18.11.2017

HeilslehrenAnleitung zum Nichtsdenken

Barfuß und bärtig beehrte seine Eminenz Maharishi Mahesh Yogi die Bundesrepublik mit einem Besuch. Über zehntausend Jünger fieberten den Auftritten des Heilsbringers aus dem Himalaja entgegen, der den Deutschen blumenbeschmückt die Transzendentale Meditation brachte.
Im "selbstgewählten Konklave in einem Kloster im Himalaja" habe er seine Weisheit von seinem spirituellen Lehrer empfangen, beteuerte der Guru, der jedoch in seiner indischen Heimat ohne durchschlagenden Erfolg blieb. Daher versuchte er mit seinem Synkretismus aus Yoga- und Hindu-Ritualen sein Glück im Westen und versprach Wunderdinge: "Frieden und Harmonie im Leben aller Menschen", mehr Energie, mehr Intelligenz, all die "negativen Dinge hören einfach auf". Fortgeschrittenen wurde das Fliegen, wenn nicht gar das ewige Leben in Aussicht gestellt. Dafür müsse man nur zweimal täglich die Hände in den Schoß legen, die Augen schließen und an nichts denken. Ganz wichtig dabei: Das Mantra, jenes aus dem Sanskrit entnommene, sinnleere "Lautgebilde, das den Schüler gleichsam als Vehikel der Versenkung in die Urgründe des Ichs 'hinunterträgt'". Einen Wochenlohn kostete das für das "vertikale Eintauchen in das Selbst" unabdingbare, persönlich erstellte Zauberwort
Auf einer seiner Vortragstouren traf Mahesh Prasad Varma, so sein Geburtsname, 1967 in Wales auf die Beatles, die schnell zu seinen populärsten Anhängern und zum Motor seines weltweiten Erfolgs wurden. Schauspielerinnen wie Mia Farrow folgten dem Beispiel, Maharishi Mahesh wurde zum "Chrysanthemen-winkenden Idol aller Hippies der westlichen Welt". Der Hindu nutzte den Popularitätsschub sogleich, um ein profitables Netz von Meditationszentren aufzubauen.
Im Spätherbst 1967 kam "Seine Heiligkeit" nun nach Deutschland, und "überall, wo der kleine, alte Mann barfuß und bärtig" Platz nahm, eine Blume zerpflückte und sein "meckerndes Lachen" anstimmte, war ihm "Gefolgschaft gewiss", so der SPIEGEL. "Bremer Hausfrauen küssten ihm die Hände, Berlinerinnen brachten ihm Blumen dar." Selbst Münchens angesagte neue Großraumdisco "Blow up" räumte die Tanzfläche für einen Vortrag des Meisters.
Der Erfolg des Maharishi Mahesh erreichte hierzulande in den Siebzigerjahren mit "bald 50 000 deutschen Meditanten" seinen Höhepunkt. Als die Beatles den Trip schon längst wieder verlassen hatten, suchten auch viele Naturwissenschaftler, Techniker und Manager ihr Seelenheil beim Yogi. 1971 entschloss sich SPIEGEL-Redakteur Peter Brügge daher zu einem siebenmonatigen Selbstversuch. Doch was nach den ersten Übungen mit des Meisters Instruktoren in Schwung geriet, war keineswegs, was der Maharishi in Aussicht gestellt hatte: Statt Harmonie musste Brügge "unglaubliche Störungen im Seelenhaushalt" feststellen. Der Redakteur erlitt "Phasen nachtheller, apathischer Schlaflosigkeit und nervöser Arbeitsunlust", ihn befiel "panische Ratlosigkeit".
Doch solche Beschwerden gehörten nach Ansicht des Gurus "zu den Symptomen der geistigen Reinigung": nur nicht aufgeben, im Gegenteil. Dem Urheber der "geistigen Erneuerungsbewegung" wenigstens brachten die Ausfälle unter seinen Jüngern nicht aus der Ruhe, sah er doch durch die Insignien des Erfolgs, die ihn mehr und mehr umgaben, die Wirksamkeit seiner Meditation bestätigt. "Wünsche sollten erfüllt werden", lehrte er; und Erfolg führe auf den Weg zum "vollkommenen Sein".

DER SPIEGEL 47/2017
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