02.12.2017

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalSumm, summ, summ

Es gibt Sätze, die gehen einem nicht mehr aus dem Kopf. Wie ein Ohrwurm, der sich im Hirn festsetzt und dort wieder und wieder abgespielt wird. Da kann man nichts machen.
Die Grünen haben auf einem Parteitag das Aus für Jamaika besprochen. Ich habe den Fehler gemacht, mir einen Ausschnitt anzuschauen, in dem Katrin Göring-Eckardt zu sehen war. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen sagte darin, dass sie hoffe, dass jede Biene, jeder Schmetterling und jeder Vogel in Deutschland wisse, dass die Grünen weiter für sie da seien. Ich werde diesen Satz nicht mehr los. Sie hat sich ihre Rede vorher aufgeschrieben, das konnte man sehen. Es war also nichts, was ihr spontan rausgerutscht ist.
Wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, kommen einem immer mehr Fragen. Warum nur Bienen, Schmetterlinge und Vögel? Was ist mit den Spinnen, den Käfern und den Mücken? Haben die keine Lobby bei den Grünen? Insekten in Tiere erster und zweiter Klasse einzuteilen ist ziemlich diskriminierend. Der Fehler sollte einem gerade als Grüner eigentlich nicht unterlaufen. Es wäre auch interessant zu wissen, wie Frau Göring-Eckardt ihren Glauben an die Beseeltheit der Natur mit ihrem Engagement bei der evangelischen Kirche in Einklang bringt. Soweit ich weiß, schließen sich Animismus und Christentum aus. Und warum nur die Tiere in Deutschland? Endet die Verpflichtung zum Artenschutz etwa an der deutschen Außengrenze?
Andererseits eröffnet der insektenpolitische Vorstoß der grünen Fraktionschefin parteitaktisch ganz neue Möglichkeiten. Keine Ahnung, wie viele Bienen, Vögel und Schmetterlinge es in Deutschland gibt. Die Zahl ist stark dezimiert, die Umweltverbände sprechen von 75 Prozent Verlust. Aber es wird immer noch weit mehr Insekten als Menschen im Wahlalter geben. Was fehlt, ist eine Wahlrechtsreform, damit auch die Biene endlich abstimmen darf.
Eine Schwäche der Linken war immer ihr Hang zum Kitsch. Kitsch entsteht aus dem Bedürfnis, der großen Sache durch große Worte noch mehr Bedeutung zu verleihen und dem Innigen noch mehr Innigkeit. Deshalb kommen die fleißigsten Kitschproduzenten seit Jahren aus dem grünen Milieu, wo es schon am Morgen den Untergang der Welt abzuwenden gilt.
Viele Leute sind betrübt darüber, dass die Grünen nicht an die Regierung gekommen sind. Aber Hand aufs Herz: Kann man der FDP wirklich einen Vorwurf machen, dass sie sich vier Jahren Jamaika entzogen hat? Ich bin davon überzeugt, dass der wahre Grund für das Scheitern der Gespräche nicht programmatische Differenzen waren, sondern religiöse. Nennen Sie es Aufklärung oder Moderne: Aber eine Partei, deren Spitzenkandidatin glaubt, sie könnte mit den Schmetterlingen reden, macht es anderen echt schwer, sie ernst zu nehmen.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 49/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal:
Summ, summ, summ

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug