18.11.2017

FilmkritikAchtung, Kunst!

Der Künstler Julian Rosefeldt hat seine Installation „Manifesto“ in einen Film verwandelt.
Ein Meer aus hektischen Anzugträgern. Dann Schnitt, und auf einmal sieht man das Gesicht der Brokerin. Ihr Blick ist streng, konzentriert. Sie verfolgt die Zahlen auf den Bildschirmen, die Kurven, die Ausschläge nach unten und oben, um den perfekten Moment abzupassen. Zuschlagen, kaufen und verkaufen. Sie sagt: "Meine Freunde und ich blieben die ganze Nacht wach, diskutierten bis zu den äußersten Grenzen der Logik. Endlich sind all die Mythen und mystischen Ideen überwunden! Wir glauben, dass die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit reicher ist: die Schönheit der Geschwindigkeit."
Ein merkwürdiger Text für eine Börsenmaklerin, und doch passend. Er nimmt Bezug auf das "Futuristische Manifest" von Filippo Tommaso Marinetti, geschrieben am Beginn des 20. Jahrhunderts, Teil einer ganzen Welle von Avantgarden in der Kunst. Geschwindigkeit, das bezog sich auf schnelle Objekte, Flugzeuge, Autos, überhaupt: Motoren. Laut und dreckig, die Maschine als Heilsversprechen einer neuen Zeit. Die Faszination der Brokerin für Geschwindigkeit ist eine andere, sie speist sich aus dematerialisierten Geldströmen, in Höchstgeschwindigkeit über ganze Ozeane hinweggesendet, um woanders Profit zu machen und Wert aus nichts zu schöpfen, wiederum mythisch.
Der deutsche Videokünstler Julian Rosefeldt hat den futuristischen Text und die Börsenmaklerin zusammengebracht und gibt dem alten Manifest einen neuen Kontext. Ursprünglich waren es zwölf Filme (und ein kurzer Prolog) von je zehn Minuten, die Rosefeldt 2015 in einer Installation zeigte. In jedem Film trat eine Frau auf (mit einer männlichen Ausnahme), deren Text einzig aus Collagen künstlerischer Manifeste bestand. Die Ausstellung im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin war ein großer Erfolg, sie wanderte in viele andere Städte, unter anderem nach New York. Jetzt wird die Arbeit aber einem noch größeren Publikum zugänglich gemacht, denn Rosefeldt hat seine Kurzfilme zu einem Kinofilm zusammengeschnitten. Und nun bekommt man 95 Minuten am Stück Cate Blanchett. Cate Blanchett. Und noch mal Cate Blanchett. Alle zwölf Rollen werden von der zweifachen Oscargewinnerin gespielt. In manchen Episoden gibt es Komparsen, die aber nur flüchtig den Blick auf sich lenken können, denn man sieht nur: Cate Blanchett. Ob als Obdachloser, als Fernsehmoderatorin oder als Trauerrednerin. Ob als Fabrikarbeiterin, als Lehrerin oder als Gastgeberin einer feinen Abendgesellschaft.
"Manifesto" ist ein Kinoexperiment. Einerseits sperrige, pathetische Manifeste, die nur eingefleischten Experten bekannt sind. Und andererseits eine der prominentesten Schauspielerinnen Hollywoods, die sie verkündet. Blanchett hatte nur elf Tage Zeit für das Projekt, also nicht mal einen Tag pro Kurzfilm, was, so Rosefeldt, "mit dem Drehplan einer sehr billigen Seifenoper vergleichbar ist". Dass der Film trotzdem wie eine aufwendige Kinoproduktion wirkt, liegt, abgesehen von der Leistung der Schauspielerin, an den fantastisch ausgewählten Settings. Riesige abgewrackte Fabrikgebäude, eine alte, postapokalyptisch anmutende Satellitenstation, ein surreal wirkender Laborraum, ein bis ins kleinste Detail liebevoll verdreckter und verrauchter Backstagebereich eines Punkkonzerts.
Die Verbindung aus diesen Orten, der virtuosen Blanchett und den Manifesten revolutionärer Künstler schafft eine verblüffende Dringlichkeit. Wenn die Trauerrednerin vor die Trauergesellschaft tritt und, statt der üblichen Worte, aus dem "Dadaistischen Manifest" vorträgt, sinnfrei und absurd, dann ist das nicht nur lustig, sondern auch wahr – ja, der Tod ist auch sinnfrei und absurd. Und diese Wirkung entfaltet sich im Film noch stärker als in der ursprünglichen Installation. Man kann sich dem Sog überlassen, ohne Angst, etwas zu verpassen. Anders als der moderne Ausstellungsraum, der immer auch Respekt einflößt, wiegt einen die Popcornatmosphäre in Sicherheit. Im Museum musste der Besucher den Rhythmus selbst bestimmen, entscheiden, welchen Film er sich ansieht, und man fragte sich ständig, was das jetzt wohl für ein Manifest sei, welche Bedeutung das denn habe. Man war auf der Suche. Im Kino aber sucht man nicht, man wird gefunden.
Kinostart: 23. November
Von Xaver von Cranach

DER SPIEGEL 47/2017
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