18.11.2017

DebatteDie böse Unantastbarkeit

Die Enthüllungen reißen nicht ab: Wir leisten uns gesellschaftliche Reservate wilder Macht – nicht nur in der Ökonomie. Von Nils Minkmar
Es sind keine Werbewochen für uns Männer. Je mehr Frauen und junge Männer von ihren Begegnungen mit übergriffigen Berühmtheiten berichten, desto düsterer wird das Bild. Neben Harvey Weinstein und Kevin Spacey wurden nun so unterschiedliche, in diversen Gruppen hoch angesehene Männer wie der Comedian Louis C. K. und der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan mit schweren Vorwürfen konfrontiert. In Frankreich hat der Fall Tariq Ramadan längst eine politische Dimension. Wer, wie ich selbst, in dem Mann einen interessanten Denker eines friedlichen europäischen Islam sah, verkannte, welchen Kult er um sich herum pflegte und was im Schatten der Lichtgestalt offenbar alles möglich war. Man nimmt an, dass gerade solch ein beobachteter und kritisierter Mann sich stets korrekt benehmen muss, und kommt nicht drauf, dass dieser Schluss womöglich auch umgekehrt gilt: Sein Status des umstrittenen Vordenkers befreit ihn von der Aufsicht kontrollierender Institutionen und verleiht ihm eine Macht, die keiner kontrolliert.
Was ihnen jeweils vorgeworfen wird, unterscheidet sich in der strafrechtlichen Relevanz, von daher folgten unterschiedliche Reaktionen: Ramadan, der wegen Vergewaltigung angezeigt wurde, weist die Vorwürfe als ein politisches Komplott zurück. Der Comedian, der keine physische, allein seelische Gewalt ausübte, gab diese zu. Er habe aber nicht geahnt, dass Frauen, die unter seiner Protektion arbeiten, die Frage nicht angenehm gefunden hätten, ob er schnell mal vor ihnen masturbieren könne.
Die Fälle sind unterschiedlich, doch die verbindenden Elemente sind irritierend stark. Es gibt, so unterschiedlich diese Männer in Vermögen, Welteinstellung und politischer Ausrichtung sein mögen, frappierende Ähnlichkeiten in dem von Zeuginnen geschilderten Vorgehen, aber auch dem Schutz, den diese Männer durch ihr kulturelles Milieu erfuhren. Das ist in den Aussagen der betroffenen Frauen genau zu erkennen. Sie bilden jeweils Markierungspunkte, die sich zu einem deutlichen und schrecklichen Muster verbinden lassen.
Viele der Übergriffe gegen Frauen fanden im Hotelzimmer statt oder sogar bei den Männern zu Hause. Die Frauen waren eingeladen und gingen freiwillig hin. Doch dann endete schon die kommunikative Phase der Sache, und der Missbrauch dominierte die Situation. Es ist immer dasselbe: Interesse, Flirt und Sexualität sind bloß die Fassade, in der sich der Eingang zu einer ganz speziellen Hölle befindet.
Das Muster solcher kulturell ermöglichter sexualisierter Demütigung kann man an den Aussagen der Opfer von Bill Cosby erkennen. Cosby war ein beliebter, einflussreicher und respektierter Schauspieler, heute werden ihm von mehr als 60 Frauen sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen und Demütigungen vorgeworfen. Das ging über Jahrzehnte, Strafverfolgung hatte er kaum zu fürchten. Beverly Johnson, ein ehemaliges Model, hat in einem Text für die "Vanity Fair" beschrieben, wie er vorging. Erst unterhielt er sich, gab Ratschläge für die Karriere und das Leben überhaupt, dann folgte eine Einladung nach Hause. Johnson war zu jener Zeit Single und voller Sympathie, ja Bewunderung für den Mann, der in der "Cosby Show" den lustigen und doch weisen Familienvater Dr. Cliff Huxtable gab. Sie ging gern hin. Doch Cosby, so ihre Schilderung, war an einem näheren Kennenlernen gar nicht interessiert. Er servierte ihr einen Cappuccino mit einer heftigen Dosis Betäubungsmittel. Bevor Johnson das Bewusstsein verlor, realisierte sie noch, in welcher Gefahr sie sich befand, und protestierte; Cosby ließ von ihr ab und setzte sie in ein Taxi. Johnsons Schilderung macht ganz deutlich, dass es Cosby nicht um Freundschaft, Liebe oder Sex ging – das sind kommunikative Angelegenheiten. Er wollte ein narkotisiertes Opfer und eine Inszenierung, in der seine ohnehin schon beträchtliche Macht auf groteske Art und durch kriminelle Mittel überhöht würde.
Cosby äußert sich zu den Vorwürfen nicht, eine Strafverfolgung ist kompliziert. In Dauer und Häufigkeit der Vorwürfe wäre sein Fall nur mit dem des britischen Moderators Jimmy Savile zu vergleichen. Der konnte über Jahrzehnte missbrauchen, demütigen und vergewaltigen, ohne Strafverfolgung fürchten zu müssen. Savile suchte seine Opfer in Kliniken, bevorzugt solchen, zu deren Errichtung er mit Spendengalas beigetragen hatte. Auch hier eine sadistische Inszenierung von Macht: der minderjährige Patient im Krankenbett als Opfer einer schwerreichen Celebrity. Wer soll den Opfern Glauben schenken? Und welche Institution hat ein Interesse daran, gegen ihn vorzugehen?
Cosby und Savile missbrauchten – so der Vorwurf – Menschen, die von ihnen abhängig waren oder sie bewunderten. Dazu benutzten sie elaborierte Pläne, deren Grundlage ihre persönliche Aura war. Weil sie als charismatische und wertvolle Männer erschienen, traute ihnen solche Verbrechen keiner zu, wollte man sie nicht verfolgen und fühlten sich die Opfer mitschuldig.
Es geht in diesen Fällen nicht um moderne Casanovas, nicht um Affären oder um Sex, sondern um Demütigungsrituale und Verbrechen, die durch den Missbrauch von Macht möglich wurden. Darum berührt die Debatte grundsätzliche Fragen unserer sozialen Struktur und der Verfassung unserer Kultur. In ihr geht es keineswegs nur um Grenzen von Flirtversuchen, Kleidungstaktiken oder gar eine neue Prüderie, sondern ganz elementar um die Frage von Machtverteilung und ihrer Kontrolle. Solche Täter – anerkannte Männer, die in der Öffentlichkeit hehre Ziele und Ideen vertreten – agieren wie Ärzte, Therapeuten oder Priester, die zu Straftätern wurden, sich ihre Taten selbst genehmigten. "Moral self-licensing" nennt sich dieses Phänomen: Ich tue doch sonst so viel Gutes, da fällt diese kleine Untat nicht ins Gewicht. Solche Täter sind aber nicht wahnsinnig, sondern geben damit wieder, was ihr soziales Umfeld ihnen einflüstert. Dass sie nämlich besondere Männer seien, von Talenten, Gaben oder sonstiger Qualität, die sie über die üblichen Regeln des Miteinanders in irdischer Mühsal erheben. Sie erfahren das schon in kleinsten Interaktionen. Ein Redenschreiber von Barack Obama, David Litt, schreibt in seinen Memoiren, wie ein Telefonat mit Weinstein auch in banalen Fragen lief: Er donnerte eine Schimpfkanonade heraus, dann folgte der Hinweis auf die Zahl der gewonnenen Oscars, dann kamen diverse Drohungen. Bei jedem anderen hätte man das Gespräch beendet, bei Harvey nahm man es halb zitternd, halb lachend hin: So ist er eben, aber was tut er nicht alles für die Sache!
Die Verteidigung solcher Täter in ihrem Umfeld läuft nach dem Muster der größeren gemeinsamen Sache: Wer Weinstein angreift, schadet Hillary Clinton. Wer den ehemaligen "Fox News"-Boss Roger Ailes angreift, hilft der Linken. Wer Bill Cosby angreift, schadet der Sache der Schwarzen, wer Ramadan angreift, hilft den Salafisten. Für ihre Taten tragen allein die Täter die Verantwortung, aber es gibt ein System, das sie begünstigt, ermutigt und ihre Verfolgung verzögert hat. Die Vorfälle wurden verharmlost, als singulär wegdiskutiert und die Opfer diskreditiert.
Die Branchen der Kultur sind für solche Täter förderlich und schützend zugleich. Die Produktion kollektiver Bewunderung in globalem Ausmaß ist das Kerngeschäft des unterhaltungsindustriellen Komplexes. Digitalwirtschaft, Medien, Kultur – diese immensen Branchen leben von Personen, die sich zu Marken gemacht haben. Der Aufstieg der globalen Finanzwirtschaft geht zuerst mit dem Aufstieg der Medienindustrie einher, die Digitalisierung hat beide Kräfte noch einmal verstärkt. Wer heute reich ist, wird morgen viel reicher. Wer heute berühmt ist, eine Marke, kann mittels klug eingesetzter digitaler Netzwerke seinen Ruhm exponentiell steigern, und zwar über Nacht. Donald Trump bildet die Spitze der Bewegung: Er hat die Matrix des Prominenzsystems verraten, als er erklärte, wie sein Ruhm ihm Straffreiheit garantiere: "Wenn du berühmt bist, lassen sie dich alles machen."
In unserer offenen Gesellschaft gibt es Reservate wilder Macht, in denen Missbrauch ungehindert und straffrei möglich ist. Die Berichte über Steueroasen und Optimierungstricks haben einen Einblick in diese Möglichkeiten gegeben – den anderen gibt die #MeToo-Debatte.
Darum ist der organisierte, häufige Missbrauch von Macht an der Spitze ein grundlegendes politisches und kulturelles Thema. Man wird dem nicht mit der Logik des Skandals beikommen. Auch wenn alle Weinstein- oder Spacey-Filme, alle Ramadan-Bücher und die Shows von Louis C. K. vergessen sind, wird es neue Fälle geben. Hier hilft nur eine grundlegende Demokratisierung der Kultur, das Durchsetzen von Gleichberechtigung über ein System fester Quoten und die schulische Erziehung zur Kritik.
Autoritäten ungestraft hinterfragen zu können, das war einmal ein wesentliches Ziel der Erziehung, während heute die systemkonforme Optimierung des Individuums als höchstes Ideal des menschlichen Lebens propagiert wird. Man wird entschlossene Sadisten nicht davon abhalten können, Verbrechen zu begehen – aber man kann Strukturen schaffen, in denen solche Taten zuverlässiger bekannt, schneller verfolgt und vor allem beendet werden.
Es beginnt in der Schule mit einer konsequenten Erziehung zum Respekt vor dem anderen Geschlecht und der Einübung kritischer Fähigkeiten. Und es ist eine tägliche Aufgabe am Arbeitsplatz, auf den vernünftigen Umgang mit Macht zu achten, sie nicht zu konzentrieren, sondern zu begrenzen, indem man sie teilt. Leider ist der Gedanke, dass der Chef nicht recht haben muss, weil er nun mal der Chef ist, eher von theoretischer Geltung als praktischer Wirksamkeit. Das ist ein Rückschritt, denn der Westen basiert auf der Idee, dass irdische Macht nicht unumschränkt sein darf, sondern auf kommunikativ realisierter Vernunft fußen sollte. Warum diese ebenso bewährte wie einleuchtende Erkenntnis nur für manche sozialen Subsysteme gelten sollte, ist nicht einzusehen, hängt allein an Partikularinteressen. Wir waren schon mal weiter und sollten uns auf gute Vorbilder besinnen. Am Ende dieser Wochen der gruseligen Offenbarungen kann es nur heißen: mehr Pippi Langstrumpf wagen. ■
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 47/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 47/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Debatte:
Die böse Unantastbarkeit

  • New Orleans: Baukräne an eingestürztem Hotel gesprengt
  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie