18.11.2017

WM-QualifikationVerhagelter Sommer

Wie Italien unter den Folgen des Ausscheidens leidet
Am Tag nach der Pleite sind in Mailand Nationaltrikots bereits für sechs Euro zu haben: azurblaue Leibchen, schmal geschnitten, mit vier Sternen auf der Brust – pro Weltmeistertitel ein Stern.
La maglia azzurra, das Trikot der italienischen Fußballmannschaft, ist Stoff gewordenes Sinnbild für den Stolz einer Nation. Nun will es keiner mehr. Schuld daran ist die "Apokalypse", der "Tod in San Siro", das 0:0 am Montag gegen Schweden. Das Aus.
Kein Wort ist der italienischen Presse zu groß, kein Vergleich zu gewagt, wenn es darum geht, die Schlappe in Hin- und Rückspiel gegen die eher grobschlächtig den Ball traktierenden Nordmänner zu beschreiben: das Ausscheiden im Qualifikationsduell für die Fußball-WM 2018. Wie einst das 52 000-Tonnen-Schiff "Titanic", so bilanziert die "Gazzetta dello Sport", sei nun auch der azurblaue Fußballtanker untergegangen – mutwillig versenkt von einer verweichlichten und hochmütigen Besatzung.
Dass 2018 ohne die Azzurri um den Titel gekämpft werden wird, hat eine weitreichende Bedeutung für die Bewohner des Fußballlandes Italien: Es drohen 32 entsetzlich lange Sommertage mit TV-Bildern aus Russland. Die Italiener werden nur als Zaungäste dabei sein. Sie haben keinen Zutritt.
Auch für Nichtitaliener ist die Sache traurig: Erstmals seit 1958 wird es bei der WM keine Modellathleten-Körper in hautengem Azurblau zu bewundern geben – und kein "Siam' pronti alla morte" zu hören, kein "Bereit zum Tod" mit der Hand auf dem Herzen bei der Mameli-Hymne. Kein großes Kino mit italienischen Haudegen in der Hauptrolle, die in die Schulter gebissen werden (wie Chiellini, 2014), sich mitten im Spiel dramatisch die Gesichtsmaske vom Kopf reißen (Abwehrchef Bonucci gegen Schweden) oder nach dem Schlusspfiff in Tränen ausbrechen (Torwartlegende Buffon).
Hohn und Spott erntet nun allen voran Gian Piero Ventura. Der am Mittwoch beurlaubte Nationaltrainer, 69 Jahre alt und zur Strafe neuerdings "Gian Zero" gerufen – frei übersetzt: Hanswurst und Nullnummer –, muss persönlich dafür haften, dass seinen 60 Millionen Landsleuten zwischen Triest und Trapani bereits jetzt, im November, der bevorstehende Sommer verhagelt ist. Die linksliberale "Repubblica" schäumt, außer dem betagten Trainer könne sich wohl kaum jemand an eine vergleichbare Katastrophe erinnern: "Generationen von Italienern wussten gar nicht mehr, was ein WM-Sommer ohne WM bedeutet; da musste schon Gian Zero kommen, um es uns beizubringen – ein apokalyptischer Reiter."
Alle zwölf Jahre stand Italien mit schöner Regelmäßigkeit im WM-Finale. 1970 mit Sandro Mazzola, 1982 mit Paolo Rossi, 1994 mit Roberto Baggio, 2006 mit Gigi Buffon. Und jetzt, 2018? Wird man das Turnier am Fernsehgerät verfolgen. "Das Rendezvous mit der eigenen Jugend", wie ein Kommentator es nennt, fällt für Millionen fußballverrückter Italiener in dem Jahr aus.
Die Folgen reichen weit über das Spielfeld hinaus. Fußball ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Italiener in Nord wie Süd einigen können. Entsprechend schwer tragen die Azzurri auf dem Spielfeld seit je an dieser Last – sie verkörpern eine "Nationalmannschaft ohne Nation", so der Anthropologe Marino Niola. Italien sei ein "launisches Vaterland", das Volk schwanke zwischen euphorischen Schüben und "sich selbst verneinendem Zynismus". Italienisch fühlt man sich bevorzugt im Fall des Erfolgs. Im Alltag ist man Piemontese oder Lombarde. Beziehungsweise: Fan von Juve oder AC Milan.
Das Klischee vom filigranen, lebenslustigen, im Ernstfall aber laschen Italiener: Auf die Fußball-Nationalspieler traf es nie zu. Wenn es drauf ankam, war auf sie immer Verlass, auf die humorlosen, bissigen Azzurri. Die dazugehörige Leidensgeschichte der Deutschen ist lang: 3:4 nach Verlängerung in der Hitzeschlacht von Mexiko-Stadt 1970; ein 1:3 im WM-Finale 1982; das 0:2 nach Verlängerung im Dortmunder Halbfinale 2006.
Deutschland-Fahnen mit der Aufschrift "Kaputt" wurden in Rom an großen Tagen wie diesen geschwenkt. Fußball war immer auch Aufputschmittel in Zeiten von Wirtschafts- und Regierungskrisen. Kaum aber sind sie eingebrochen, Italiens "verwöhnte Riesenbabys", wie es nun heißt, ist es wieder da, das tief im Unterbewusstsein verankerte Trauma: dass die Italiener kein Volk sind, das entscheidende Schlachten gewinnt. Die als historisch verbuchten Siege von Solferino, Königgrätz und Sedan im 19. Jahrhundert waren in Wahrheit der militärischen Überlegenheit französischer und preußischer Verbündeter zu verdanken.
Grabesstimmung nun, allenthalben. Verflogen sei die Hoffnung, "wenigstens im Fußball noch etwas zu zählen", schrieb der Mailänder "Corriere della Sera", dessen Eigentümer ihre Aktien an der Börse zwischenzeitlich um fast neun Prozent abstürzen sahen. Die Fachpresse prophezeit fürs kommende Jahr einen drastisch verminderten Absatz an Fernsehgeräten, Grillware und Fanartikeln. Ein Signal zur Unzeit, wo sich die Wirtschaft doch nach langen dürren Jahren eben erst zu erholen beginnt.
Dem regierenden Sozialdemokraten Paolo Gentiloni kommt die schwarze Nacht von Mailand doppelt ungelegen. Im Frühjahr stehen Neuwahlen an, und schon jetzt liegt in den Umfragen das Lager des ewig untoten Ex-Premiers Silvio Berlusconi in Front vor der Protestpartei des Komikers Beppe Grillo. Sollten nun auch noch Millionen enttäuschter Tifosi ihren Zorn mit in die Wahlkabine nehmen? Dann droht Italien ein denkwürdiger Sommer.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 47/2017
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