18.11.2017

SimbabweEnde der Gucci-Dynastie

Robert Mugabe regierte das Land seit 37 Jahren, nun hat ihn das Militär abgesetzt. Hinter dem Putsch steht der Ex-Vizepräsident, der mit Mugabes Ehefrau um das Erbe des greisen Diktators ringt. Demokratie und Freiheit? Darum geht es leider nicht.
Die Söhne des Präsidenten feiern in einem Nachtklub in Südafrika. Rote Lichtblitze flackern durch den Raum, Rap tönt aus den Boxen. Robert Junior Mugabe im Anzug und mit Sonnenbrille zieht eine Frau im bauchfreien Top zu sich heran. Chatunga Bellarmine, 20, sein jüngerer Bruder mit kindlich weichen Zügen, filmt die Szene mit dem Handy. Dann öffnet Chatunga eine Flasche Champagner der Marke Armand de Brignac Gold und kippt sie über seiner mit Diamanten besetzten Armbanduhr aus.
"60 000 Dollar am Handgelenk, wenn dein Vater das ganze Land regiert", schreibt er, als er das Foto von der Uhr auf Instagram postet. Kurz darauf lädt er das Video aus dem Nachtklub auf Snapchat hoch.
Das war Anfang November. Da waren es noch rauschhafte Zeiten für die Söhne des Präsidenten von Simbabwe, die kein Geheimnis aus ihrem obszönen Reichtum machen. Doch seit Anfang dieser Woche sind diese Zeiten vorbei.
Eine der ältesten Diktaturen des Kontinents fällt. Und eine neue, ungewisse Ära bricht an in Simbabwe.
Robert Mugabe, 93 Jahre alt, der greiseste Diktator Afrikas, steht unter Hausarrest. Er war der einzige Machthaber, den das Land je hatte. Und nun hat das Militär ihn über Nacht abgesetzt, nach unglaublichen 37 Jahren. Es ist das von Mugabe aufgebaute System, das da zurückschlägt, gerade als er seine Ehefrau zur Nachfolgerin aufbauen wollte.
Grace Mugabe, 52, "Gucci-Grace" genannt, ist eine Frau, die auch mal die Freundin ihres Sohnes verprügelt, und genauso rücksichtslos setzt sie ihren Machtanspruch durch. Ihr Ziel war der Posten des Vizepräsidenten, um nach dem Tod ihres Mannes wie in einer Erbdynastie das Präsidentenamt zu übernehmen.
Mugabe hatte am 6. November daher den bisherigen Vizepräsidenten Emmerson Mnangagwa abgesetzt, um den Platz für sie freizuräumen – das sollte der schwerste Fehler seiner Amtszeit werden.
Mnangagwa hat den Ruf, der brutalste Scherge des Präsidenten zu sein. Im Volksmund heißt er "ngwena", Krokodil. Er diente Mugabe seit der Unabhängigkeit 1980, er war es, der den Unterdrückungsapparat aufbaute. Er gilt zudem als Hauptverantwortlicher für die Massaker, bei denen in den Achtzigerjahren bis zu 20 000 Menschen getötet wurden. Und er soll auch beteiligt sein am Verschwinden von Milliarden Dollar aus dem Diamantengeschäft.
Kein Mann also, der sich seine Absetzung einfach gefallen lässt. Womöglich hatte er sogar damit gerechnet, es heißt jedenfalls, er habe seit über einem Jahr an einem Plan für ein Simbabwe nach der Ära Mugabe gearbeitet.
Jetzt bekämpfen sich, wenn man so will, die Gucci-Dynastie von Grace Mugabe und die Lacoste-Fraktion von Mnangagwa. Es ist ein Machtkampf, der schon lange innerhalb der Regierungspartei Zanu-PF schwelt. Doch das Ehepaar Mugabe hat die Kräfte des gegnerischen Lagers unterschätzt.
Denn Mnangagwa hat Verbündete im Militär, darunter auch Armeechef Constantino Chiwenga. Dieser drohte eine Woche nach der Entlassung des Vizepräsidenten eine Militärintervention gegen "heimtückische Tricksereien" im Umfeld der Regierung an. Einen Tag später, am Dienstag, rollten Panzer durch Harare, sie besetzten Regierungsgebäude. Am Mittwoch riegelte ein halbes Dutzend Panzer den Zugang zum Präsidentenpalast ab. Damit war der "sanfte" Staatsstreich vollzogen. Sanft, weil kaum Blut floss, bislang jedenfalls nicht.
"Guten Morgen, Simbabwe. Der Präsident und seine Familie sind in Sicherheit", verkündete der Armeesprecher in der Nacht zum Mittwoch im Staatsfernsehen. "Wir sind nur dabei, Kriminelle im Umfeld Mugabes auszumachen." Es handle sich nicht um einen Staatsstreich, sondern um eine Art bewaffnete Aufräumaktion. Danach wurde zur Beruhigung der Bevölkerung Chimurenga gespielt, Musik aus dem Befreiungskampf.
Die Schulkinder, die am Morgen zum Unterricht laufen, schauen neugierig auf die Panzer, die inmitten des Geschäftsviertels stehen. Auch die staatliche Rundfunkanstalt haben Soldaten besetzt, ebenso den kürzlich in Robert Gabriel Mugabe International Airport umbenannten Flughafen.
War es das nun also mit Mugabe, gehen fast vier Jahrzehnte Herrschaft einfach so zu Ende?
"Ich kann nicht glauben, dass wir hier gerade einen Coup erleben", sagt eine junge Frau in einem Café in Borrowdale, einem besseren Vorort von Harare. Wie sie können sich wohl die meisten Simbabwer noch nicht vorstellen, dass die Ära Mugabe vorbei sein soll. Etwa drei Viertel der Bevölkerung haben nie etwas anderes als seine Herrschaft kennengelernt; sie haben sich arrangiert mit der Armut, der Gewalt, der Hoffnungslosigkeit.
Die Restaurants und Läden in Borrowdale haben geöffnet, alles ist wie immer, die Menschen sind gelassen bis spöttisch. "Ich frage mich, was die First Lady jetzt tun wird", sagt ein Wachmann mit einem Lächeln. "Ich denke, sie wird merken, dass sie die Dinge zu weit getrieben hat. Sie sollte im Fernsehen öffentlich um Entschuldigung bitten und das Land verlassen."
Nur ein paar Ecken weiter sitzt Mugabe in seiner Residenz mit den 24 Schlafzimmern fest; auch seine Frau Grace soll sich hier aufhalten, von der es erst hieß, sie sei ins Ausland geflohen. Das Eingangstor wird von einer Handvoll Soldaten bewacht. So könnte eine Ära zu Ende gehen, die einst so hoffnungsvoll begann.
In den ersten Jahren nach der Machtübernahme war Mugabe international angesehen, vor allem Linke und Vertreter der Dritte-Welt-Bewegung feierten ihn als Helden des antikolonialen Kampfes. Die britische Königin verlieh ihm einen Orden. Seine schwarzen Landsleute verehrten ihn wie einen Messias. Er predigte die Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen, fuhr einen moderaten Wirtschaftskurs, schuf eines der besten Bildungswesen und Gesundheitssysteme in Afrika. Simbabwe wurde zum Vorbild für den Kontinent und Mugabe zur Lichtgestalt.
Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker im März 1988 zu Besuch kam, wurde Mugabe endgültig in die Riege der Staatsmänner aufgenommen. Hand in Hand lauschten Mugabe und sein Gast einem Kinderchor, der ein deutsches Volkslied sang. "Er ist ein kluger, besonnener Politiker, der um Ausgleich bemüht ist", lobte Weizsäcker danach. Doch schon damals war diese Aussage falsch.
Das Regime hatte gerade einen Massenmord verübt; Mugabe schaltete allen Widerstand gegen seine Alleinherrschaft systematisch aus. Und die korrupte Führungsriege der Regierungspartei hatte längst begonnen, den Staat auszuplündern. Im Jahr 2000, als nicht mehr viel zu holen war, hetzte Mugabe seine Kriegsveteranen schließlich auf die Großgrundbesitzer; Tausende weiße Farmer wurden enteignet und vertrieben. Von da an ging es steil bergab: Hunger, Hyperinflation, eine Arbeitslosigkeit von 90 Prozent, der selbst verschuldete Zusammenbruch der Wirtschaft. Drei bis vier Millionen Simbabwer, rund ein Viertel der Einwohner, flohen ins Ausland. Und die, die blieben, lebten in Furcht vor dem Terror.
Mugabe wollte den Niedergang nicht wahrhaben. Er ließ sich immer und immer wieder wählen, auch bei der Präsidentschaftswahl 2018 plante er anzutreten. Ein Herrscher auf Lebenszeit wollte er werden.
"In seinem Verfolgungswahn sah er überall Feinde", sagt Rugare Gumbo, der fast ein halbes Jahrhundert loyal an Mugabes Seite stand. Er saß 1964 in einer Gefängniszelle neben Mugabe, er kämpfte als Guerillero mit ihm, er bekleidete mehrere Ministerämter, war Sprecher der Partei. Als er dann im November 2014 aus dem Politbüro geworfen wurde, verstand Gumbo die Welt nicht mehr. Mugabe beschuldigte ihn, zu den Drahtziehern eines angeblichen Mordkomplotts zu gehören.
Mit Gumbo wurden zahlreiche hochrangige Parteimitglieder abgesetzt, darunter 15 Minister und die damalige Vizepräsidentin. Die potenzielle Thronfolgerin und ihre Fraktion waren dem Alten zu mächtig geworden. Blickt man heute auf diese Zeit zurück, hat man das Gefühl, ein Déjà-vu zu erleben.
Grace Mugabe, die 41 Jahre jüngere Ehefrau des Präsidenten, war auch damals die treibende Kraft hinter diesem Schachzug. Sie ist in der Bevölkerung wegen ihres Hangs zum Luxus äußerst unbeliebt, arbeitet aber schon lange auf die Eroberung des höchsten Staatsamts hin. Denn der Gewaltherrscher an ihrer Seite war längst senil und hinfällig geworden – ein Tattergreis, der bei Empfängen stolperte, bei Sitzungen einschlief und im Parlament Reden ablas, die er bereits gehalten hatte. Die Zügel der Macht glitten ihm aus der Hand. Und Grace Mugabe wollte aufrücken, bevor es zu spät war. Schließlich stand ihr nur noch ein Konkurrent im Weg: Vizepräsident Emmerson Mnangagwa.
Doch diesmal sieht es so aus, als könnte sie sich verkalkuliert haben; als könnte die Lacoste-Fraktion die Gucci-Dynastie hinwegfegen.
Das "Krokodil" Mnangagwa, kurzzeitig geflohen nach Südafrika, soll sich auf einem Armeestützpunkt am Flughafen aufhalten. Beobachter erwarten, dass er sich mit dem Segen der Streitkräfte an die Spitze einer Übergangsregierung setzt. Über Mugabe wiederum gibt es das Gerücht, dass er nicht abtreten will. Er versteht offenbar nicht, dass sich binnen 36 Stunden sein Netzwerk aufgelöst hat, das ihn fast vier Jahrzehnte lang an der Macht hielt.
Am Donnerstag durfte er zum ersten Mal sein Luxusanwesen verlassen, er wurde in seinen früheren Amtssitz gebracht, für ein Treffen mit dem Armeechef und dem Verteidigungsminister. Mit dabei waren auch Delegierte der SADC, eines Verbunds der Staaten des südlichen Afrika, sowie ein katholischer Priester.
Mugabe trug Anzug und Krawatte, die Generale posierten freundlich für ein Foto mit dem Mann, den sie gerade aus dem Amt jagen wollen. Und tatsächlich ist Mugabe noch nicht ganz am Ende, er hat noch ein Druckmittel in der Hand: Die Militärführer wollen nicht als reine Putschisten gesehen werden. Bei den Bedingungen seines Abgangs kann der Langzeitherrscher deshalb wohl durchaus mitreden.
Am meisten fürchten viele Simbabwer einen langen Prozess; und dass Mugabe seine Unterstützer mobilisieren könnte. Dann könnte der sanfte Umsturz doch noch blutig werden.
Auch Morgan Tsvangirai äußerte sich jetzt, der Anführer der Opposition, der ab 2009 vier Jahre lang Premierminister einer Einheitsregierung unter Mugabe war. Er sagte bei einer Pressekonferenz, er unterstütze die Militärintervention. "Im Interesse des Volkes muss Robert Mugabe sofort zurücktreten." Manche glauben, er könnte nun womöglich Premier einer Übergangsregierung werden; zumindest scheint er selbst das zu hoffen.
Was würde sich ändern, wenn Mugabe geht? Die Ein-Mann-Herrschaft ist zwar gestürzt, das Ein-Parteien-Regime aber bleibt. Die Zanu-PF ist durch und durch korrupt, ihre Mitglieder haben sich bereichert, sie wollen keinen Wandel des Systems. Um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geht es auch den Militärs nicht. Es geht darum, der Familie die Macht zu entreißen und den Parteifunktionären zurückzugeben.
Und doch ist das Ende der Ära Mugabe ein tiefer Einschnitt in der Geschichte Simbabwes – und Afrikas. Der letzte der zum Despoten gewandelten alten Befreiungskämpfer ist aus dem Amt gejagt.
Dabei hielten Mugabes Anhänger ihn lange Zeit für unbesiegbar. Sie glaubten an den Spruch seiner Frau Grace, dass der Alte "noch als Leiche" Wahlen gewinnen werde. Doch jetzt, in der Stunde seines Untergangs, werfen ihm sogar die Kriegsveteranen vor, die Prinzipien der Staatspartei verraten zu haben.
In einem anderen Video, das man in diesen Tagen sehen kann, sitzt Robert Mugabe auf einem Sofa, im Interview mit der britischen BBC. Schweißperlen schimmern auf seiner Haut. Es geht um den Umgang mit politischen Dissidenten. Niemand dürfe die Verfassung angreifen, sagt Robert Mugabe. "Ich bin Premier meines Landes, und ich beabsichtige, dieses Land mit Entschlossenheit zu regieren."
Das Video stammt aus dem Jahr 1980, Jahr eins seiner Herrschaft. Mugabes Sohn Chatunga hat es gerade auf Facebook gepostet.

Über den Autor

Bartholomäus Grill, 63, wohnhaft in Kapstadt, ist seit 30 Jahren Afrikakorrespondent, erst für "Die Zeit", "Weltwoche" (Zürich) und "Profil" (Wien), seit 2013 für den SPIEGEL. Er war afrikapolitischer Berater von Bundespräsident Horst Köhler und hat eine Reihe von Büchern über den Kontinent geschrieben, darunter den Bestseller "Ach, Afrika".
Von Bartholomäus Grill, Katrin Kuntz und Ray Ndlovu

DER SPIEGEL 47/2017
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