04.11.2017

FilmkritikFamilie Mustermann in der Hölle

George Clooney erzählt in „Suburbicon“ von Gangstergewalt und Rassenhass in den USA.
Nur die Kinder haben einen Blick für das Grauen. Mögen sich die Erwachsenen in der blitzsauberen Vorstadtsiedlung Suburbicon irgendwo im Herzen der USA an Dauersonnenschein, Millimeterrasen und fetten Limousinen erfreuen und tagein, tagaus das gleiche Zahnpastalächeln aufsetzen, die Gesichter der beiden Nachbarjungs Nicky (Noah Jupe) und Andy (Tony Espinosa) zeigen blanke Panik. Nicky ist weiß, Andy ist dunkelhäutig. Der eine ist einem Familiengeheimnis auf der Spur, das mit dem Job seines Vaters und den beiden Frauen im Haus, seiner Mutter und seiner Tante, zu tun hat. Der andere ist der Sohn des ersten afroamerikanischen Ehepaars, das den Einzug in die bisher ausschließlich von Weißen bewohnte Mustersiedlung gewagt hat – und beide Jungs sind von ihren Eltern zu einem höchst unfreiwilligen Heldentum verdammt.
"Suburbicon" heißt der Film, in dem man Nicky und Andy zögerlich am Gartenzaun Freundschaft schließen sieht, Regisseur ist George Clooney. Er ist als Schauspieler berühmt geworden und hat sich als Filmemacher viel Lob und einige Preise, zum Beispiel für das Politikerdrama "The Ides of March – Tage des Verrats" (2011), verdient. Clooneys neues Werk spielt in den USA der Fünfzigerjahre und ist ein Lehrstück, als hätten es sich nicht die Coen-Brüder (die hier tatsächlich als Drehbuchautoren aufgeführt sind) ausgedacht, sondern Bertolt Brecht, der Klassiker der moralischen Menschenertüchtigung. Die guten, scheinbar so fröhlichen Erwachsenen im scheinbar so wohlhabenden Suburbicon nämlich sind im Herzen fast alle Verbrecher, modelliert nach dem brechtschen Leitspruch: "Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht, da hab ich eben leider recht!"
Matt Damon spielt einen bebrillten, nervösen Buchhaltertypen namens Lodge, dessen Frau (Julianne Moore) nach einem Autounfall im Rollstuhl sitzt und dessen Schwägerin (gleichfalls Julianne Moore) sich um den Haushalt und den Jungen Nicky kümmert. Eines Nachts dringen zwei Mafiagangster ins Haus der Lodges ein, misshandeln den Vater und töten die Mutter – und während die Polizei, der Witwer und die Nachbarn sich für diesen Todesfall eher wenig zu interessieren scheinen, versammelt sich ein brüllender, Fackeln schwenkender Mob vor dem Haus der afroamerikanischen Nachbarn.
"Suburbicon" ist verblüffenderweise kein Horrorfilm, sondern eine Komödie. Der Film beginnt mit einem Werbespot für die titelgebende Siedlung, die präsentiert wird als Heimstatt des amerikanischen Traums, in der ohne Ansehen von Herkunft und Stand freie Menschen ein freies Leben in schmucken Eigenheimen verbringen dürfen. Tatsächlich sehen dann auch die Figuren ganz so aus, als wären sie einem Werbespot entstiegen. Matt Damon als Lodge ist als Karikatur eines Bürohengsts hergerichtet, Julianne Moore als Abziehbild der properen Hausfrau, selbst die beiden Gangster sind zu Typen stilisiert. Tatsächlich tun sich in diesem Film nirgendwo Abgründe auf, oft wirken die Erwachsenen, als wären sie fremdgesteuert und ohne eigenen Willen. Selbst ihre Ausbrüche und Gewalttaten wirken, als hätte eine höhere Macht sie angeleitet.
Clooneys Film hat eine klare Aussage, aber er formuliert sie in satirischem Gewand. Er attackiert den nur angeblich uramerikanischen Geist derer, die aus den USA einen Raubtierstaat machen möchten. Als "Suburbicon" Anfang September beim Festival in Venedig präsentiert wurde, fanden manche Zuschauer das irritierend und verkehrt. Clooney verkündet: Raffgier, Mordlust und Fremdenfeindlichkeit seien eins. Die Gewalt, die in den USA damals wie heute in allen Geldfragen regiere, sei die gleiche Gewalt, die sich bis heute in allen Formen des Rassenhasses artikuliere. Manche amerikanischen Kritiker nannten das zynischen Humbug; manche warfen dem Regisseur vor, er hätte lieber zwei Filme drehen sollen, statt die von den Coen-Brüdern gelieferte Mord-und-Totschlag-Story mit einer von Clooney selbst dazuerfundenen Rassismusgeschichte zu kombinieren; andere Kritiker beschwerten sich, dass man bei diesem Film nie wisse, ob man empört sein soll oder laut loslachen darf.
Natürlich steckt in dieser Ambivalenz das gar nicht geringe Kunststück des Films "Suburbicon". Er will es seinen Zuschauern nicht leicht machen. Er wiegt sie eine Weile in der Sicherheit einer sonnig-makabren Satire. Er führt ihnen lauter Helden vor, die sich später möglicherweise als Schurken erweisen. Er sägt so lange an allen Gewissheiten herum, bis sich auch der Kinozuschauer merkwürdig alleingelassen fühlt, fast so wie die beiden kindlichen Hauptfiguren. Ständig scheinen die Augen von Nicky und Andy zu fragen: Wann werden wir aus diesem Albtraum erwachen? Dass sie darauf keine Antwort finden dürfen, ist für einen Film aus Hollywood ein Wagnis an Weltschwarzmalerei.
Kinostart: 9. November
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 45/2017
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