11.11.2017

FilmeEvas Pirouetten

Lässt sich ein monumentaler Verbrecher nur mit einem monumentalen Werk darstellen? Der Regisseur Hermann Pölking und sein Produzent Thorsten Pollfuß sind davon offenbar überzeugt. Ihre Dokumentation Wer war Hitler, die nun in die Kinos kommt, zieht sich in der Kinoversion über gut drei, in der Festivalfassung sogar über mehr als sieben Stunden hin. Die beiden haben gründlich in Archiven recherchiert und eine Filmbiografie der besonderen Art erstellt: ein wildes Sammelsurium aus Amateur-, Wochenschau- und Propagandafilmen, die das Leben Adolf Hitlers ausschließlich aus der Sicht von Zeitzeugen dokumentieren. Der künstlerische Anspruch erinnert an Claude Lanzmanns geniales Großprojekt "Shoa", doch leider wird "Wer war Hitler" diesem Anspruch nicht gerecht. Lanzmann ließ Überlebende und Täter des Holocaust retrospektiv zu Wort kommen. Pölking und Pollfuß verlassen sich auf den naiven Blick der Zeitgenossen, die alles sehen, aber nichts verstehen. Zudem reichern sie die Stummfilme mit Texten an, denen häufig jede Beziehung zum Gezeigten fehlt. Da dreht Eva Braun Pirouetten auf Schlittschuhen, und dazu wird ein Hitler-Text verlesen, in dem es um vieles, aber nicht um Eva Braun geht. Da wird aus der Predigt des Bischofs von Galen zitiert, der die Euthanasie kritisierte, und das Bild eines Mannes beim Pfeiferauchen gezeigt, der definitiv nicht der Bischof ist. Die Filmemacher sind stolz auf ihr "surrealistisches" Verfahren, die Zuschauer dürften am Ende eher befremdet und kein bisschen klüger sein.
Von Dy,

DER SPIEGEL 46/2017
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