23.11.2017

Betriebsklima„Ganz schöne Ohrfeige“

Eine interne Umfrage offenbart die miese Stimmung in der Bundesagentur für Arbeit. Welchen Anteil hat Vorstandschef Scheele daran?
Anfang vergangener Woche saßen viele Mitarbeiter der Bundesagentur gebannt vor ihrem Dienstrechner und klickten sich durch zahllose Tabellen und Kommentare. Die Hausleitung hatte unter Tausenden Führungskräften eine Umfrage durchgeführt. Die Ergebnisse waren nun im Intranet veröffentlicht worden – und fielen ernüchternd aus für den Vorstandschef Detlev Scheele.
"Wir haben eine Kultur des Misstrauens", hieß es da. Oder: "Wertschätzung ist seit Jahren nicht erkennbar." Ein anderer Kollege hielt genervt fest: "Wir haben viele Hochglanzbroschüren, die gelebte Wirklichkeit sieht anders aus."
Rund 100 000 Menschen arbeiten für die Bundesagentur für Arbeit (BA). An der Umfrage beteiligten sich gut 2000 Kollegen ab "Tätigkeitsebene II", also von der mittleren Führungsebene aufwärts. Wenn man den Aussagen der Vorgesetzten glauben mag, ist die Stimmung in der größten Behörde des Bundes mies. Immer wieder benoteten Mitarbeiter die aktuelle Lage im Haus mit der Note vier oder schlechter.
Vorstandschef Scheele räumte die Probleme in einer Videobotschaft, die ebenfalls im Intranet veröffentlicht wurde, ein. Die Befragung sei "eher schlecht" ausgefallen, sagte er. "Auch mit Noten zwischen fünf und sechs, das entspricht einem blauen Brief, und die Versetzung ist gefährdet." Seine Sprecherin nannte die Ergebnisse gar eine "ganz schöne Ohrfeige".
Was läuft schief in der Bundesagentur? Auf Außenstehende wirken die Hilferufe aus der Belegschaft einigermaßen überraschend. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich prächtig. Nur noch 2,4 Millionen Menschen haben sich im Oktober arbeitsuchend gemeldet, so wenige wie noch nie seit 1990. Monat für Monat verkündet Scheele neue Rekordzahlen. Müssten seine Kollegen da nicht stolz und zufrieden sein? Schließlich gehört die Arbeitsvermittlung zu ihren Kernkompetenzen.
Zudem genoss die Bundesagentur zuletzt einen recht guten Ruf. Mit den Hartz-Reformen begann ab 2003 ein radikaler Umbau der Behörde zum unternehmerischen Dienstleistungsbetrieb. Niemand verkörperte diese Reformen stärker als der langjährige Vorstandschef Frank-Jürgen Weise, der zuvor in der Wirtschaft Karriere gemacht hatte. Mithilfe von Unternehmensberatern konzentrierte Weise die Macht in der Zentrale und baute ein Controlling auf, das sich an Zahlen orientierte. Die sinkende Arbeitslosigkeit und Haushaltsüberschüsse am Jahresende schienen Weise recht zu geben.
Doch seine Managementmethoden gerieten mitunter öffentlich in die Kritik. Vor einigen Jahren wurden Klagen der Mitarbeiter in den Jobcentern über die Weisungsflut aus der Nürnberger Zentrale laut. Hunderte E-Mails, Empfehlungen, Informationen und Anweisungen überforderten die Leute in den Außenstellen.
Hauptpersonalrat Eberhard Einsiedler veröffentlichte 2012 ein "Diskussionspapier", in dem er die Strategie der Führungsspitze scharf angriff. Die BA würde zu viele Leute in Leiharbeit vermitteln, "Masse statt Klasse" sei entscheidend. "Heute reden wir in der BA von Geschäftsmodellen und Produktlinien", schrieb der Gewerkschafter. "Was ist unser Beitrag zum Gemeinwohl?" Voriges Jahr kritisierte der Bundesrechnungshof die mangelhafte Betreuung der Langzeitarbeitslosen. Die Hartz-IV-Empfänger würden oft in Maßnahmen geschickt, ohne die Wirksamkeit der neuen Qualifikationen zu prüfen.
In der jüngsten Umfrage finden sich nun viele Bedenken wieder. So beschwerte sich ein Mitarbeiter, die Arbeit werde "zu sehr von Zahlen dominiert". Ein anderer meinte: "Derzeit ist die Erfüllung formaler Verhaltensregelungen für die meisten Mitarbeiter viel bedeutsamer als die eigentliche Aufgabe." Die Führungskräfte monierten auch die komplizierten Abstimmungsprozesse und fehlgeschlagenen IT-Projekte mit hohen Kosten.
Sabine Zimmermann, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, wundert sich nicht über die Ergebnisse der Umfrage: "Arbeits- und Leistungsdruck kennzeichnen Agenturen für Arbeit und Jobcenter seit den Hartz-Reformen", sagt sie. "Statt Zahlen und Kosteneinsparungen müssen wieder der Mensch und die individuelle Betreuung im Mittelpunkt stehen."
Vorstandschef Scheele gelobt Besserung. Der Arbeitsmarktexperte, der vor zwei Jahren in die BA kam und im April den Chefposten übernahm, sagte in seiner Videobotschaft: "Ich werde dafür die Verantwortung übernehmen, dass die richtigen Konsequenzen gezogen werden." Wie er das genau anstellen will, verriet der frühere Hamburger Arbeitssenator mit SPD-Parteibuch nicht. In den kommenden Monaten sollen die Missstände auf Strategiekonferenzen und einem Führungskongress aufgearbeitet werden.
Mitarbeiter begrüßen die Transparenzoffensive des neuen Vorstandsvorsitzenden. Es sei mutig gewesen, die umfangreichen Umfrageergebnisse ins Intranet zu stellen, heißt es. Allerdings verweisen manche auch auf den Zeitpunkt der Umfrage, der geschickt gewählt worden sei. Scheele habe die Befragung früh genug durchgeführt, damit die Probleme noch seinem Vorgänger angelastet werden.
Von Sven Becker

DER SPIEGEL 48/2017
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