18.11.2017

Jakob AugsteinIm Zweifel linksWir! Werden! Sterben!

In Bonn fand eben ein Klimagipfel statt. Unter der Präsidentschaft von Fidschi. Feiner Zug von der Uno, den Insulanern die Leitung zu übergeben, bevor sie untergehen. Vorher, als man gegen den Anstieg der Meere noch wirklich etwas hätte unternehmen können, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, die Fidschianer zu fragen. Da ging es um Wichtigeres: Autos, Arbeitsplätze, Kühlschränke – also um uns. Und Mallorca geht ja nicht unter. Erst mal nicht.
Der Meeresspiegel steigt zwar für alle. Aber die Holländer ziehen die Deiche hoch, und Bangladesch geht unter. Darum hat der Soziologe Stephan Lessenich gesagt: "Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse der anderen." Das Problem an dieser Sichtweise ist: Klima wird zu einer moralischen Frage. Manche Leute sagen darum, man solle lieber gar nicht von Klimaschutz sprechen, sondern von Klimagerechtigkeit.
Das sind Optimisten. Sie meinen, die reichen Nordländer würden eher aufs Auto verzichten, wenn sie sich klarmachten, dass das Leben anderer Menschen auf dem Spiel steht. Das ist vermutlich eine Illusion. Wir nehmen jetzt schon achselzuckend hin, dass im Kongo Kinder das Coltan aus den Bergen kratzen, das wir für unsere Telefone und Autos brauchen. Unsere Fähigkeit zur Verdrängung ist groß. Wir ziehen es vor zu glauben, das Klima werde vor allem den Leuten auf Tuvalu, Tokelau und Kiribati um die Ohren fliegen. Oder aber – neueste Wendung – wir setzen darauf, dass wir das industriell erzeugte Problem auch industriell in den Griff bekommen. Stichwort: Geoengineering. Warum nicht Kalkstein in die Luft pusten, um die Sonne zu verdunkeln? Daniel-Düsentrieb-Optimismus hat Harald Welzer das genannt.
Viele Forscher haben bisher darauf verzichtet, uns die drastische Wahrheit zu sagen. Dabei ist es höchste Zeit für Alarmismus. Selbst wenn die Erdtemperatur nur um zwei Grad steigt, werden Städte wie Karatschi und Kalkutta nahezu unbewohnbar sein. Steigt die Temperatur um vier Grad, wird die Hitzewelle aus dem Jahr 2003, in der Tausende starben, sich jährlich wiederholen. New York wäre im Sommer praktisch nicht bewohnbar – die Golfstaaten gar nicht mehr. Es gibt Forscher, die den Arabischen Frühling, der zu einer fatalen Destabilisierung des Nahen Ostens führte, mit dem Klimawandel erklären: Am Anfang standen Missernten und Hungerunruhen. So gesehen wären "Merkels Flüchtlinge", über die die AfD schimpft, tatsächlich auch dieser Kanzlerin anzulasten, die Deutschland während ihrer Amtszeit eben nicht zu einer klimapolitischen Umkehr gebracht hat. Diese Forscher sagen für die Zukunft aufgrund des Klimawandels Migrationsbewegungen voraus, die alles Bisherige übertreffen.
Also: Es geht nicht um Eisbären und nicht um Insulaner. Es geht um uns.
Wir haben noch nicht genug Angst.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 47/2017
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