17.01.2000

ÖSTERREICHMehr als Fische und Falschgeld

Das Ausseer Land wappnet sich für den Ansturm der Weltpresse - im Toplitzsee wollen CBS und das Simon-Wiesenthal-Zentrum nach Nazi-Akten tauchen lassen. Österreich unterstützt die fremdgesteuerte Klärung der eigenen Geschichte.
Spätherbst 1999. Ein massiger Mann betritt die einsam gelegene Jausenstation Fischerhütte am Toplitzsee. Er ist Mitte Vierzig, spricht Englisch und sieht den üblichen Wanderern oder Gamsgulasch-Essern nicht ähnlich. Kickbox-Trainer sei er, sagt der Fremde. Ob er im angrenzenden Waldstück üben dürfe? Er darf.
Albrecht Syen, der Wirt von der Fischerhütte, hat sich angewöhnt, nichts mehr merkwürdig zu finden. Der Alpensee vor seiner Haustür lockt seit Kriegsende Neugierige. Wo schwere Minen, rostige Fliegerbomben, kistenweise Falschgeld und ein toter Sporttaucher ans Licht gekommen sind, wird mehr vermutet. Das Geheimnis des Sees nährt den Wirt.
Plötzlich steht der Kickbox-Trainer wieder in der Gaststube. Er sagt, "dass er Verwandte im KZ verloren hat und hier nach Nazi-Akten tauchen will". So zumindest erinnert sich Syen. Die Visitenkarte, die der Unbekannte später hinterlässt, lautet auf Yaron Svoray, "Enthüllungsjournalist".
Kurz vor Weihnachten sickert in Österreich durch, dass eine Tauchexpedition im bis zu 103 Meter tiefen Toplitzsee bevorstehe. Als Betreiber der Aktion geben sich zu erkennen: der amerikanische Fernsehsender CBS und das Simon-Wiesenthal-Center Los Angeles. Nach nicht näher bezeichneten "Materialien" und Dokumenten aus der NS-Zeit soll baldmöglichst gesucht werden.
Das Ausseer Land samt Toplitzsee liegt von Felswänden umschlossen im steirischen Salzkammergut. Es war die letzte Fluchtburg der furchtbaren SS-Granden. Ernst Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), und Adolf Eichmann, Leiter des Judenreferats im RSHA, strandeten in den ersten Maitagen 1945 am Fuß des Toten Gebirges.
Wie viel Gold, Geld und Geheimakten sie im Gepäck hatten, ist seither unter Historikern wie Schatzsuchern umstritten. Auch, was davon in den Kisten steckt, die im Toplitzsee versenkt wurden. Der "Stern" barg 1959 vom Seegrund vor allem gefälschte Pfundnoten aus dem SS-"Unternehmen Bernhard". Taucher im Auftrag von Österreichs Innenministerium förderten 1963 weitere Kisten zu Tage. Auch sie enthielten - offiziell - nur Falschgeld.
Keine Spur hingegen von Akten aus dem Reichssicherheitshauptamt. Die Überzeugung, "dass sich im Toplitzsee Dokumente über die Verlagerung deutschen Kapitals befinden, das heißt die so genannte Liste der Depositare", hat Simon Wiesenthal 1963 in einem Brief an Österreichs Innenminister geäußert. Das Fluchtkapital, so Wiesenthal, sei für den "Aufbau eines Vierten Reichs" gedacht gewesen.
Jetzt, Jahrzehnte später, stellt das Simon-Wiesenthal-Center Los Angeles seinen Namen, CBS das Geld und die bei der "Titanic"- und "Lucona"-Bergung erprobte Oceaneering Advanced Technologies Group ferngesteuerte U-Boote - für den neuesten Zugriff auf den Toplitzsee. Von Februar an soll wochenlang getaucht werden, "60 Minutes" auf CBS sind verplant.
Und schon ist der mysteriöse Kickbox-Trainer wieder im Ausseer Land. Er sitzt gemütlich im Frühstücksraum des gediegenen Hotels "Erzherzog Johann". Ob er zur CBS-Mannschaft gehöre? Ob er wisse, wonach genau hier getaucht werden solle? Betretenes Grinsen, eisiges Schweigen.
Yaron Svoray, Erfinder des Projekts und offiziell CBS-"Berater", gibt den Nazi-Jäger mit Tarnkappe. Laut Vita ehemaliger Fallschirmjäger in der israelischen Armee, beteiligt am Jom-Kippur-Krieg und an Grenzüberfallkommandos, Polizeidetektiv, freiwilliger Mitarbeiter der US-Drogenfahndung und Retter "gestohlener Nazi-Diamanten", stellt er für gewöhnlich lieber selbst die Fragen.
Svoray hat 1994 ein Buch veröffentlicht über Erfahrungen als Undercover-Agent in der deutschen Neonazi-Szene. Es hat ihm in amerikanischen Hörsälen und jüdischen Gemeindezentren Kultstatus beschert. Die damalige Aktion, vom Wiesenthal-Zentrum gedeckt, schildert der Autor später in den USA als Grenzgang zwischen Leben und Tod: "Ich ging zu Bett mit dem Gedanken, jede Nacht könnte meine letzte sein."
"In der Höhle des Löwen" (Titel) wimmelt es von neuen deutschen Rechten. Der Führer der Nationalistischen Front - damals gut hundert Organisierte - kommt mit der Behauptung ins Buch, hinter ihm stünden 7000 Mitglieder und fast 9000 Sympathisanten.
Als "nützlicher Idiot" sei Svoray von den Neonazis aufgenommen worden, urteilt ein führender deutscher Verfassungsschützer. Seine Übertreibungen müssten sich herumgesprochen haben: "Sollte das Wiesenthal-Center noch einmal mit diesem Mann zusammenarbeiten, kann es sich auf Unkenntnis nicht mehr berufen."
Svoray hat in der Folge weiter Aufsehen erregt. In einem Raum mit 25 masturbierenden Nazis in Uniform will er einen "Snuff"-Film gesehen haben, der zeigt, wie ein Mädchen erst vergewaltigt und dann vor laufender Kamera getötet wird. In den USA habe er Ähnliches erlebt. Das FBI äußerte Zweifel an Svorays Angaben: Es seien bis dato keine authentischen Snuff-Filme bekannt.
Nun also der Toplitzsee. Wieder geht es um Nazis, diesmal um tote. Haben sie ihre Geheimpapiere wirklich im steirischen Schlamm versenkt? Während der 91 Jahre alte Simon Wiesenthal in Wien wissen lässt, er sei in das Tauchprojekt nicht einmal eingeweiht worden, unterstützen die Westküsten-Rabbis vom Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles die Suche.
Dass Aufschlussreiches gefunden wird, gilt als unwahrscheinlich, obwohl der CBS-Verantwortliche Bill Owens optimistisch von einer "50 : 50-Chance" spricht und von der Skorzeny-Spur: Otto Skorzeny, Mussolini-Befreier, war später Organisator von "Odessa", der Untergrundorganisation alter SS-Kameraden.
Fänden sich neue Unterlagen über von der SS geraubtes Vermögen, der Moment wäre günstig. Das Wiesenthal-Zentrum hat gerade eine Liste mit 50 000 österreichischen Nazi-Opfern veröffentlicht, um sie zu Entschädigungsklagen zu ermutigen. Auch die Öffnung von 1600 nachrichtenlosen Nazi-Konten in der Schweiz ist gefordert worden. Die Zeit drängt, die Opfer sind Greise.
Das offizielle Österreich jedenfalls steht stramm. Als wären nicht 55 Jahre Zeit gewesen, mit den Mythen um den Toplitzsee eigenhändig aufzuräumen, wird das amerikanische Tauchprojekt schweigend bis freudig begleitet. Wenige Wochen nachdem Israels Außenminister David Levy mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gedroht hat, falls Jörg Haider in die neue Regierung einziehen sollte, ist die Sache ins Rollen gekommen.
In einem Schreiben vom 17. Dezember an die Steiermärkische Landesregierung gibt Österreichs Generalkonsul in Los Angeles, Werner Brandstetter, die Richtung vor: Eine Genehmigung für das CBS-Wiesenthal-Vorhaben sei "aus allgemeinpolitschen Erwägungen sowie aus Public-Relations-Gründen dringend" zu empfehlen.
Der Rat wird in der Heimat beherzigt. Selbst die "Neue Kronenzeitung" - bezogen auf die Einwohnerzahl die meistgelesene Zeitung der Welt und ansonsten Einflüsterungen aus der jüdisch-amerikanischen Hemisphäre wenig zugetan - sagt Ja zu den Tauchern. Der einsame Widerstand des steirischen Umweltanwalts, der anführt, gerade jetzt sei die Aalrutte im Toplitzsee am Laichen, zerbricht in der Folge wie ein Streichholz im Sturm.
Im Ausseer Land selbst stehen die Ampeln längst auf Grün. Quartiere für die Amerikaner bereit, Gemeinde "Gewehr bei Fuß" wird vom Rand des Toten Gebirges vermeldet. "Des gibt a Batz'n Reklame", sagt Ida Weißenbacher, die einst mit dem Pferdefuhrwerk Kisten für die SS-Leute zum See gefahren hat.
Nur der zuständige Bürgermeister im verträumten Grundlsee, Josef Amon, gibt zu bedenken, dass der bevorstehende Aufruhr in der Puppenstube nicht bloß Vorteile bringe. Bisher habe sich "von der Mystik ganz gut leben" lassen. Das heißt: "Es wär fast gscheiter, dass die Amis net fündig werden, damit das Geheimnis bleibt."
Still und starr ruht der Toplitzsee. Dreißig Zentimeter dick ist die Eisschicht, auf der die CBS-Leute und Tauchexperten jetzt stehen, um das Terrain vor Expeditionsbeginn zu sondieren. Zerstreut lauschen sie dem Vortrag der österreichischen Forstbeamten. Es ist, als seien sie in Gedanken schon unter dem Eis.
Der Letzte, der den Amerikanern vielleicht hätte sagen können, ob ihre Suche dort Sinn hat, lebte bis zum vergangenen Sommer ganz in der Nähe. In Altaussee, wo seit mehr als einem Jahrhundert die Prominenz, ob Erb- oder Geldadel, symbiotisch vereint auf schroffe Felswände schaut, residierte unbehelligt der einstige SS-Obersturmbannführer Wilhelm Höttl.
Er hat Ernst Kaltenbrunner hier gegen Kriegsende zur Seite gestanden, er hat Eichmann noch vor dessen Flucht nahe der Blaa-Alm getroffen. Und er hat noch kurz vor seinem Tod, den Kreis überlebender SS-Größen taxierend, festgestellt, "dass ich tatsächlich der Letzte bin".
Am 27. Juli 1999 ist Wilhelm Höttl, hochdekoriert mit dem "Großen Ehrenzeichen des Landes Steiermark", gestorben. Für "Verrückte und Goldsüchtige", die im Toplitzsee mehr vermuten als Fische und Falschgeld, hatte er bis zuletzt nichts als ein Lächeln übrig. WALTER MAYR
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 3/2000
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