18.11.2017

Der Augenzeuge„Im Müll ist viel zu holen“

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe meldete in dieser Woche, dass bundesweit etwa 52 000 Menschen auf der Straße leben, ein Anstieg um 33 Prozent seit 2014. Klaus Seilwinder, 60, war acht Jahre lang obdachlos. Nun arbeitet er als Stadtführer in Berlin.

"Ich hatte alles. Einen Job, eine Wohnung in Brandenburg. Doch da gab es noch den Alkohol. Vor Problemen bin ich immer davongelaufen. Auch 2002 nach einem Streit mit meinem Chef. An der Bahnhofsmission in Berlin traf ich Leute in der gleichen Situation, Alkoholiker wie ich. Eine richtige Gemeinschaft. Bis zum Abend. Mit dem letzten Bier kam der Streit. Das wollte ich irgendwann nicht mehr und habe mich allein durchgeschlagen. Erst im Tiergarten, bis ich dort von einer Gruppe Neonazis verprügelt wurde. Dann in einer Wohngegend beim Auswärtigen Amt. Dort patrouillierten abends Polizisten, ich fühlte mich halbwegs sicher. Die Polizisten brachten mir manchmal Kaffee, schauten nach mir. Es gibt verschiedene Möglichkeiten durchzukommen. Diebstahl, Drogen, Zeitungen verkaufen, betteln oder – und dafür entschied ich mich – Pfand sammeln. An einer Berufsschule stand ich pünktlich zur Pause am Hof und nahm die Flaschen mit. In Mülleimern, an denen viele Touristen vorbeikommen, ist viel zu holen. Abends habe ich mich mit anderen Sammlern getroffen. Da wurden die Flaschen getauscht: Aldi gegen Rewe, Netto gegen Penny. So sparte ich mir die Wege zu verschiedenen Supermärkten. Von dem Pfandgeld kaufte ich ein. Meine Regel war: erst der Magen, dann die Leber, und wenn was übrig war, auch die Lunge. In einem Mülleimer fand ich mal ein Handy. Die Besitzerin rief an. Sie zahlte mir 450 Euro Belohnung. So viel Geld hatte ich lange nicht mehr. Ich kaufte eine Monatsfahrkarte und konnte schnell zu den Hilfestellen am Stadtrand kommen oder mich bei Kälte in die Ringbahn setzten. Ohne Angst, wegen Schwarzfahren ins Gefängnis zu müssen. Vor sieben Jahren war ich am Ende. Der Winter war kalt, ein Kumpel nahm mich mit in seine Wohnung, zwang mich in ein normales Leben. Ich ging aufs Amt, besorgte Papiere, kam in eine betreute Wohngemeinschaft, machte eine Entgiftung. Seit 2012 bin ich trocken. Ich hab's geschafft, viele andere nicht. Der Senat erhebt keine Statistiken, sonst müsste er ernsthaft etwas für Obdachlose tun. Es wird einfach weggeschaut."
Von Maximilian Krone

DER SPIEGEL 47/2017
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