18.11.2017

LeitkulturHeimreise

Alexander Osang über seine Fluchtversuche
Gerade hat ein Leser geschrieben, was ihn an meiner Kolumne nerve. Ihn nerve, dass ich ständig erwähne, in New York gelebt zu haben. Ich habe nachgeschaut, der Mann hat recht. Pausenlos schreibe ich: Ich habe in New York gelebt. Brooklyn, New York, acht Jahre lang. Schon wieder. Ich kann nicht anders. Es ist der Stolz des Ostdeutschen, der es in die Welt geschafft hat. Eine zweite Sache, die ich gern erwähne: Ich komme aus Ostberlin. Auch darüber gab es bereits Beschwerden. Das sind meine Bezugssysteme. Ich habe Ostberlin, und ich habe New York. Ich kann sagen, wo ich herkomme und wo ich hinwill. Außerdem war ich als Berichterstatter bei Fußballweltmeisterschaften auf vier Kontinenten. Wenn ich irgendwohin als Experte eingeladen werde, dann geht es entweder um Amerika, um deutsch-deutsche Befindlichkeiten oder um Fußball. Damit decke ich ein ziemlich breites Spektrum deutscher Interessen ab.
Ein paar Sachen fehlen noch. Vorige Woche erreichte mich eine Einladung des RBB-Fernsehens. Es ging um Hitler. Das Phänomen Hitler.
Ich konnte nicht, ich war in Israel.
Tel Aviv im Herbst ist zauberhaft. Man kann noch baden. Im Meer trifft man vor allem Russen. Das ist okay. Ich bin fast Russe. Die Menschen in Tel Aviv rauchen schon zum Frühstück und sehen dennoch gut aus. Es gibt wenig Bäuche, aber sehr gutes Essen. Es gibt Hektik, und dennoch hat man das Gefühl, Zeit zu haben. Man sieht den Leuten oft nicht an, was ihre Geschichte ist. Beim Frühstück in einem französischen Café auf der Dizengoff-Straße saß ein Mann neben uns, der mich an einen älteren Brandenburger Redneck erinnerte. Motorradhelm neben dem Stuhl, kantiges Kinn, kräftige, weiße Waden und Shorts in Militärfarben.
Allerdings sprach er mit der Kellnerin hebräisch.
Seine Eltern kamen aus Polen, sie überlebten Buchenwald, er wuchs in Süddeutschland auf und entfloh nach Tel Aviv, als er 20 Jahre alt war. Wie sich herausstellte, liebt er Kampfhunde und versteht, warum die Deutschen AfD wählen. Wir unterhielten uns vielleicht 20 Minuten, aber es ging gleich um alles. Kein steifes Herumgetanze wie in deutschen Gesprächen, wo selbst die Sekretärin, die beim Radiosender anruft, um irgendwas zu gewinnen, nicht ihren Nachnamen nennt, weil es ihr irgendwie zu privat ist. Der Mann sagte, dass seine Eltern verhaltensgestört waren. Er konnte nie mit irgendwelchen Sorgen zu ihnen kommen, weil jedes Problem immer mit dem mithalten musste, was sie erlebt hatten. Hör auf mit dem Unsinn, Junge, deine Mutter war im KZ.
In einem Apartment am Strand trafen wir einen ehemaligen Offizier der israelischen Armee, der heute als Terrorexperte fürs US-Fernsehen arbeitet. Er lebt die Hälfte des Jahres in Nevada, die andere in Sofia, dazwischen ein paar Wochen in Tel Aviv. Das sei steuerlich ungemein günstig. Er hatte eine Figur wie Jean-Claude Van Damme, einen glatt rasierten Schädel und eine Drachen-Tätowierung auf der Wade, aber er glaubt an eine bessere, friedlichere Welt. Er war zweimal in der David-Hockney-Ausstellung in London. Er liebt Hockney. Er redete über die Leute von Black Cube, die im Auftrag Harvey Weinsteins Frauen ausgehorcht haben, wir sahen von seiner Terrasse aufs Meer, und ich hatte das Gefühl, im Mittelpunkt der Welt zu stehen.
Am letzten Morgen in Jaffa erzählte uns ein Mann eine Geschichte. Er ist Jude, sein bester Freund ist ein palästinensischer Fischer. Wenn er dessen Fischladen besuche, lasse er seinen Hund draußen. Muslime mögen keine Hunde, sagt er. Einmal aber rannte der Hund ihm in den Laden hinterher. Er brachte ihn wieder nach draußen. Der Fischhändler folgte ihm auf die Straße, ein großes Messer in der Hand. Hör zu, sagte er, ich lasse Juden in meinen Laden, dann kann auch der Hund kommen.
Der Mann lachte fast Tränen. Und hier, in der Novemberwärme, war es ungemein komisch. Noch. Ein paar Stunden später, als ich mich in die voll besetzte El-Al-Maschine nach Berlin drängte, stieß ich, von nachrückenden Passagieren geschubst, mit meiner Umhängetasche einem alten Mann, der bereits saß, an die Schulter. Der Mann regte sich ungeheuer auf. So sehr, dass ich mich nicht entschuldigte. Zwei Stunden später, irgendwo über Südosteuropa, hörte ich, wie der Alte einem Sitznachbarn erklärte, er sei Holocaust-Überlebender. Fragen Sie mich bitte nicht, wie, ich habe es überlebt, sagte er. Er sei 81. Er fliege nach Berlin, um seinen Sohn zu besuchen. Ich hätte dem Mann gern den Nacken massiert, einen Schnaps ausgegeben oder ihn grundsätzlich über meine guten Absichten informiert.
In dem Moment war ich eigentlich schon wieder in Deutschland.
Als wir in der Kälte aus dem Taxi stiegen, im Prenzlauer Berg, sahen wir gleich den handgeschriebenen Zettel, den jemand neben die beiden Stolpersteine vor unserem Haus gelegt hatte. Sie erinnern an Else und Ludwig David, die hier gelebt hatten, bevor sie von den Nazis nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Der Zettel war mit einer Plastefolie geschützt, aber dennoch schon ein wenig vom Novemberregen verwaschen. Links und rechts sah man die Überreste von zwei Blumen. Vermutlich war er am 9. November dorthin gelegt worden, von einer Nadine, deren Opa zu DDR-Zeiten in der Fleischerei im Erdgeschoss gearbeitet hatte, die es heute nicht mehr gibt.
In diesem Moment verstand ich endlich, wie sie beim RBB auf mich gekommen sind.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 47/2017
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