18.11.2017

Kunstmarkt„Immer mehr Milliardäre“

Der Direktor der Uffizien, Eike Schmidt, über den jüngsten Rekord in der Auktionsbranche: 450 Millionen Dollar für ein Werk, das nur vielleicht von Leonardo da Vinci stammt
Der deutsche Kunsthistoriker Schmidt, 49, leitet seit 2015 die Uffizien in Florenz. Sie sind eines der berühmtesten Museen der Welt und besitzen drei Werke Leonardos. 2019 tritt Schmidt als Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien an.
SPIEGEL: Herr Schmidt, 450 Millionen Dollar für ein Renaissancegemälde, von dem nicht einmal klar ist, ob es wirklich – wie behauptet – von Leonardo selbst gemalt wurde. Waren Sie überrascht?
Schmidt: Dieses Resultat kommt nicht aus dem Nichts, es ist Teil einer Entwicklung, die man auf dem Kunstmarkt zuerst in den Achtzigerjahren und dann wieder seit dem vergangenen Jahrzehnt beobachten kann: Da lassen sich immer neue Rekordpreise erzielen, die in bislang ungeahnte Höhen getrieben werden. Diese Summen bilden den ökonomischen Hintergrund des heutigen Kunstmarkts direkt ab – es gibt einfach immer mehr Milliardäre.
SPIEGEL: Nach der Auktion fiel erst einmal kein Käufername, was aber halten Sie von diesen Preisentwicklungen?
Schmidt: Es gibt, lassen Sie mich das vor allem anderen anführen, einen positiven Aspekt. Es waren lange die Gemälde der klassischen Moderne und später die Werke der Nachkriegszeit, beispielsweise von amerikanischen abstrakten Malern wie Jackson Pollock oder Mark Rothko, die Rekorde gebrochen und solche Stile auf die ersten Ränge geschoben haben – und jetzt haben wir wieder ein Altmeisterwerk, das mit großem Abstand das Feld anführt. Das ist ein sehr gutes Signal für alle Museen, die alte Kunst bewahren, denn eine ökonomische Bewertung bedeutet immer außerdem eine kulturelle Wertung. Natürlich sehe ich ebenso Nachteile.
SPIEGEL: Welche?
Schmidt: Staatliche Museen, also auch unseres, können bei solchen Auktionen nicht mithalten. Wenn der Käufer ein solches Bild im privaten Tresor verschwinden lässt, ist es der Öffentlichkeit entzogen. Eine andere unmittelbare Folge für die Museumslandschaft ist diese: Die Uffizien besitzen drei große Werke von Leonardo, die natürlich niemals auf den Markt gelangen werden – aber wir werden sie auch nicht mehr an andere Museen für Ausstellungen verleihen können. Es wird unbezahlbar sein, sie auf Reisen zu schicken, weil die Versicherungssummen sich an Marktpreisen orientieren. Sie wären so hoch, dass man dafür sogar ein anderes Gemälde erwerben könnte. Auch das bringt dieser Rekord also mit sich.
SPIEGEL: Der ist auch deshalb so erstaunlich, weil eben im Vorfeld darüber gestritten wurde, ob das Werk nicht als Werkstattarbeit einzuschätzen sei – ob nicht eher die Gehilfen Leonardos das Bild gemalt hätten und der Meister selbst kaum beteiligt gewesen sei. Warum schlägt sich diese Diskussion nicht im Preis nieder?
Schmidt: Sie schlägt sich ja nieder! Die Auktionatoren haben einen sogenannten Hope Value: Sie verkaufen die bloße Möglichkeit, dass ein solches Bild von der Branche in Zukunft als Original anerkannt werden wird. Wäre dies heute schon ein gesichertes Werk von Leonardo, also ein Bild, das von allen Spezialisten als unzweifelhaft angesehen oder einfach hinreichend durch Quellen dokumentiert ist, dann wäre der Preis wahrscheinlich noch viel stärker in die Höhe gegangen.
SPIEGEL: Noch höher ist kaum vorstellbar.
Schmidt: Doch. Hinzu kommt, dass das Gemälde nicht einmal im allerbesten Zustand ist. Die Werke Leonardos im Louvre, in der National Gallery in London und bei uns in den Uffizien sind in einem viel besseren Zustand, sie sind zudem in der Vergangenheit nachweisbar, sie haben eine Rolle in der Kunstgeschichte gespielt: Es sind gewissermaßen einflussreiche Gemälde. Damit hätten sie natürlich einen viel höheren Marktwert, der aber wegen der Unverkäuflichkeit ein theoretischer bleibt.
SPIEGEL: Das Motiv – Jesus als Erlöser – ist ein christliches. Doch interessieren sich die heutigen Käufer überhaupt noch dafür, was gezeigt wird?
Schmidt: Ein Zeichen unserer Zeit ist, dass bei der Vermarktung solcher Bilder mit christlichen Themen das Religiöse nicht gerade in den Vordergrund gestellt wird. Man richtet das Scheinwerferlicht auf andere Aspekte.
SPIEGEL: Das Auktionshaus Christie's verwies vor der Versteigerung am Mittwoch in New York auf die Ähnlichkeit mit Leonardos berühmtestem Werk und sprach von einer "männlichen ,Mona Lisa'".
Schmidt: Und doch ist es vielleicht ungewöhnlich, dass dieses Sujet nun der absolute Rekordhalter ist. Es ist eben nicht der liegende weibliche Akt. Wenn man ein Museum hütet wie die Uffizien, das nun einmal auch ein Schatzhaus vieler christlicher Kunstwerke ist, dann erscheint diese Wertschätzung wiederum durchaus erfreulich. Wir sehen es ja hier in Florenz: Die Besuchermassen kommen aus allen Ländern, allen Kulturkreisen, und tatsächlich schauen sich die Leute die christlichen Werke intensiv und mit Bewunderung an. So funktioniert Kulturaustausch im besten Sinn. Und der Weltkunstmarkt bestätigt nun diese Offenheit.
Interview: Ulrike Knöfel
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 47/2017
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