18.11.2017

Nils MinkmarZur ZeitFrust der Freiheit

In der schönen Stadt Bordeaux wurde ich unlängst Zeuge eines Verkehrsunfalls, dessen Besonderheit darin lag, dass außer mir niemand einen Unfall sah. Eine Radfahrerin war übereilt und unvorsichtig linksherum in eine Gasse gefahren, aus der gerade ein Wagen kam. Sie hielt unbeirrt Kurs, wollte vorbei, und es schepperte. Der seitliche Spiegel ging zu Boden und zu Bruch. Der Wagen war nicht neu. Der Fahrer, ein junger Mann, kaum älter als die Unfallverursacherin, stieg langsam aus, besah sich die Lage und lachte. Die Unfallverursacherin gestikulierte und erklärte den Grund ihrer Eile. Dann stieg er ein, und sie fuhr weiter. Nur Deutsche konnten hier staunen: keine Polizei, keine Versicherungsformulare, keine Fotos. Einfach ein Scheppern, eine Delle mehr im Wagen, der dennoch weiterfährt. Der Sinn des Fahrzeugs wurde ganz offenbar darin gesehen, diesen Menschen von einem Ort zum nächsten zu bewegen. Es war keine Geldanlage, kein Statussymbol, keine Kindheitserinnerung, kein Medium zur Verwilderung einer banalen Existenz, kein Raumschiff und kein Versprechen. Hierzulande wäre die Sache womöglich übel ausgegangen. Selten vergessen sich die Leute so wie hinter ihrem Steuer – und ihnen kommt etwas in die Quere. Das kann, wie neulich in Berlin geschehen, sogar ein Rettungswagen im Einsatz sein, der ein Auto blockiert, um einem Menschen zu helfen. Ein Fahrer flippte aus, denn er müsse doch zur Arbeit.
Deutschland will wieder Exportweltmeister werden, die hiesigen Arbeitnehmer müssen mit der ganzen Welt mithalten. Der Druck muss irgendwo raus, und das Auto ist ein Freiheitsversprechen, in dem der Frust erst so richtig zu spüren ist. Statt Revolution gibt es automobile Wutanfälle. Etwa wenn das Auto berührt wird. Ein Nachbar hatte die Angewohnheit, jenen Rechtsabbiegern, die allzu unvorsichtig über die Kreuzung fuhren und ihn mit seinen Kindern auf dem grün geampelten Fußgängerübergang nicht beachteten, mit dem Ehering aufs Dach zu klopfen. Er hörte bald damit auf, denn obwohl er von beeindruckender Statur war, bekam er es mit der Angst zu tun, als ein biederer Volvo-Fahrer zur Bestie mutierte.
Kaum anders erging es einer Freundin, die auf das Dach eines Fahrzeugs klopfte, das sie mit ihrem Rad vom Weg abdrängte. Es entlud sich ein unvermuteter und bedrohlicher Druck, als würde der Wagen den Unsinn der ganzen Welt symbolisieren, und dennoch hat man ein Vermögen dafür bezahlt. Das verdiente Geld wird für die Autos ausgegeben, die man braucht, um Geld zu verdienen. Aber das Geld wird zugleich auch vernichtet, denn Neuwagen verlieren schnell an Wert. Hart erwirtschaftetes Geld und nicht wiederzugewinnende fossile Brennstoffe verschwinden im Parkplatzsuchverkehr. Im Auto will der Bundesbürger das Versprechen des Westens auf ein freies Leben einlösen und geht dafür Abhängigkeiten ein, vor denen er nicht wegfahren kann. Die Einsicht, dass das verbrennungsmotorgetriebene Automobil in dieser Form keine Zukunft hat, sondern zum Hobby wird, frustriert den klassischen Automann noch dazu. Keine gute Zeit, um auf Dächer zu klopfen.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 47/2017
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