17.01.2000

ZEITGESCHICHTEGeheimoperation Fürstenberg

Jahre vor der Kuba-Krise brachten die Sowjets heimlich Mittelstreckenraketen ins Ausland. Ohne Wissen ihrer NVA- Waffenbrüder stationierten sie Nuklearwaffen in der DDR.
Im Januar 1959 meldete V-Mann 9771 seinem in West-Berlin residierenden Kontaktmann vom Bundesnachrichtendienst (BND) erstaunliche Dinge. Auf der Bahnstrecke Lychen-Fürstenberg, 80 Kilometer nördlich von Berlin, sei ein Trupp der sowjetischen Armee eingetroffen und habe auf freier Strecke mit Hilfe von Raupenschleppern "sehr große Bomben" ausgeladen. Das Gut sei dann "unter Umgehung von Chausseen" in ein Russen-Arsenal verfrachtet worden.
Der V-Mann hatte gut beobachtet: Die Sowjets waren gerade dabei, Atomraketen auf DDR-Territorium zu stationieren. In einer Kaserne im Gebiet des brandenburgischen Fürstenberg an der Havel, unweit des ehemaligen Konzentrationslagers Ravensbrück, wurden zwei mobile Abschussrampen für sechs Raketen des Typs R-5M - Nato-Code: SS-3 - stationiert, in einem weiteren russischen Stützpunkt südöstlich davon, in Vogelsang, ebenso viele. Die beiden dazugehörigen Raketeneinheiten waren unter Tarnbezeichnungen eigens aus Russland in die DDR verlegt worden und zählten zur 72. Ingenieurbrigade - einem Eliteverband, der direkt dem Zentralkomitee der KPdSU unterstellt war.
Chruschtschows Traum, London und Paris mit atomaren Mittelstreckenraketen bedrohen zu können, nahm damit Gestalt an. Eine weitere Raketenbasis in Albanien komplettierte die sowjetische Strategie: Von der Hafenstadt Vlorë aus wurden Rom und das Nato-Hauptquartier Südeuropa in Neapel ins Visier genommen.
Die Aufstellung der SS-3 lief unter derart großer Geheimhaltung, dass nicht einmal die ostdeutschen Waffenbrüder unterrichtet wurden. Der einstige DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler, seinerzeit Chef der DDR-Luftstreitkräfte, behauptet bis heute, er habe "über eine derartige Aktion keine Kenntnis gehabt". Auch später sei er vom Oberkommando des Warschauer Pakts nie in diese Nuklear-Mission eingeweiht worden.
40 Jahre lang blieben die Akten über die Operation unter Verschluss. Jetzt gaben Moskauer Militärs einem westlichen Historiker erstmals Einblick in den Ablauf der Staatsaktion. Matthias Uhl, 29, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, durfte Zeitzeugen befragen und einschlägige Dokumente sichten.
Mit der Geheimoperation Fürstenberg, erinnert sich der damals auf dem Stützpunkt als Instandsetzungsoffizier eingesetzte spätere Generalmajor Wladimirski in einer von Uhl ausgewerteten internen Jubiläumsschrift der Brigade, begann "ein unruhiges Warten auf die Entwicklung der Ereignisse um West-Berlin" - Indiz dafür, dass die Sowjets die Stationierung bei der sich anbahnende Berlin-Krise zu nutzen gedachten.
Anders als in der Suezkrise drei Jahre zuvor, als Chruschtschow England und Frankreich öffentlich mit Raketen unter Druck setzte, die noch gar nicht einsatzbereit waren, besaßen die Sowjets jetzt ein echtes Drohpotenzial. Für die Russen, die sich vor einem nuklearen Erstschlag der USA fürchteten, diente der atomare Vorposten zudem als weiterer Schritt zum Aufbau einer Balance des Schreckens.
Das freigegebene Material belegt, dass nicht die Karibikinsel Kuba 1962, wie bislang von den Militärhistorikern angenommen, sondern die DDR der erste Standort sowjetischer Mittelstreckenraketen im Ausland war.
Die konspirative Stationierung in der DDR verlief ähnlich wie die Kuba-Krise, als die Russen klammheimlich ihre Atomraketen auf der Zuckerrohrinsel in Stellung brachten und damit New York und Washington bedrohten. Doch während US-Präsident John F. Kennedy im Falle Kuba die Sowjets mit Androhung eines Weltkriegs zum Abzug bewegen konnte, taktierte sein Vorgänger Dwight D. Eisenhower 1959 anscheinend subtiler - mit einer Mischung aus Geheimdiplomatie und Gegendruck.
Begonnen hatte der Politkrimi aus der Zeit des Kalten Kriegs Anfang der fünfziger Jahre. Ab 1952 verließen Hitlers deutsche Raketenspezialisten, die von den Russen Richtung Osten verschleppt worden waren, die Sowjetunion. Ihre Hinterlassenschaft: eine funktionierende Serienproduktion der R-1, die ganz auf der einst vom deutschen Raketentechniker Wernher von Braun entwickelten V-2 basierte. Mit der R-1 begann das Moskauer Raketenprogramm.
Durch die R-5M, die Atomsprengköpfe mit der Sprengkraft von 300 Kilotonnen TNT, dem gut 20fachen der Hiroschima-Bombe, 1200 Kilometer weit transportieren konnte, gelang den Russen der Einstieg in ein qualitativ neues System von Abschreckungswaffen. Die R-5M, im Nato-Code auch "Shyster" (Halunke) genannt, so der russische Raketenpionier Boris Tschertok, sei "der erste Atomwaffenträger in der Geschichte der Militärraketentechnik" überhaupt gewesen. Ab 1956 wurden insgesamt 28 Exemplare bei den Streitkräften aufgestellt.
Schon am 26. März 1955 indes beauftragte Parteichef Nikita Chruschtschow Verteidigungsminister Marschall Georgij Schukow, Raketen in der DDR, Bulgarien, dem Kaukasus und dem Fernen Osten zu stationieren. Bis zum 1. Juli 1956 seien die einzusetzenden Einheiten auf "volle Gefechtsstärke" zu bringen. Zur Umsetzung dieser Maßnahmen, heißt es in dem Geheimerlass "Nr. 589-365 ss" weiter, sei der Personalbestand dieser Truppen um 5500 Mann aufzustocken.
Doch der Termin konnte nicht gehalten werden. Erst Anfang 1957 traf Generalmajor Puzik, Bevollmächtigter für die Stationierung, in der DDR ein. Aus Geheimhaltungsgründen durfte Puzik im Land des Waffenbruders keine Aufzeichnungen über seine Inspektionsreise anfertigen. Auch die genauen Karten der vorgesehenen Stützpunkte entstanden erst nach seiner Rückkehr in der Operationsabteilung des sowjetischen Generalstabes.
Die für die Geheimoperation ausgewählte Truppe verfügte bereits über Deutschland-Erfahrung. Die 72. Ingenieurbrigade wurde 1946 in Thüringen formiert. Auf Weisung Stalins sollte sie in Berka bei Sondershausen den Abschuss der V-2 testen. Das Ziel: die praktische "horizontale Erprobung" von gut einem Dutzend aus Beutestücken montierten V-2-Raketen.
Ab Dezember 1958 trafen Stab und zwei Raketenabteilungen der zwischenzeitlich in Astrachan stationierten Brigade in Ostdeutschland ein und begannen mit der Verladung der Projektile. Die von V-Mann 9771 zufällig beobachteten "sehr großen Bomben" waren zweifelsfrei Komponenten der mit Gefechtskopf 20,8 Meter langen R-5M-Raketen, die vormontiert zu ihren Standorten gebracht wurden. Die Atomsprengköpfe kamen im April 1959 an. Unter starker Bewachung wurden sie über den Flughafen Templin eingeflogen und in den folgenden Nächten auf die Bunker in Vogelsang und Fürstenberg verteilt.
Am 29. April 1959 kam es beim Sprengkopftransport offenbar zu einem schweren Zwischenfall, der in den bisher zugänglichen Akten nicht genauer bezeichnet ist. Der Verantwortliche für den Transport, Oberstleutnant Nesterow, wurde an Ort und Stelle abgelöst. Generalleutnant Michail Nikolski, wenig später Stabschef der Strategischen Raketentruppen, verfügte dessen sofortige Degradierung.
Zudem gab es technische Probleme. Der flüssige Sauerstoff, wichtigste Treibstoffkomponente, verdampfte innerhalb von 30 Tagen. Riesige Nachschubmengen mussten produziert und bereitgehalten werden - wie Uhl vermutet, kam der Stoff aus den DDR-Chemiewerken in Leuna, weil der langwierige Transport aus der UdSSR zu hohen Verlusten in den Kesselwagen führte.
Auch der Alkohol im Zündungssystem "verdunstete" gelegentlich, wie die Akten ausweisen: Einige Soldaten ersetzten das blau eingefärbte, 92prozentige Äthanol, bei der Truppe als Drink unter dem Namen "Blaue Donau" begehrt, durch gelb gekennzeichnetes Methanol. Es hagelte Disziplinarstrafen.
Wegen der regelmäßigen amerikanischen Spionageflüge übten die Sowjetsoldaten nur nachts an den Raketen. Die simulierten Startzeiten verkürzten sich nach und nach von anfangs 30 auf 5 Stunden. Danach endlich, erinnert sich der spätere Generalmajor Dmitrijew, damals einer der Kommandeure vor Ort, "war die Einnahme der festgelegten Stufe der Gefechtsbereitschaft für den Kampfeinsatz möglich" - unmilitärisch übersetzt, die Brigade sei bereit gewesen, "Raketenstarts durchzuführen".
Auch die Herren im Kreml waren umgehend im Bilde. Im Mai 1959 meldete Marschall Matwej Sacharow, Chef der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, Chruschtschow persönlich die Einsatzbereitschaft. Dem Oberbefehlshaber im Kreml war die Schießorder im Kriegsfall vorbehalten.
Vier Raketen waren auf England gerichtet. Durch vier atomare Schläge sollten im Ernstfall die ersten britischen "Thor"-Raketenstellungen in Norfolk und Lincolnshire ausgeschaltet werden. Außerdem waren amerikanische Basen in Westeuropa bedroht, von denen im Falle eines Nuklearkriegs US-Atombomber aufsteigen sollten. Sowjetische Militärstrategen sahen noch eine dritte Option: Durch die Zerstörung der Atlantikhäfen hätten sie Westeuropa vom Partner USA abschneiden können.
Doch auch die Gegenseite schien inzwischen gewarnt - und das offensichtlich nicht nur durch aufmerksame BND-Späher allein. Auch die "entsprechenden Aufklärungseinrichtungen" der westlichen Siegermächte, notierte der spätere Generalmajor Wladimirski vom Stab der Brigade, hätten sich "bei der Beschattung unserer Schritte" sachkundig machen können, weil es "einfach zu viele demaskierende Hinweise" gegeben habe.
Seit 1958 übte das Strategische Bomberkommando der Amerikaner (SAC) eine neue Form der Alarmbereitschaft, bei der gefechtsbereite Bomber 24 Stunden lang in der Luft waren. "Wir müssen", so der Kommandeur des SAC, General Thomas Power, "Mister Chruschtschow damit beeindrucken." Anscheinend gelang das.
Fest steht, dass im August/September 1959 die 72. Ingenieurbrigade die Stellungen in der DDR überraschend verließ. Die Raketen wurden, ein knappes halbes Jahr nachdem sie gefechtsklar gemeldet worden waren, auf russisches Territorium ins Kaliningrader Gebiet abgezogen. Laut Raketen-General Puzik war der neue Standort in der Heimat "ökonomischer und sicherer" - und wohl auch militärisch sinnvoll. Denn inzwischen wurden bereits neue Mittelstreckenraketen mit Reichweiten von über 2000 Kilometern aufgestellt, mit denen, so Puzik, "die gleichen Aufgaben vom Territorium unseres Staates aus erfüllt werden konnten".
Die wahren Gründe des plötzlichen Rückzugs bleiben im Dunkeln, solange Amerikaner wie Russen die Details weiter geheim halten. Ein wichtiger Grund könnte, so Uhl, im Rahmen der Berlin-Krise zu finden sein. Die Sowjets wollten keine Eskalation bis hin zum Krieg, den die Nato notfalls zu führen bereit war.
So sahen die Planungen des Nato-Stabs "Live Oak", 1959 eigens eingerichtet, um die westalliierten Rechte in Berlin zu sichern, in einem Krisenszenario einen kon-
tinuierlich stärker dosierten Einsatz militärischer Gewalt vor - vom bewaffneten Durchbruch von US-Kampfverbänden durch die DDR nach Berlin bis hin zu atomaren Gegenschlägen. Da Chruschtschow jedoch "gerade auf Bluff und nicht auf Krieg setzte", glaubt Historiker Uhl, "war die weitere Stationierung der Raketen in der DDR sinnlos geworden".
Auch politisches Tauwetter kann eine Rolle gespielt haben. Im Frühjahr 1959 war die Genfer Außenministerkonferenz erfolglos beendet und vertagt worden, bei der es neben Abrüstungsfragen auch um die sowjetischen Berlin-Ultimaten ging. Die USA gingen trotzdem auf die Sowjetunion zu. Am 12. Juli übergab der stellvertretende Unterstaatssekretär im Außenministerium Robert Murphy den Russen eine Einladung von Präsident Eisenhower an Chruschtschow.
Tags darauf wurden die Verhandlungen in Genf wieder aufgenommen. Die deutsche Seite, die eine Aufweichung der Positionen der Westmächte befürchtete, protestierte. "Ohne die geringste Konzession" der Sowjets, so der damalige Bundesaußenminister Heinrich von Brentano, werde über die Köpfe der Deutschen hinweg verhandelt. Eine Konzession freilich könnte es gegeben haben: den Raketenrückzug.
Als Chruschtschow am 15. September 1959 seinen Amerika-Besuch antrat, waren die Raketenstellungen im Raum Fürstenberg nicht nur bereits geräumt. Der herzliche Empfang durch Eisenhower - er schenkte dem Gast unter anderem eines seiner Angus-Rinder - brachte auch greifbare Ergebnisse: Der sonst so polterige Russe zog seine Ultimaten zurück und machte sich für weitere Abrüstung stark.
Die Folgen des vorübergehenden Sinneswandels, ehe sich mit Mauerbau und Kuba-Krise die Ost-West-Konfrontation erneut verschärfte, registrierten auch die Kundschafter des BND. Am 10. September 1959 meldete V-Mann 9771 aus dem brandenburgischen Fürstenberg die Ankunft einer neuen "Einheit aus der SU" - wie die abgezogenen Raketenspezialisten auch "mit Artillerie-Abzeichen".
Doch einen Unterschied gab es. In den Monaten der Raketenstationierung sollten sich die Russen von Deutschen, die selbst zum Stromablesen nicht in die abgeschirmten Innenbereiche der Kasernen gelassen wurden, fern halten. Nun schien die Kontaktsperre wieder gelockert. Die Posten, so der märkische BND-Beobachter, wollten den deutschen Nachbarn "Uhren aus Moskau verkaufen". WOLFGANG BAYER
* Auf dem Freigelände des Zentralen Museums der Streitkräfte der Russischen Föderation in Moskau.
Von Wolfgang Bayer

DER SPIEGEL 3/2000
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