18.11.2017

KinoDie Unmöglichkeit zu trauern

Diane Kruger spielt in Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“ eine Frau, die Vergeltung will für die Ermordung ihrer Liebsten durch Neonazi-Terroristen – ein Kinoereignis.
Das behagliche Kleinfamilienleben der Katja Şekerci endet an einem verregneten Hamburger Herbstabend. Gerade noch hat man der Heldin des Films "Aus dem Nichts" dabei zugesehen, wie sie ihren sechsjährigen Sohn in der Reisebüroklitsche ihres Ehemanns ablieferte und dann gemeinsam mit einer Freundin, beide in dicke Handtücher gemümmelt, durch die Dampfwolken eines Hamam spazierte. Nun starrt sie durch die regenverschmierten Scheiben ihres Autos auf Krankenwagensirenen, Absperrbänder und Polizisten. Als sie aussteigt und Anstalten macht, hinter die Absperrung zu spurten, wird sie von Uniformierten zu Boden geworfen. Vom Anblick des Tatorts und der Opfer sei abzuraten, sagt einer der Ermittler. "Das sind keine Personen mehr, das sind Leichenteile."
Es ist ein klassischer Thrillerauftakt, der die Schauspielerin Diane Kruger, 41, im Film "Aus dem Nichts" in der Rolle der Katja Şekerci zeigt. Sie stellt eine junge Deutsche dar, die einen türkischstämmigen Mann geheiratet und mit ihm ein Kind erzogen hat – und jäh begreift, dass sie ihre Liebsten nie mehr wiedersehen wird. Kruger spielt diese Szene mit einer fabelhaften Wucht, indem sie fast überhaupt nicht spielt. Der Schock lässt ihre Gesichtszüge nicht entgleiten, sondern nur kurz die Wangen beben; die Augen röten sich, der Mund wird schmal; dann ist ihr Gesicht wie versteinert von einem Schmerz, der sich erst mit der Zeit in Zorn verwandeln wird.
"Aus dem Nichts" ist ein Film des Regisseurs Fatih Akin. Er lief im Mai in Cannes im Wettbewerb des Filmfestivals und ist für Deutschland im Rennen um die Oscars in Hollywood vertreten. Der Film schildert einen Bombenanschlag und seine juristische Aufarbeitung, einen Fall, der stark an die Terrorakte des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) erinnert.
Im Jahr 2004 explodierte in der Kölner Keupstraße eine auf ein Fahrrad montierte Nagelbombe vor dem Laden eines türkischen Friseurs, die offensichtlich von Tätern des NSU dort platziert worden war. Nur durch Zufall gab es bei dem Anschlag zwar viele Verletzte, aber keine Toten. Zwischen 2000 und 2006 ermordeten die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, laut Generalbundesanwalt mit Unterstützung ihrer Gefährtin Beate Zschäpe, in deutschen Großstädten wie Hamburg, Nürnberg und München neun Menschen mit türkischen und griechischen Wurzeln aus rassistischen Motiven. Viele Jahre lang ermittelten deutsche Polizisten im Fall der Verbrechensserie, die man auf den krummen Namen "Dönermorde" taufte, erfolglos im Milieu der Opfer. Erst 2011 flog das Mordkomplott des NSU auf; Mundlos erschoss Böhnhardt, dann sich selbst, Zschäpe stellte sich.
In "Aus dem Nichts" sieht sich die Heldin einem nervösen Kommissar (Henning Peker) gegenüber, der sie fragt: "War Ihr Mann religiös? War er Kurde? War er politisch aktiv?" Ein paar Tage später rückt der Ermittler bei Katja Şekerci zu einer Hausdurchsuchung an – schließlich habe ihr Mann vor seiner Ehe wegen Drogengeschäften einige Zeit im Knast gesessen.
Für Diane Kruger ist "Aus dem Nichts" vor allem "ein Film über Trauer. Er beschreibt etwas, was in der Realität heute fast alltäglich geworden ist. Wir sehen uns die Nachrichten im Netz oder im Fernsehen an. Wir erfahren, dass bei einem Anschlag Dutzende oder Hunderte Menschen getötet wurden. Man sagt uns, welche Motive der Täter hatte. Aber die Opfer werden auf eine Zahl, eine Nummer reduziert. Über den Schmerz und die Not der Hinterbliebenen erfahren wir nichts".
Fatih Akins Film will diese gewohnte Perspektive ändern. "Aus dem Nichts" ist ein Melodram, das mit großer emotionaler Kraft und in verblüffendem Tempo erzählt – und stets ganz nah bei seiner Heldin bleibt. Bei ihrer Empörung, als sie sich daran erinnert, dass sie die Täterin beim Abstellen des Bombenfahrrads beobachtet hat, und ihr keiner der Polizisten Glauben schenkte. Bei ihrem Hader mit der eigenen Mutter und den Eltern ihres toten Mannes, die in ihrer Verzweiflung die Ehe ihrer Kinder durch den Schmutz ziehen. Bei ihren Diskussionen mit dem Anwalt Danilo (Denis Moschitto), der ihr schließlich in einem dramatischen Moment – in dem schon alle Hoffnung darauf, dass man die Mörder je aufspüren wird, verloren scheint – die Nachricht verkündet, dass die Polizei durch einen Tipp doch noch fündig geworden sei. Die Heldin hatte recht mit ihrem früh geäußerten Verdacht: "Das waren Nazis!"
Regisseur Akin hat seinen Film in drei Kapitel gegliedert. Das erste mit dem Titel "Familie" endet mit der Ergreifung der mutmaßlichen Täter. Das zweite Kapitel heißt "Gerechtigkeit" und spielt im Gerichtssaal. Auch hier konzentriert sich "Aus dem Nichts" radikal auf seine Hauptfigur. Die beiden Angeklagten (Hanna Hilsdorf und Ulrich Brandhoff) sind mal ein verstocktes, mal ein feixendes Schurkenpaar, ihr Anwalt (Johannes Krisch) ist ein Ekel, dem der Herrenmenschendünkel ins zerfurchte Gesicht geschrieben steht. Wie das konsequent in einer Hamburger Regenhölle spielende erste Kapitel ist auch das Gerichtssaaldrama atmosphärisch streng durchkomponiert – hier herrschen die Kälte und die Sterilität des Labors, in dem allein Krugers Figur menschliche Hitze zeigen darf.
"Der Film soll ein Spiegel für die Zuschauer sein. Er bietet ihnen an, sich in die Haut der Heldin hineinzuversetzen", sagt Diane Kruger. Sie spricht am Telefon aus ihrer New Yorker Wohnung. Für die Verhältnisse des deutschen Kinos ist Kruger, die als Diane Heidkrüger in der Nähe von Hildesheim aufwuchs, ein Weltstar. Sie hat in Paris als Model gearbeitet und in Wolfgang Petersens Hollywood-Antikendrama "Troja" (2004) die schöne Helena gespielt. Sie machte in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" (2009) Jagd auf Nazis – und war in Benoît Jacquots "Leb wohl, meine Königin!" (2012) eine ziemlich huldferne Marie Antoinette. "Aus dem Nichts" ist ihr erster deutschsprachiger Film – und ein staunenswerter Akt der Einfühlung und Anverwandlung. Mit Fatih Akin ist sie vor Drehbeginn in jenen Hamburger Straßen und Kneipen unterwegs gewesen, in denen der Regisseur seine Kindheit und Jugend verbrachte; mit Akribie und Fleiß hat sie die Welt der Katja Şekerci erkundet. "In meiner Arbeit als Schauspielerin ist es mir zum ersten Mal passiert, dass die Grenze zwischen meinem persönlichen Leben und meinem Privatleben einfach weg war", sagt Kruger.
Einmal sieht man die Frau, die sie in "Aus dem Nichts" spielt, mit Fäusten auf die Täterin im Gerichtssaal losgehen. Einmal liegt die Hauptfigur, zum Selbstmord entschlossen, mit aufgeritzten Handgelenken in der Badewanne. Einmal steuert sie draufgängerisch wie eine Actionheldin ihr Auto über eine Baubrache, auf der Flucht vor einem Nazifinsterling. In den stärksten Szenen des Films aber verharrt die Kamera fast bewegungslos auf Krugers von Schminke und Tränen verschmiertem Gesicht und beobachtet, wie aus ihrer Verbitterung der Entschluss zur Vergeltung entsteht.
Völlig zu Recht hat die Jury des Festivals in Cannes Kruger im Mai mit dem Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet. "Es freut mich unendlich, dass sie als so phänomenal und sensationell wahrgenommen worden ist, wie sie wirklich ist", sagt Fatih Akin. "Für mich ist die Arbeit mit Schauspielerinnen und Schauspielern das, was mich am Filmemachen am meisten interessiert." Kruger berichtet von ihrer Vertrautheit mit dem Regisseur, seitdem sie sich in Cannes vor ein paar Jahren zum ersten Mal begegnet sind. "Fatih und ich wussten beide, dass er ein großes Risiko eingegangen ist, als er mich für diesen Film engagiert hat. Ich kann sagen: Für mich ist eine Rolle meines Lebens daraus geworden."
"Aus dem Nichts" ist ein Wunderwerk an roher Direktheit und mitreißendem Spannungskino; das in Griechenland am Strand spielende Kapitel ("Meer") endet mit einer Schlusspointe, über die sich die Kinozuschauer streiten sollen. "Der Film ist aus einem Ohnmachtsgefühl heraus entstanden", sagt Fatih Akin. "Angesichts der Morde des NSU und des endlosen Prozesses gegen Beate Zschäpe musste ich meine Ohnmacht bekämpfen, indem ich mir diesen Film ausdachte. Das war der Impuls – auch wenn daraus im Lauf der Zeit eine Geschichte entstanden ist, die ihr Eigenleben entwickelt hat." Während er gemeinsam mit Hark Bohm das Drehbuch zu "Aus dem Nichts" schrieb, war Akin einige Male im Gerichtssaal in München und sah der Verhandlung gegen Zschäpe zu. "Für mich ist das einer der wichtigen Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte", sagt er. "Ich verstehe, dass keiner der Menschen, die hier Recht sprechen sollen, einen Fehler machen will. Aber ich sehe auch, was für eine unglaubliche Belastung dieses Gerichtsverfahren für die Angehörigen der Opfer sein muss."
Schon vor dem Filmstart in Deutschland, am 23. November, ist "Aus dem Nichts" in viele Länder der Welt verkauft. Neben euphorischen Reaktionen äußerten ein paar Kritiker auch Bedenken. Sie warfen dem Regisseur allen Ernstes vor, dass er eine blonde deutsche Schauspielerin ohne Migrationshintergrund die Ehefrau eines türkischstämmigen Mannes spielen lasse, der gemeinsam mit seinem Sohn von Rassisten ermordet wird. "Was ist das denn für eine Argumentation?", zürnt Akin. "Ich drehe Spielfilme. Mein Job ist die Transformation von Realität. Wenn wir heute das Kino von Rainer Werner Fassbinder sehen, Filme wie ,Angst essen Seele auf' oder ,Die dritte Generation', dann sehen wir ein Porträt von Deutschland in den Siebzigerjahren. So erzähle ich in ,Aus dem Nichts' vom Deutschland der Gegenwart und von unserem Irrsinn."
Jenseits solcher Überlegungen schildert der Film ein Drama, das auch außerhalb Deutschlands offenbar unmittelbar zu begreifen ist. Einerseits sicher wegen des eindrucksvollen cineastischen Formbewusstseins des Regisseurs, andererseits der unerfreulichen Weltlage wegen. "Rassismus ist ein globales Problem", so der Regisseur, "deswegen wird diese Geschichte in Ungarn und Polen genauso verstanden wie in der Türkei." Diane Kruger formuliert es kaum anders: "Das Erschreckende ist, dass dieser Film überall spielen könnte. In Amerika, in Frankreich oder sonst wo auf der Welt."

Die Polizei forscht das Leben der Opfer aus – und rückt zur Hausdurchsuchung an.

"Fatih Akin und ich wussten, dass er ein großes Risiko einging, als er mich engagierte."

* Mit den Darstellern Samia Chancrin, Denis Moschitto, Numan Acar.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 47/2017
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