04.11.2017

LiteraturTräumer

Nach dem Ersten Weltkrieg war München die Stadt einer verrückten Utopie. Dichter übernahmen die Regierung. Ihr Plan: Literatur in Wirklichkeit verwandeln. Von Volker Weidermann
Es war, als wäre München auf der Erdkugel noch etwas weiter hinuntergerutscht, weiter nach Süden. In Richtung Sonne, Lässigkeit, Schönheit, Meer. Es war der Frühling 1919, die Zeit nach der Ermordung des bayerischen Theaterkönigs Kurt Eisner. Bayern hatte keine Regierung, oder es hatte mehrere, die aber alle nicht regierten.
Die ganze Stadt, so schien es, hatte Eisner Ende Februar zur letzten Ruhe geleitet. Der echte König hatte lange schon München und seinen Palast verlassen. Jetzt war man frei. Frei für alle demokratischen, radikaldemokratischen, künstlerischen Experimente. Die Stadt, das Land lagen wie ein weißes Blatt Papier der Möglichkeiten vor den Menschen. Raum für Notizen. Raum für Träume. Jeder seine eigenen. Für eine bessere Welt.
Der Sozialdemokrat, Theaterkritiker und Kriegskritiker Kurt Eisner hatte sich in der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 einfach auf den frei gewordenen Platz
des bayerischen Regierungschefs gesetzt. Hatte Bayern per Deklaration zum Freistaat erklärt und am nächsten Morgen auf Seite eins der "Münchner Neuesten Nachrichten" drucken lassen: "Eine neue Zeit hebt an! Bayern will Deutschland für den Völkerbund rüsten. Die demokratische und soziale Republik Bayern hat die moralische Kraft, für Deutschland einen Frieden zu erwirken, der es vor dem Schlimmsten bewahrt."
Eisner war ein langhaariger Schwärmer mit großem Bart und kleiner Brille. Er hielt sich für einen Erlöser, er redete auch so und sah ein wenig so aus. Seine Religion war die Kunst. Das Theater, die Literatur, die Musik. Beethoven, Hölderlin, Goethe hatten ihm den Weg gewiesen. Er musste nur folgen: "Die Kunst", hatte Rainer Maria Rilke einst geschrieben, "ist immer die Versprecherin der fernsten, mindestens übernächsten Zukunft." Jetzt war sie plötzlich da. Wenige Tage nach seiner Machtübernahme lässt Eisner sich im Nationaltheater feiern. Es ist ein Gottesdienst der Kunst, den er dort, mit wallendem Haar vor dem roten Vorhang stehend, begeht. Bruno Walter hatte Beethovens Leonoren-Ouvertüre dirigiert. Eisner hört in den Klängen die fantastische Wirklichkeit, die er für sein Volk erobert hat: "Das Kunstwerk, das wir eben gehört, schafft in prophetischer Voraussicht die Wirklichkeit, die wir eben erlebt", ruft er. Sein Volk jubelt.
Er ruft sein Volk auf, eine "Armee der Rettung" zu bilden, er fordert direkte und permanente Demokratie, sozialen Ausgleich, Politik als ständiges Miteinander unter Gleichen. Es ist der 17. November. Sein Moment: "Was wir in diesen Tagen erleben", ruft er in die Theaterränge, "ist ein Märchen, das Wirklichkeit geworden ist."
Es währte nicht lange. Eisners Regierung wurde von Beginn an von allen Seiten bekämpft. Von links, scharf links, von rechts sowieso. Eisner bemühte sich um Integration vieler gesellschaftlicher Kräfte in seine Regierung. Er predigte, fuhr über Land, pries seine Märchenregierung in Bierkellern, auf Plätzen und Theatern. Aber der Hass und die Ungeduld wuchsen, der Berliner Jude Eisner sah sich immer größerem Widerstand, Widerwillen und Mordaufrufen ausgesetzt. Er stimmte schließlich Wahlen zu. Das Ergebnis war ein trauriger Witz. Zweieinhalb Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf die Partei des Mannes, der sich für den demokratisch legitimierten König des Volkes hielt.
Zum Hass kamen nun noch Hohn und Verachtung hinzu. Als er sich im Februar auf den Weg in den Landtag machte, um dort seinen Rücktritt zu verkünden, wurde er auf offener Straße von dem blutjungen Anton Graf Arco auf Valley erschossen. Valley war glühender Monarchist und Antisemit. Da er aber selbst jüdische Vorfahren hatte, verweigerte man ihm die Mitgliedschaft in der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft. Er wollte beweisen, dass er ein guter Bayer war. Durch eine patriotische Tat.
Als Kurt Eisner tot war, tat es plötzlich allen leid. Ihr Theaterkönig. Ihr Prediger. Ihr Kunstverkünder. Die ganze Stadt, so wollte es scheinen, begleitete nun den toten Eisner zu seiner letzten Ruhestätte. Sein Freund Gustav Landauer, literaturgläubig wie Eisner, bärtig wie Eisner, sendungsbegeistert wie Eisner, ruft ihm nach: "Kurt Eisner, der Jude, war ein Prophet, der unbarmherzig mit den kleinmütigen, erbärmlichen Menschen gerungen hat, weil er die Menschheit liebte und an sie glaubte." Und er schließt seine Rede: "Die Revolution ist sein Vermächtnis an die Menschheit. Wir haben sie in seinem Geiste fest und human weiterzuführen."
München trauerte. Und rutschte gen Süden. Hippies, Sandalenträger, Hypnotiseure und Hypnotisierte, Radikaldemokraten und Yogis kamen von überallher in die Stadt, von der es hieß, dass hier Literatur in Wirklichkeit verwandelt werde. Dass hier die Menschheit befreit werde, mittels Dichtung und Musik. Menschen, die im Frühjahr 1919 zufällig in diese Stadt kamen, waren fassungslos ob dieser allgemeinen Traumtänzerei, der Prediger, der Gedichteverteiler, all der Möglichkeitsmenschen auf den Plätzen, den Wiesen und in den Straßen.
Vielleicht musste es so kommen, dass Dichter nun das weiße Regierungsblatt an sich nahmen und mit ihren Notizen, ihren Träumen, mit ihren Taten füllten. Viele Wochen lang war immer wieder von der Räterepublik geredet worden, Herrschaft der Räte, der Vertretungen der Arbeiter und Bauern und Soldaten, die im permanenten Gespräch miteinander und mit den Volksbeauftragten das Land Bayern regieren sollten. Irgendwann in einer Nacht Anfang April ist es dann eben passiert. Der junge, lockige, feurige Dramatiker Ernst Toller, Vorsitzender der Unabhängigen Sozialdemokraten, rief zusammen mit politischen und literarischen Getreuen die bayerische Räterepublik aus. Schon die Besetzung des Kabinetts war eigentlich ein Witz. Außenminister wurde ein Franz Lipp, weil er angeblich den Papst persönlich kannte. Er musste schon wenige Tage später wegen offensichtlichen Wahnsinns mit sanfter Gewalt aus dem Amt entfernt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden.
Aber auch sonderbare Genies fanden die passenden Ämter. Volksbeauftragter für Finanzen wurde der Erfinder des Schrumpfgeldes Silvio Gesell. Bärtig wie fast alle Regierungsmitglieder, hatte er die tolle Idee, Geld binnen Wochenfrist an Wert verlieren zu lassen, damit die Wirtschaft in Schwung bleibe, das Vergnügen der Menschen wachse und das Geld der Kapitalisten sich nicht nutzlos auf den Konten langweile.
Volksbeauftragter für Volksaufklärung wurde der Literaturforscher und Anarchist Gustav Landauer, der sein Regierungsprogramm bei Goethe, Hölderlin und vor allem dem amerikanischen Dichter Walt Whitman gefunden hatte. Er wollte die Universitäten für alle öffnen, Gesamtschulen gründen, um die sozialen Bildungsunterschiede zu begrenzen, wollte Hausaufgaben abschaffen und die Kinder alle Gedichte Whitmans auswendig lernen lassen.
Ernst Toller wurde Regierungschef, Dichterkönig von Bayern, er richtete sich im Palast des geflohenen Königs ein, allerdings im Badezimmer, alles andere wäre ihm zu protzig erschienen. Er ließ das Volk zu sich kommen, denn er wollte ja Diener aller Bayern sein. Und sie kamen, jeder mit einem Vorschlag zur Rettung der Welt oder wenigstens der Bayern. So lange schon hatte man gewartet auf die Verwirklichung der eigenen Ideen für eine bessere Welt. Sie schlugen vor, auf Fleisch zu verzichten, auf poröse Unterwäsche, jeder hatte eine spezielle Idee. Und Toller hörte zu, wunderte sich und schrieb Deklaration auf Deklaration.
Es war, als hätte sich für einen Augenblick ein Fenster geöffnet, das den Blick freigab in eine andere Welt. Die Dichter selbst, Toller, der Anarchist Erich Mühsam, Landauer und all die mit den Traumdichtern Sympathisierenden wie Oskar Maria Graf, Klabund, Rainer Maria Rilke, der zu Beginn der neuen Zeit keine Bierkellerrede verpasste, sie alle rieben sich die Augen und konnten es nicht fassen. Eine Dichterrepublik. Ihr freies Land. Sie hatten es vorgedichtet, die Wirklichkeit folgte.
Man muss Rilke in diesen Tagen sehen, den zarten, zeitentrückten Sternendichter, der plötzlich mitgerissen wurde vom Volk, vom Bier, vom Glück der Menschen. Oskar Maria Graf, der Geld sammelte, um im Brauhaus auf großer Bühne eine Rede zu halten, der die ganze Stadt mit Plakaten beklebte und die Menschen einlud, ihm zuzuhören, und dann stand er auf der Bühne, wusste nicht, was er sagen sollte, und wurde schließlich von den enttäuschten Hörern von der Bühne geprügelt.
Es war turbulent und herrlich – eine Stadt als Roman. Aber es endete fürchterlich. Der Hass in der Bevölkerung wuchs. Die Menschen hatten Angst um ihr Geld, um ihr Leben, um ihre Sicherheit, um ihre Ruhe. Die Stadt und das Land waren erschöpft von den Jahren des Krieges, von der Niederlage. Man hatte sich das jetzt eine Weile gefallen lassen, diese Faschingsregierung. Man hatte gedacht, sie würde sich in Luft auflösen, würde davonfliegen wie ein kleines Manuskript im Wind.
Aber sie flog nicht davon. Und der Hass wuchs. In einer zweiten Phase der Räterepublik hatten die Kommunisten das Ruder in die Hand genommen. Der Spaß war vorbei. Es war plötzlich sehr, sehr ernst geworden. Die Straßen schmückten nicht mehr die harmlos-freundlichen Dichterresolutionen Ernst Tollers. Jetzt wurde mit Erschießung gedroht, wenn man zum Beispiel seine Waffen nicht abgäbe.
Die aus Berlin entsandten Freicorps rückten in die Stadt ein, sie wurden von der Bevölkerung jubelnd begrüßt. Es war, als hätte man einen Stöpsel aus der Flasche gezogen. Der Hass triumphierte. Hass auf die Kommunisten, Hass auf die Russen, die politischen Einfluss genommen hatten, Hass vor allem auf die Juden. Thomas Mann, der in diesen Wochen täglich schwankte zwischen Lob des Kommunismus und der Forderung, die jüdischen Literaten auszumerzen, schrieb in sein Tagebuch: "Eine Welt, die noch Selbsterhaltungsinstinkt besitzt, muss mit aller aufbietbarer Energie und standrechtlicher Kürze gegen diesen Menschenschlag vorgehen."
Liebe war der Traum. Hass war das Ergebnis. Im Luitpoldgymnasium hatten Anhänger der Räteregierung einige Gefangene hingerichtet. Das war ein Fanal. Es war, als hätte sich ein Höllentor geöffnet. Der Hass auf die Roten und auf angebliche Rote, der Hass auf die Juden entlud sich. Gewehre wurden an Bürger verteilt. Es wurde denunziert, gemordet, massenhaft. Der harmlose Menschenfreund Gustav Landauer wurde auf bestialische Weise gelyncht, Menschen wurden ohne Grund auf offener Straße erschossen, von über 600 Toten ist die Rede.
Der bei den Rechten besonders verhasste Erich Mühsam war, zu seinem Glück, wenige Tage zuvor verhaftet und ins Gefängnis gebracht worden. Er schrieb: "Das ist die Revolution, der ich entgegengejauchzt habe. Nach einem halben Jahr ein Bluttümpel. Mir graut."
Ein Mann, erfolgloser Künstler, unauffälliger Soldat, hatte während der Räteregierung mit den Kameraden in seiner Kompanie seinen 30. Geburtstag gefeiert. Er hatte wohl, wie alle Soldaten seines Regiments, eine rote Armbinde getragen. Seine Kameraden hatten ihn zum Vertrauensmann gewählt. Er wusste noch nicht, welche Aufgabe das Leben für ihn vorgesehen hatte. Antisemitische Äußerungen waren von ihm keine bekannt geworden. Wenige Wochen nach der Niederschlagung der Dichterrepublik hielt er seine ersten Reden. Seine Ausbilder bei der Reichswehr waren begeistert von seinem Talent. Vorgesetzte waren nur etwas beunruhigt von dem sehr heftig zutage tretenden Judenhass. Den, so die Ausbilder, möge er, der 30-Jährige mit dem Rednertalent, möge Adolf Hitler doch etwas dämpfen.
München, die Träumerstadt, war entzweigerissen. In sich unerbittlich bekriegende, belauernde, einander hassende Hälften. Immerhin Klarheit herrschte jetzt. Jeder wusste, wo er stand. Oskar Maria Graf schrieb, nachdem er Entsetzliches im Gefängnis, Entsetzliches auf dem Münchner Ostfriedhof erlebt hatte: "Mein winziger Kreis zerbarst. Ich war mehr als bloß 'Ich'. Ein großes Glück durchströmte mich."
Der zarte, unpolitische, so plötzlich in die politische Welt emporgeschleuderte Dichter Rilke verließ München und kehrte nie mehr nach Deutschland zurück. Später schrieb er über den bayerischen Traum der gedichteten Republik: "Deutschland hätte 1918, im Moment des Zusammenbruchs, alle, die Welt beschämen und erschüttern können durch einen Akt tiefer Wahrhaftigkeit und Umkehr. Damals hoffte ich einen Augenblick ..."
Es war ein Traum. Es war eine Möglichkeit. Ein Gedicht. Es war die Weltsekunde der Literatur an der Macht.

Es war, als hätte sich für einen Augenblick ein Fenster geöffnet in eine andere, freie Welt.

München war entzweigerissen in einander unerbittlich bekriegende, belauernde Hälften.

Volker Weidermann Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen Kiepenheuer & Witsch; 288 Seiten; 22 Euro. Erscheint am 9. November.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 45/2017
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