28.10.2017

Nichts hat sich geändert

Der Historiker Ibram X. Kendi zieht in seiner großen Studie Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika eine deprimierende Bilanz. Von Tobias Rapp
ES IST EIN EIGENARTIGER SATZ, den der amerikanische Autor Ta-Nehisi Coates neulich über Donald Trump schrieb: Trump sei der "erste weiße Präsident".
Coates gilt als der gegenwärtig wichtigste schwarze Intellektuelle der USA: Was meinte er? Waren nicht alle amerikanischen Präsidenten weiß – bis auf einen? Nein, sagt Coates. Trumps Vorgänger seien für ihre Verdienste, ihre Persönlichkeit und ihre Programme gewählt worden, oft im Schlechten, manchmal im Guten. Trump nicht. Er habe einen rassistischen Wahlkampf gemacht und sei genau dafür vom weißen Amerika gewählt worden. Von den weißen Armen und den weißen Reichen, den weißen Gebildeten und den weißen Ungebildeten, den weißen Jungen und den weißen Alten, den weißen Männern und den weißen Frauen. Mit dem Auftrag, die Errungenschaften der Ära Obama zu schleifen.
Es mag überspitzt sein, was Coates da schreibt. Doch falsch ist es nicht. Barack Obamas Amtseinführung zum 44. amerikanischen Präsidenten mag zwar ausgesehen haben wie der Triumph einer amerikanischen Fortschrittserzählung, die Krönung des langen Weges des schwarzen Amerika. Jeder Bürger des Landes, so schien es, kann Präsident werden, egal, welche Hautfarbe er hat.
Doch acht Jahre später lässt sich auch eine andere Geschichte erzählen. Die Chance, von der amerikanischen Polizei erschossen zu werden, ist für einen Schwarzen 21-mal höher als für einen Weißen. Egal, wer im Weißen Haus sitzt. Die USA sind kein postethnisches Land geworden. Der Rassismus, der sie geprägt hat, ist so mächtig und so tödlich wie immer schon. Deshalb hat sich Black Lives Matter gegründet, die wohl einflussreichste afroamerikanische Bewegung seit den Sechzigern.
Gebrandmarkt, die große Studie des Historikers Ibram X. Kendi, lässt sich auch als Geschichtsbuch dieser Bewegung lesen. Ein klarsichtiges und deprimierendes Werk, das systemischen Rassismus als Unterseite des amerikanischen Projekts beschreibt. Von den ersten Siedlern und den rassistischen Diskursen, die sie mitbrachten, bis in unsere Tage. Viel habe sich in den vergangenen 500 Jahren nicht verändert, wenn es um Rassismus gehe, schreibt Kendi.
Er erzählt die Geschichte entlang von fünf Figuren, dem Puritaner-Prediger Cotton Mather, dem wohl einflussreichsten amerikanischen Intellektuellen des 17. Jahrhunderts. Thomas Jefferson, dem Verfasser der Unabhängigkeitserklärung – und Sklavenhalter. William Lloyd Garrison, dem Anführer der Abolitionisten. W.E.B. du Bois, dem bedeutendsten afroamerikanischen Intellektuellen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und der Black-Power-Aktivistin Angela Davis.
Wichtiger noch als diese Figuren ist allerdings Kendis grundsätzliche Systematisierung rassistischen Denkens. Es gebe drei Typen – an denen sich seit Jahrhunderten fast nichts geändert habe. Die Segregationisten, das sind die Leute, die an die Rassentrennung glauben und die Schwarzen selbst für die ethnische Ungleichheit verantwortlich machen. Die Assimilationisten, das sind die Leute, die glauben, Schwarze könnten durchaus wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, dafür müssten sie sich nur dem Verhalten der Weißen so stark wie möglich annähern. Und es gibt die Antirassisten, die die Vorstellung ablehnen, dass sich aus der Hautfarbe Rückschlüsse auf eine Gruppe von Menschen ziehen lässt. Ein paar wenige Aufrechte.
Im 17. Jahrhundert glaubten die Assimilationisten, die Hautfarbe habe mit dem Klima zu tun – und gingen dementsprechend davon aus, jeder Mensch könne potenziell "weiß" werden, wenn er nur lange genug aus dem heißen Afrika weg wäre. Heute denken sie, Erziehung sei der Schlüssel zur Integration. Die Segregationisten hielten die Hautfarbe damals für ein himmlisches Zeichen, wer schwarz sei, sei von Gott für alle Zeiten gezeichnet. Heute glauben sie an einen Zusammenhang zwischen Hautfarbe, Intelligenz und genetischem Code.
Wenig hat sich in diesem Szenario zum Besseren gewendet, auf jeden Fortschritt der amerikanischen Schwarzen folgt ein Rückschritt. Nach dem Sieg des Nordens im Bürgerkrieg und der Abschaffung der Sklaverei kommt die Rekonstruktion, die die alten Eliten des Südens zurück an die Macht bringt. Auf den Widerstand der Schwarzen gegen diese neuerliche Diskriminierung folgen Tausende von Lynchmorden. Die Great Migration, die Flucht von Millionen Schwarzen in den Norden zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und den Siebzigern, wird mit Gesetzen bekämpft. Und gegen die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung steht die Diskriminierung armer Schwarzer.
Wobei es keinen großen Unterschied macht, ob man im Norden oder im Süden wohnt – auch mit diesem Vorurteil räumt Kendi auf. Der Norden habe über die Jahrhunderte vor allem anders diskriminiert als der Süden, schreibt er. Rassismus gab und gibt es überall.
Gebrandmarkt ist eine Geschichte des Rassismus, keine Geschichte des schwarzen Amerika. Dementsprechend schreibt Kendi weder über Jazz und die anderen schwarzen Künste, die das amerikanische Selbstbild im 20. Jahrhundert geprägt haben, noch über den Aufstieg einer großen schwarzen Mittelschicht seit den Sechzigerjahren – es ist nicht sein Thema. Ihm geht es darum, zu erklären, warum trotz dieser Triumphe die gesellschaftliche Teilhabe der Afroamerikaner noch immer so gering ist. Rassistische gesellschaftliche Strukturen bringen rassistische Gedanken hervor, so Kendi, und die Geschichte habe gezeigt, dass nur wenig daran etwas ändern könne. Keine Aufklärung der Rassisten, keine "Verbesserung durch Selbstverbesserung" der Schwarzen, keine Selbstaufopferung. Nur der politische Kampf bringe Veränderung.
Stamped from the Beginning heißt das Buch im Original. Es ist ein Satz des Senators Jefferson Davis von 1860, kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs, als er sagte, "die Ungleichheit der weißen und schwarzen Rasse" sei den Menschen "eingebrannt seit dem Anfang der Tage". Im vergangenen August, kurz nach den rassistischen Ausschreitungen von Charlottesville, die sich ja am Streit um ein Denkmal des Südstaaten-Generals Lee entzündet hatten, wurde in der Nähe von Phoenix im Bundesstaat Arizona ein Denkmal von Jefferson geteert und gefedert.
Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren.
Ibram X. Kendi: Gebrandmarkt. Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika. C.H. Beck; 604 Seiten; 34 Euro.

Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 44/2017
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