchen, und alle Mosaiksteine würden wieder an ihren Platz fliegen und ein Gesamtbild ergeben. Der Zug und die Zeit ratterten auf Dortmund zu. Ich warf das Netz aus, fischte mein Gehirn ab, aber es verfingen sich nur Nebensächlichkeiten, ungenießbarer Beifang voller Gräten darin. Meine Maschen waren einfach nicht eng genug, und Hanna sah enttäuscht aus dem Fenster. Ich musste sie trösten und gleichzeitig verhindern, dass wir gemeinsam Dortmund erreichten. Oder sollte ich einfach einen ekelhaft irrationalen Streit heraufbeschwören? War das die Lösung? Durch einen geplatzten Kragen die Situation gleich mit in die Luft jagen? Sie so zu kränken, dass sie gar nicht anders könnte, als beim nächsten Halt den Zug und mich zu verlassen? Die richtigen Sätze würden mir schon einfallen. 'Weißt du eigentlich, Hanna, wie sehr mich deine blödsinnigen Hausarbeiten ankotzen? Ich interessiere mich einen Dreck für den Scheiß, den du da schreibst!' Aber waren solche Sätze überhaupt je wiedergutzumachen? Ich wurde hektisch und dennoch immer müder. Vielleicht wäre das ja das Beste: einfach einschlafen und das ganze Drama wegpennen. Vollkommen scharf sah ich uns voreinander am Küchentisch sitzen, aber leider ohne Ton. Da machte es Plopp, und mit einer fiependen Rückkopplung schoss der Sound zu den Bildern. Hanna hatte von irgendeiner Pseudowissenschaft gesprochen, von Goethe und Esoterik. Was war das für ein Wort gewesen? Genau, es ging um Magnetismus. Wie hieß der Typ, der das entdeckt hatte? So, als hätte mein Erinnerungsvermögen eine Adrenalin-Spritze bekommen, schwirrten und sirrten die Bilder heran. Alles war wieder da: Mesmerismus. Sie schrieb an einer Arbeit über animalischen Magnetismus, entdeckt von Franz Anton Mesmer. Sie hatte wunderschöne Wortketten aufgezogen, von Fluidum und Lebensfeuer gesprochen, es war die Rede von einer Glasmundharmonika und tellurischer Urkraft gewesen. "Wetten, ich weiß genau, worüber wir gesprochen haben." "Glaub ich nicht." "Um was wetten wir?" "Verschon mich bitte mit diesem behämmerten 'Um was wetten wir?'! So weit kommt es noch, dass ich mich darüber freuen soll, so eine Wette zu gewinnen. Nur, um das noch mal klarzustellen: dass du dich erinnerst, ist eine Selbstverständlichkeit und alles andere eine Demütigung der Extraklasse." "Soll ich es jetzt sagen oder nicht?" Sie zuckte mit den Schultern ihr Spiegelbild im Zugfenster an. "Du schreibst an einer Hausarbeit über den animalischen Magnetismus nach Fritz Anton Mesmer, dem Begründer des Mesmerismus." Sie unterbrach mich. "Quatsch!" "Das ist kein Quatsch. Genau darum ging es." "Der heißt doch nicht Fritz. Franz ist sein Name. Franz Anton Mesmer!" "Na gut. Ob Franz, ob Fritz, er war wichtig für Kleist. Und du versuchst herauszufinden, welchen Einfluss der auf seine Stücke hatte." "Nicht nur die Stücke! Es geht um sein ganzes Werk." "So hab ich dich verstanden. Ob sich die Trennung zwischen Naturwissenschaften und Esoterik mit oder erst nach Goethe vollzogen hat." Hanna boxte drei Mal in ihre Armlehne. "Ja, verdammt, das ist die Frage, genau das ist die Frage. Was ist der Preis dafür, dass Informationen nicht mehr frei oszillieren können? Esoterik, Glaube, Wissenschaft, Poesie haben durch ihre Abgrenzung Assoziationsräume verloren, die meiner Meinung nach universelle Einsichten ermöglicht haben." Daraufhin schloss sie nahtlos an unsere Unterhaltung vom Vorabend an. Wieder ging es um Faust II, darum, dass in allen Dingen eine Kraft waltet, die unsere Leben bestimmt. Und während ich glaubhaft meinen Wiedereinstieg in das Thema mimte, musste ich bereits erste Späher von der Konzentration abziehen und mich dem eigentlichen Problem dieser Zugfahrt widmen. Wohin nur mit der wiedererlangten Harmonie? 25 Minuten blieben mir noch. Entweder musste Hanna aus diesem Zug oder ich! Prozent für Prozent senkte ich die Hanna zuteilwerdende Aufmerksamkeit. Ich brauchte mehr Kapazitäten, um an der Lösung zu arbeiten, durfte aber unter keinen Umständen den Faden verlieren, da es jederzeit möglich war, dass Hanna mir Fragen stellte. Bei 25 Prozent zum Pläneschmieden und 75 Prozent Mesmerismus-Interesse fühlte ich mich noch einigermaßen sicher. Aber es reichte einfach nicht. Ich zweigte weitere Gedanken ab, drosselte die Hanna-Aufmerksamkeit. Leider gab es erst bei halbe-halbe einigermaßen nachvollziehbare Lösungsansätze. Ich hatte keine Wahl, ich musste es riskieren. Was hatte ich für Möglichkeiten? Und während Hanna über die Unterschiede zwischen Elektrizität und animalischem Magnetismus theoretisierte, rang ich um sehr praktische Dinge. Sollte ich die Notbremse ziehen? Einen Asthmaanfall performen? Beim nächsten und vielleicht schon letzten Halt aus dem Zug stürzen und behaupten, ich hätte meinen Wohnungsschlüssel in Bielefeld vergessen?
EINE SACHE HATTE ICH JA bereits in meiner Kindheit begriffen: Lügen mussten mutig sein. Wer zu spät kommt und betreten den Lehrer mit ,Mein Wecker hat nicht geklingelt' anmurmelt, der braucht sich über Ungnade nicht zu wundern. Wer aber zwei Mal das Treppenhaus hoch- und runterprescht, außer Atem das Klassenzimmer stürmt und brüllt 'Bei uns zu Hause gab es einen Rohrbruch. Der ganze Keller steht unter Wasser, und unser Hund ist fast ertrunken', ist per se schon mal ganz anders abgesichert, durch die Wallung der Behauptung. Aber mir fiel nichts ein. Hanna sprach inzwischen vollkommen kryptisch daher. Es ging um das siderische Pendel und Somnambulismus. Und da schoss sie mich wieder ab: "Du hörst doch schon wieder nicht zu. Du hast glasige Augen, ey, Forelle blau! Wo bist du nur mit deinen Gedanken?" "Was? Natürlich höre ich zu." Der Zug hielt und fuhr wieder los, und da kam die tödliche Nachricht direkt über mir aus der Decke: "Unser nächster Halt ist Dortmund. Wir erreichen Dortmund Hauptbahnhof in 15 Minuten." Leise, aber leider laut genug, dass es Hanna hören konnte, flüsterte ich: "Bitte, bitte nicht." "Langsam fang ich an, mir ein bisschen Sorgen um dich zu machen. Wisperst und zappelst da rum wie ein aschfahler Vampir, der Angst vor dem ersten Sonnenstrahl hat." Am Zugfenster zogen Dortmunder Vororte vorbei. Ich küsste Hanna. "Wie geht's den Mundwinkeln zurzeit?" "Danke der Nachfrage. Links Bombe, rechts blutig." Abermals küsste ich sie, nahm ihren Kopf zwischen meine Hände, klackerte meine Zähne an ihre. In den letzten Wochen hatte eine überraschende Lustumlagerung zurück zu Hanna stattgefunden. Ihre komplizierte Leidenschaft erreichte und bewegte mich oft tiefer als Frankas zur Leere neigende Wildheit. Eine Welle der Zuneigung bibberte mir durch die Nerven. "So schön, dass du zu mir in den Zug gesprungen bist." Seitlich verdreht umarmte ich sie im Sitz und zog sie nah an mich. "Ich weiß, Hanna, dass du es hasst, solche Sätze zu hören, aber bitte halt es aus. Ich will dir etwas sagen." Ihre Finger in meinem Nacken wurden schlaff. "Sei aber vorsichtig, bitte. Ich bin einfach nicht gemacht für große Momente." Der Zug hielt an. "Dortmund Hauptbahnhof!", die Anschlusszüge wurden verkündet, und ich zog Hanna zärtlich ihren Hals küssend weg vom Fenster und ließ uns beide tiefer rutschen. "Ich bin so glücklich mit dir!" Hanna flatterte angestrengt mit den Lippen, strich mir dann aber mit dem Handrücken über die Wange, die Fassung ihres scharfkantigen Rings ritzte mich ein wenig, und sah mir in die Augen. Der Zug stand und stand, machte plötzlich auf mich den Eindruck eines nie wieder flottzubekommenden havarierten Schrotthaufens, und durch die Metallwände hindurch spürte ich Frankas Blicke, die wie Suchscheinwerfer den Bahnsteig observierten. Sie würde sich auf die Zehenspitzen stellen, sich noch größer machen, über die Köpfe der Reisenden hinweg nach mir suchen. Ich küsste Hanna tiefer in den Sitz. Sie machte sich los. "Sag mal, müssen wir nicht aussteigen?" "Egal, komm küss mich. Hör nie mehr auf mich zu küssen. Ich will hier einfach sitzen bleiben mit dir." Da schlang mir Hanna mit überraschender Emphase, ungestüm und ungelenk, die Arme um den Oberkörper. Unsere Stirnen rumsten gegeneinander. 'Fahr endlich ab, du verfluchter Zug!', dachte ich und rieb mir den Stoppelkopf. Etwas kam näher und näher, etwas Unsichtbares, das ich aber gut kannte, ein gelenkiger Körper, ein Hunderte Male erwiderter Blick, gebündelte Vertrautheit pirschte den Dortmunder Bahnsteig auf und ab. Ich zog meine Jacke aus und warf sie uns über die Köpfe. Wir lachten in der Höhle und schoben die Silhouetten unserer Schatten ineinander. Da durchfuhr mich ein Schreck, der sich aber schon im selben Moment als Erlösung entpuppte. Kurz hatte ich geglaubt, jemand würde erbost an die Scheibe klopfen, doch es war der Ruck, mit dem der Zug anfuhr und mich aus der Gefahrenzone brachte. Unter dem zweiärmeligen Stoffdach wurde der Sauerstoff dünn und das Kohlenmonoxid warm, Hanna begann bereits übertrieben zu japsen und wollte zurück an die Luft, ich aber küsste und klammerte weiter, bis die Zugräder ebenmäßiger sirrten und der Bahnhof samt Franka-Blicken in meiner Vorstellung zu zerstieben begann.
ES WURDE EINER DER INNIGSTEN TAGE, die Hanna und ich je verlebten. Wir landeten in Essen, das wir beide nicht kannten. Hanna und ich liefen so lange herum, bis uns eiskalt war, wärmten uns in einem Buchladen auf und lasen uns gegenseitig Gedichte vor. Hanna hatte sich einen Band mit ihrer – und inzwischen längst auch meiner – geliebten Sylvia Plath genommen, ich einen Band mit Brechts Liebeslyrik. Sie sagte: "Hör dir mal diese Zeile an: Dying is an art like everything else. I can do it exceptionally well. Sterben ist eine Kunst. Ich kann es besonders gut. Wie einfach das ist! Wahnsinn. So ein Satz, und man ist unsterblich." Wir lachten und freuten uns am offensichtlichen Widersinn dieser Bemerkung. Ich fand ein Gedicht von Gottfried Benn über eine Rattenfamilie und las es ihr vor: "In einer Laube unter dem Zwerchfell fand man ein Nest von jungen Ratten./ Ein kleines Schwesterchen lag tot." Sie sagte: "Schon hart, aber toll." "Und wie findest du dieses Gedicht von Brecht? War eine Wolke, die ich lange sah./ Sie war sehr weiß und ungeheuer oben/ und als ich aufsah, war sie nimmer da. Toll, oder?" "Na ja, bisschen kitschig, aber heute geht eh alles so angenehm dahin, da schau ich mir auch diese Wolke an." Wir lasen, jeder in sein Buch vertieft und doch einander ganz nah.
Spät am Abend nahmen wir den Zug. Ich stieg in Dortmund aus, Hanna fuhr zu ihrer Hausarbeit nach Bielefeld.
Jahre später stieß ich auf Briefe des von meinem Vater so verehrten Gottfried Benn, der während der Nazizeit nicht etwa emigriert war, sondern zurückgezogen als Militärarzt in Hannover arbeitete. Frauenbesuche bekam er wohlorganisiert aus Berlin. Als ich eine bestimmte Passage las, verfiel ich in ungläubiges Kopfschütteln. Eine irdische und eine himmlische Liebe. Seit 5 res. 6 Jahren, und beide wissen nichts voneinander. Gute Regie ist besser als Treue. Diesen Satz kannte ich gut von meinem Vater. Wir waren uns näher, als mir lieb war.
In meiner Wohnung wartete bereits Franka. "Sag mal, wo warst du denn?" "Katastrophe im Theater. Ein Techniker hatte einen Bühnenunfall. Wir konnten erst am Nachmittag proben. Aber das Bein wird wohl gerettet werden." "Massierst du mich?" Franka zog sich aus, griff den String mit ihren blau gequetschten Zehen, warf ihn mir zu und legte sich bäuchlings auf die Bettdecke. "Zwischen meinen Schulterblättern ist es brett-hart." Ich dachte nur, zwischen meinen Schläfen auch, setzte mich auf ihre Unterschenkel, vor mir ihre nackten Pobacken, muskulöser Marmor, rund und fest wie gemeißelt, und es endete wie immer.

"Sollte ich die Notbremse ziehen? Einen Asthmaanfall performen? Aus dem Zug stürzen?"

Joachim Meyerhoff: Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Kiepenheuer& Witsch; 416 Seiten; 24 Euro. Erscheint am 9. November.

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