04.11.2017

DrogenWarum trinken Reiche mehr Alkohol, Frau Jüngling?

Kerstin Jüngling, 56, leitet die Fachstelle für Suchtprävention in Berlin.
SPIEGEL: Vor Kurzem ist der Alkohol-Atlas des deutschen Krebsforschungszentrums erschienen, der einen Überblick über den Alkoholkonsum in Deutschland gibt. Ein Ergebnis: Menschen mit hohem Sozialstatus trinken häufiger Alkohol als jene mit einem niedrigeren.
Jüngling: Das ist eine gute Gelegenheit, um mal mit dem Märchen vom armen Arbeitslosen aufzuräumen, der sich die Rübe wegsäuft. Armut korreliert oft mit Zigarettensucht und Glücksspiel. Riskanter Alkoholkonsum ist stattdessen häufiger die Sache von Höhergebildeten.
SPIEGEL: Warum?
Jüngling: Wo viel gearbeitet wird und viel Stress herrscht, wird auch viel Alkohol getrunken. Wir sind ein diszipliniertes Volk. Über Depressionen können wir nur reden, wenn sich Fußballer umbringen. Wir funktionieren. Von morgens um 6 Uhr bis abends um 20 Uhr. Dann wollen wir schnell runterkommen.
SPIEGEL: Wie soll das gehen?
Jüngling: Wir könnten meditieren oder spazieren gehen, aber dafür müsste man sich die Zeit nehmen. Schneller geht es, zwei Gin Tonic runterzukippen.
SPIEGEL: Was würde helfen?
Jüngling: Wir warten ab, bis jemand krank wird, um denjenigen zu heilen. Schlauer wäre es, mehr in die Gesunderhaltung der Menschen zu investieren.
SPIEGEL: Dafür trinken weniger Jugendliche regelmäßig.
Jüngling: Stimmt. Und lange ging es in den Medien fast immer nur um das Komasaufen der Jugendlichen und um Alcopops. Wir haben in Deutschland aber genauso hohe Zahlen bei Menschen über 50. Alkohol in Altersheimen ist zum Beispiel ein großes Thema. Statistisch gesehen ist der Alkoholkonsum zwar rückläufig, aber im weltweiten Vergleich ist Deutschland trotzdem ganz weit vorn. Vor uns sind vor allem Oststaaten. Das Weinland Italien hat einen weit niedrigeren Pro-Kopf-Konsum als wir Deutschen.
Von Mke

DER SPIEGEL 45/2017
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