04.11.2017

KommentarNur ein Etikett

Warum will die Deutsche Bahn einen ICE nach Anne Frank benennen?
Es gehört zu den Marotten von Marketingstrategen, neue Autos, Züge oder Flugzeuge mit Namen zu versehen. Angeblich dient das der Kundenbindung. Die Lufthansa etwa schmückt ihre Jets mit Städtenamen, die Deutsche Bahn versucht es mit Persönlichkeiten. Für die neuen ICE-Züge hat man sich auf eine Liste von 25 Prominenten verständigt, darunter Thomas Mann und Konrad Adenauer, aber auch die Geschwister Scholl, Dietrich Bonhoeffer und Anne Frank.
Zweifellos kann gar nicht häufig genug an die Opfer des NS-Regimes erinnert werden. Wem aber wäre damit geholfen, wenn man einen solchen Namen als Etikett auf ein technisches Verkehrsmittel klebte? Ohne jede Erklärung und ohne Zusammenhang? Anne Frank wurde zudem mit der Reichsbahn, der Vorgängerinstitution der Deutschen Bahn, in die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert, sie starb Anfang 1945. Wer heute einen Zug mit ihrem Namen auf die Reise schicken will, muss ziemlich naiv sein. Allein die Vorstellung, eines Tages mit den Worten "Willkommen im ICE Anne Frank der Deutschen Bahn" begrüßt zu werden, dürfte jeden Fahrgast irritieren. Wenn die neuen Züge denn unbedingt getauft werden sollen, dann bitte nach Personen, deren Schicksal nicht an das finsterste Kapitel der deutschen Geschichte erinnert. Deutsche Technikpioniere etwa böten sich als Namensgeber an. Die Assoziationen wären allerdings auch riskant. Karl von Drais etwa, der Erfinder des Zweirads? Der ICE so schnell wie ein Fahrrad? Oder Rudolf Diesel? Busse fahren bekanntlich mit Dieselmotoren und – anders als die Bahn – auch bei Schnee, Sturm und Eis. Oder gar Otto Lilienthal? Halt! Der Name ist schon vergeben. 1998 taufte die Bahn einen ICE nach dem deutschen Flugpionier. Wahrscheinlich weil dessen Fluggerät untauglich war und als Konkurrenz ungefährlich. Lilienthal brach sich damit das Genick.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 45/2017
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