18.11.2017

AusstellungenBesetzungskanapee

Manchmal sieht alte Kunst noch viel älter aus, als sie ist. Diese Erfahrung kann das Publikum demnächst in der Tate Modern in London machen. Am 23. November beginnt dort die Schau Modigliani mit Werken des berühmten italienischen Malers und Bildhauers, und die Ausstellungsmacher sind stolz darauf, eine große Zahl seiner Bilder nackter Frauen präsentieren zu dürfen. Die Werke hätten, als sie 1917 erstmals gezeigt wurden, Proteste ausgelöst, jetzt bildeten sie das "Highlight der Ausstellung". Einen unbekleideten weiblichen Körper zu malen war allerdings im frühen 20. Jahrhundert kein Novum, viele Künstler der Geschichte haben nie etwas anderes gemacht. Doch diese Frauen, wie hingeworfen aufs dunkelrote Kanapee, wirken heute eher wie ein besonders dekoratives Anschauungsmaterial zur aktuellen Sexismusdebatte. Auch für Amedeo Modigliani galt die Frau bestenfalls als Muse und gehörte auf die Couch. Sich selbst präsentierte der Künstler auf Fotos selbstverständlich angezogen, der Gesichtsausdruck arrogant, die Zigarette lässig in der Hand. Wie hartnäckig solche Klischees in der Kunstwelt sind, zeigt ein Eklat am Rande der Verleihung des Preises der Berliner Nationalgalerie an die polnische Künstlerin Agnieszka Polska im Oktober. Nominiert waren erstmals nur Frauen, insgesamt vier Künstlerinnen, die sich nun in einem Statement beschweren, dass in Pressemitteilungen vor allem über ihr Frausein gesprochen werde, über ihre Kunst hingegen kaum. Damit werde die systematische Ungleichbehandlung von Frauen in der Kunst verschleiert.
Von Uk,

DER SPIEGEL 47/2017
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