28.10.2017

Jazz / Alben

Der Jazzsänger Gregory Porter reist zurück ins Neo-Noir-Amerika: Nat King Cole & Me. Blue Note.
● Um eine Ahnung davon zu bekommen, was dem Musiker Gregory Porter diese Platte bedeutet, muss man sich die Geschichte vergegenwärtigen, die er 2013 dem SPIEGEL erzählt hat. Es ist die Geschichte einer schwarzen Kindheit in einer weißen Nachbarschaft in Südkalifornien, mit Gospel-Gottesdiensten und alltäglichem Rassismus. Weiße warfen ihnen die Fensterscheiben mit Wassermelonen ein, ein Bruder Porters wurde in einer Gegend, die Schwarze nicht duldete, angeschossen. Porter war das jüngste von acht Kindern einer alleinerziehenden Mutter, und er träumte davon, "dass Nat King Cole mein Vater sei". Bloß raus aus dieser Tristesse. Mit seinem fünften Studioalbum "Nat King Cole & Me" zollt der Sänger Porter also gewissermaßen "seinem Vater" Tribut, seinem musikalischen Übervater allemal. Keinem Jazzmusiker der vergangenen 10, 15 Jahre ist es gelungen, aus dem Stand heraus Superstarstatus zu erlangen. Porter schon. Er ist Grammy-ausgezeichnet, seine Konzerte sind meist bis auf den letzten Platz besetzt, sein vorletztes Album "Liquid Spirit" verkaufte sich eine Million Mal und ist mit über 20 Millionen Streams das meistgestreamte Jazzalbum der Gegenwart. Entsprechend kann sich Porter nun die Projekte aussuchen. Dem großen Crooner der Fünfziger- und Sechzigerjahre Nat King Cole ein Album zu widmen, seine zeitlos schönen Lieder neu zu interpretieren, sie jenen Zuhörern wieder in Erinnerung zu bringen, die sie im Lärm der Welt von heute vergessen hatten, war eines dieser Herzensprojekte. Und der Arrangeur Vince Mendoza seine Herzensperson zur Umsetzung des Projekts. Mendoza, bekannt für wuchtige, bisweilen pompöse Arrangements, enttäuscht auch diesmal nicht. Mit dem London Studio Orchestra und ausgewählten Solisten wie dem Pianisten Christian Sands, dem Bassisten Reuben Rogers oder dem Trompeter Terence Blanchard gelingt Porter eine anrührende Zeitreise zurück ins Neo-Noir-Amerika. Kein Wunder, dass dabei zwei Songs besonders hervorstechen: "I wonder who my daddy Is" und "When Love Was King". Auch wenn die Streicher mitunter etwas dick auftragen, vor dem Hintergrund von Porters Biografie sei das Pathos verziehen.
Von Janko Tietz

DER SPIEGEL 44/2017
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