18.11.2017

KritikChristlicher Sisyphos

Oskar Lafontaine über das neue Buch von Norbert Blüm
Wenn Norbert Blüm Bilanz zieht unter der Überschrift "Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht" – dann wird man neugierig(*). Auch darauf, wie er damit umgeht, dass viele seiner Anstrengungen vergebens waren. Denn wie alle, die in den letzten Jahren gegen Krieg, Folter und Ausbeutung gekämpft haben, kann auch er nicht übersehen, dass weiter Kriege geführt werden und soziale Ungerechtigkeit zunimmt.
Blüm ist ein guter Erzähler. Anrührend schildert er die prägenden Erlebnisse seiner Kindheit, die ihn zu einem der wichtigsten Sozialpolitiker der CDU werden ließen. Zu den Stärken des Buchs gehören die Passagen darüber, wie die Grundlagen der sozialen Sicherungssysteme entstanden. Mit Herzblut verteidigt er ihren emanzipatorischen Ansatz gegen ein in Mode gekommenes bedingungsloses Grundeinkommen, das "den Sozialstaat plattwalzt". Der engagierte Anhänger der christlichen Soziallehre kann durchaus auf Erfolge verweisen: Die Pflegeversicherung ist sein Lebenswerk. Aber er musste mitansehen, wie die Sozialversicherung unter die Räder kam. Keine Gnade vor seinen Augen findet das jüngste Rentenreformgesetz. Der Ausbau der Betriebsrente beseitige die Gefahr der Altersarmut nicht: "Die Reform ist auf dem Boden einer gewerkschaftlichen Insiderpolitik gewachsen und nicht auf dem der Solidarität mit den Schwächsten."
Vorbildlich ist Blüms lebenslanges Eintreten für die Menschenrechte. Er konnte 16 Chilenen, die Pinochet zum Tode verurteilen ließ, retten. Doch das tröstet ihn nicht über das Leiden von Millionen hinweg, die heute unterdrückt und gequält werden. Als 80-Jähriger zeltete er in Idomeni und kämpft für eine humane Flüchtlingspolitik. Camus' Metapher von einem glücklichen Sisyphos hat für ihn keine Gültigkeit. Glücklich ist nur, wer sich für seine Mitmenschen einsetzt.
Blüms wichtigste Empfehlungen: nie wieder Krieg und ein rigoroses Verbot des Waffenhandels. Hier weicht er allerdings Fragen aus: Warum gibt es immer wieder Kriege? Warum genehmigt Angela Merkel Rüstungsexporte in Kriegsgebiete? Jean Jaurès sagte am Vorabend des Ersten Weltkriegs: "Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen." Will man die Welt friedlicher machen, dann muss man eine Wirtschafts- und Sozialordnung ändern, die auf Unfrieden, Kampf und Expansion angelegt ist. "So wie der Konservative die sozialistische Vergesellschaftung der Wirtschaft abgelehnt hat, so widersteht er der neoliberalen Versuchung einer Verwirtschaftung der Gesellschaft", schreibt Blüm. Aber wie soll die fortschreitende Verwirtschaftung verhindert werden, wenn die Machtstruktur der kapitalistischen Wirtschaft sie weiter vorantreibt?
Die Ordoliberalen sahen nach dem Krieg in der Konzentration der Wirtschaft die größte Gefahr für eine demokratische und soziale Gesellschaft. Doch Christ- wie Sozialdemokraten schlugen die Warnung in den Wind. Mit Google, Facebook und Co. hat die Konzentration eine neue Qualität erreicht. Heute geht es nicht mehr nur um die Enteignung der Arbeitnehmer im Produktionsprozess, sondern um die Enteignung des privaten Lebens durch Internetkonzerne, die das Verhalten der Menschen steuern. Alle Anstrengungen müssen darauf gerichtet sein, die außer Kontrolle geratene wirtschaftliche Macht wieder in den Griff zu bekommen.
Eine Möglichkeit wären Mitarbeitergesellschaften statt Privateigentum an Produktionsmitteln. Schon der Jesuit Oswald von Nell-Breuning, Blüms Lehrer, plädierte für dieses Modell. Wer, wie Blüm, Widerstand gegen die neoliberale Versuchung leisten will, muss auch die Strukturen ändern, die die Welt zerstören.
* Norbert Blüm: "Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht: Einsichten eines linken Konservativen". Herder; 288 Seiten; 20 Euro.

DER SPIEGEL 47/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kritik:
Christlicher Sisyphos

  • 80-Jährige Mieterin in Berlin: Rauswurf wegen Eigenbedarf?
  • Affen als Einbrecher: Poolparty
  • Naturphänomen: Der "horizontalen Sandfälle" von Broome
  • Stimmen zur Strache-Affäre: "Sowas war keine b'soffene G'schicht"