02.12.2017

Früher war alles schlechterTischmanieren

Benimm dich bei Tisch, und schnäuz dich gefälligst in die linke Hand, wenn Gäste da sind. Weil man mit der rechten Hand das Fleisch nimmt. Und piss nur gegen die Tapete, wenn schon abgeräumt ist. So klangen gute Manieren zur Luther-Zeit. Erasmus von Rotterdam fand zwar das Nasebohren bei Tisch unpassend, weil alle aus einem Fleischtopf aßen. Das "flatum ventris" dagegen, das Entlüften des Unterleibs bei Tisch, dürfe aus Gründen der Gesundheit nicht untersagt werden. Erst allmählich verfeinerten sich die Tischsitten – und das auch nur bei Hofe und keineswegs in allen Ländern. Die Gabel hatte es besonders schwer, sich durchzusetzen. Bis heute wird sie in Asien ebenso wie das Messer als Ausdruck von Unzivilität gesehen, weil eigentlich eine Waffe. Wozu gibt es Stäbchen? "Die Gabel ist nichts anderes als die Inkarnation eines bestimmten Affekt- und Peinlichkeitsstandards", schreibt Norbert Elias. Auch das Zerlegen ganzer Tiere bei Tisch wurde erst im Laufe des 19. Jahrhunderts in die Küche verbannt. Dem Fleisch solle, so die damals neue Idee, möglichst seine der Gewalt geschuldete Herkunft nicht anzumerken sein. Auch wenn die Benimmregeln sich seit Knigge wieder gelockert haben ("Bei Tisch wird nicht geredet!"), geht es uns heute zweifellos besser beim Essen. Im Restaurant Tabakqualm einatmen zu müssen ist heute so unvorstellbar, wie einst die Darmwinde des Nachbarn unvermeidlich waren. alexander.smoltczyk@spiegel.de

DER SPIEGEL 49/2017
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