18.11.2017

SommermärchenHalbgott am Fifa-Himmel

In der Affäre um die WM 2006 in Deutschland gibt es ein Lebenszeichen von der Schlüsselfigur in Katar.
Am 28. September, morgens um 10 Uhr, erscheint der Zeuge Tognoni, Guido, Alter 67, Nationalität Schweizer, bei der Bundesanwaltschaft in Bern. Tognoni soll erzählen, was er über das Sommermärchen weiß, das mysteriöse Millionengeschiebe rund um die deutsche Fußball-WM 2006. Und noch bevor er beginnt, können sich die Ermittler in einem Punkt recht sicher sein: Kurz wird diese Vernehmung bestimmt nicht, dafür aber kurzweilig. Tognoni, früher mal Pressechef der Fifa, redet nämlich gern und viel.
Fünfeinhalb Stunden später wissen die Schweizer Fahnder, die in der Affäre ermitteln, zwar immer noch nicht, was wirklich mit den 6,7 Millionen Euro passiert ist, die rund um die deutsche WM in dunklen Kanälen versickert sind. Aber auch Tognoni hält den Kauf von Stimmen, damit Deutschland die WM bekommt, für die einleuchtendste Erklärung. Und eine Überraschung hat er noch parat. Erst kürzlich hat er mit der Schlüsselfigur der Affäre gesprochen, die alle Rätsel lösen könnte: Mohamed Bin Hammam. Bei dem Fußballfunktionär aus Katar waren die 6,7 Millionen zunächst gelandet. Warum? Für die Ermittler ist Bin Hammam bisher nicht zu greifen, eine Sphinx; Tognoni immerhin hat die Sphinx zum Reden gebracht.
Es ging in der Vernehmung um die bis heute ungeklärte Geschichte: Im Jahr 2000 erhielt Deutschland den Zuschlag für die WM. Zwei Jahre später gingen 10 Millionen Franken – 6,7 Millionen Euro – auf verschlungenen Wegen an eine Firma von Bin Hammam, damals ein "Halbgott am Fußballhimmel", wie Tognoni sagte, ein Mann, der in den Grauzonen der Fifa Dinge möglich machte.
Sicher ist: Hinter den Millionen, die bei Bin Hammam landeten, steckte der Chef des deutschen Organisationskomitees, Franz Beckenbauer. Allerdings hatte er nicht sein eigenes Geld nach Katar geschickt. Er hatte es sich geliehen, vom früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus.
Bis heute ist offen, was das alles sollte. Beweise liefert Tognoni nicht, aber auch für ihn ist die plausibelste Erklärung, dass die Millionenüberweisung nach Katar mit der WM-Vergabe zwei Jahre vorher zusammenhing. Mit möglichen Dankeschön-Zahlungen an Wahlmänner.
Die Stimmung in Deutschland sei damals so gewesen, dass in der Begeisterung für die WM "kein großes Unrechtsbewusstsein" geherrscht habe. Man habe "mit Millionen jonglieren" können und "alles für machbar" gehalten, sagte Tognoni. Klar sei, dass man eine WM damals "nicht einfach so" bekommen habe, und er wisse, dass Deutschland dafür "alles getan" habe. Das sei nicht "ohne Gefälligkeiten" gegangen; "alles andere zu glauben wäre naiv".
Aus anderen Theorien lässt Tognoni dagegen Luft heraus. Etwa aus der Zuschussversion, von der Beckenbauer erzählt. Er behauptete, dass er die zehn Millionen Franken an Bin Hammam habe zahlen müssen. Sonst hätte die Fifa den Deutschen einen WM-Zuschuss verweigert. Tognoni widerspricht: Es sei klar gewesen, dass es einen Zuschuss gebe, er könne sich "nicht vorstellen", dass der damalige Fifa-Chef Joseph Blatter "ernsthaft mit dem Gedanken spielte", den Zuschuss "zu verweigern". Schließlich habe kein Land ein so gutes Verhältnis zur Fifa gehabt wie Deutschland. Nur um die Höhe sei gefeilscht worden, doch wie Tognoni bestätigte: Im Mai 2002 war die Sache durch, der Vertrag über 250 Millionen unterschrieben. Die Überweisungen nach Katar begannen drei Wochen nach der Zusage.
Deshalb hatte es im Sommermärchen-Rätsel auch eine andere Erklärung gegeben: Das Geld, das ab dem 24. Mai nach Katar floss, habe mit dem Zuschuss nichts zu tun gehabt, sondern mit der Wiederwahl von Blatter zum Fifa-Präsidenten am 28. Mai 2002 in Seoul. Blatter-Unterstützer Bin Hammam habe mit den Beckenbauer-Millionen Wahlkampf gemacht. Auch diese Theorie weist Tognoni zurück: Er halte es "für sehr unwahrscheinlich", dass die Zahlung etwas mit der Wahl zu tun habe; Blatters Chancen auf eine weitere Amtszeit hätten ohnehin gut gestanden.
Und was sagt nun Mohamed Bin Hammam zu allem? Tognoni, der lange in Katar lebte, überraschte die Ermittler damit, dass er etwa einmal im Monat mit dem Mann telefoniert, der für die Fahnder immer noch der große Unbekannte ist. Nicht antastbar. Abgeschirmt in seinem Heimatland. "Bin Hammam ist in Katar in Bezug auf den Fußball völlig aus dem Verkehr gezogen, er ist eine Unperson", klärte Tognoni die Vernehmer auf. Offenbar hat der Emir von Katar kein Interesse, dass sein Landsmann über alte Zeiten spricht. Bin Hammam könne nicht frei reden, auch nicht am Telefon, lässt Tognoni wissen, aber eines wolle der Mann den Ermittlern hiermit ausrichten: dass beim deutschen Sommermärchen "alles ganz anders war, als alle denken".
Aber wie? Das habe der Katarer leider nicht gesagt, und er, Tognoni, habe den Eindruck, "dass wir das nicht erfahren". Bin Hammam verrate niemanden. Eines schloss Tognoni in seiner Vernehmung aus – dass Bin Hammam das Geld selbst behalten habe. Der Katarer sei reich und großzügig, ein Geber, kein Nehmer. Das Geld habe er deshalb sicher weitergeleitet, aber er sei zu loyal, um zu sagen, an wen es ging.
Nach einem möglichen Empfänger will Tognoni sogar ausdrücklich gefragt haben: Scheich Saleh Kamel, ein Fernsehtycoon aus Saudi-Arabien und Freund von Bin Hammam. Tognoni erzählte den Ermittlern, dass Kamel der Fifa 2002 mal finanziell aus einer Klemme geholfen, aber sein Geld nicht zurückbekommen habe. Zahlten also die Deutschen für die Fifa zurück? Nein, definitiv nicht, habe Bin Hammam am Telefon gesagt, an Kamel sei nichts gegangen.
Die Sphinx hatte geredet. Aufgeklärt hat sie nichts.
Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 47/2017
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