02.12.2017

Ein Foto und seine GeschichteAlles im Fluss

Warum ein indischer Lehrer trotz Hochwassers die Nationalflagge gehisst hat
Es war ein Dienstagmorgen, gegen halb acht, das Wasser war trübe und kalt. Mizanur Rahman, ein indischer Lehrer, kaum einssiebzig groß, das Wasser bis zur Hüfte, watete über das Schulgelände, zwei seiner Schüler, beide zehn Jahre alt, schwammen neben ihm her.
Seit zwei Tagen war seine Schule, die Naskara-Grundschule im Nordosten Indiens, nun schon überschwemmt, und vielerorts sah es nicht besser aus. Die Zeitungen zeigten Bilder von Nashörnern und Elefanten, die sich auf Hügel gerettet hatten, die wie Inseln aus den Fluten ragten. Von Menschen, die auf Dächer geflohen waren oder auf Bambusflößen trieben. Aber Rahman entschied: Wir machen weiter.
Rahmans Schule liegt in Fakirganj im Bundesstaat Assam, es gibt 190 Schüler und 4 Lehrer, Rahmans Monatsgehalt beträgt 325 Euro. Rahman sagt am Telefon, es gebe hier den schönsten Sonnenuntergang und die freundlichsten Menschen der Welt; er lade herzlich ein. Er werde Hilsa servieren, einen Hering mit kleinen Gräten, aber vorzüglich im Geschmack. Dann erzählt er alles von jenem tragischen Tag, der doch einer der schönsten in seinem Leben war.
So gut wie jedes Jahr wird Rahmans Heimat überschwemmt. Hier fließt der Brahmaputra, der – 2900 Kilometer lang, mancherorts über zehn Kilometer breit – zu den größten Flüssen der Welt gehört. Jeden Sommer, wenn der Monsun kommt, drückt sich der Fluss über die Ufer. In guten Jahren fließt das Wasser in Maßen und bewässert so die Reisfelder; in schlechten, und das sind die meisten, kommt zu viel, und die Fluten des Brahmaputra reißen Straßen und Häuser weg, einmal sogar die einzige Brücke. Der Fluss gibt, der Fluss nimmt.
Auch Rahmans Familie verlor einst ein Haus an den Fluss. Heute leben er, seine Frau, seine Tochter und die Eltern in einer Wellblechhütte, und sollte das Wasser eines Tages auch hierher vordringen, dann, sagt Rahman, werde er seine Unterkunft zusammenklappen, erst das Dach, dann die Wände. Er sagt das so, als wäre es das Normalste auf der Welt: zu wissen, dass das eigene Zuhause keinen Bestand haben wird. Dass alles vorläufig ist und nichts für die Ewigkeit. Vielleicht lässt sich so erklären, wie es zu jenem Foto kam, das den Lehrer aus Assam für einen kurzen Moment berühmt machte.
Es war der 15. August, der Tag der indischen Unabhängigkeit. 70 Jahre war es her, dass die Briten die Macht übergeben hatten. Es war das Ende eines langen Kampfes gewesen, des Widerstands Mahatma Gandhis und der Anfang des beeindruckenden Aufstiegs dieses Landes: vom Armenhaus der Welt zur siebtgrößten Wirtschaftsmacht. Rahman ist 30 Jahre alt, er ist Patriot, er hat den Unabhängigkeitstag stets gefeiert. Es ist eine Konstante in einer Welt, in der sonst nichts bleibt, wie es ist.
Er, seine Kollegen und zwei Schüler hissten an diesem Tag die Nationalflagge, sie salutierten und sangen die Hymne. Sie fotografierten die Szene, auch weil die örtlichen Behörden es als Beweis für die Feierlichkeiten einfordern. Dann eilten sie ins Trockene. Der Direktor sprach ein paar Worte über den Wert der Freiheit, es gab Schokolade für die Kinder. Später lud Rahman das Foto auf Facebook hoch. Dann schaltete er sein Handy aus. Der Strom war ausgefallen, Rahman wollte die Batterie schonen. Als Freunde sagten, "Mizanur, du bist berühmt", lief er zum Ufer, weil sein Telefon nur dort ein Signal empfing. Rahman aktualisierte Facebook. 500 Menschen hatten sein Foto in den ersten Stunden geteilt, schnell waren es mehr als 100 000.
Es war ein eindrucksvolles Bild, weil es von der Widerstandskraft von Menschen erzählt und von der Liebe zu einem Land. Es bot jedoch auch einen verstörenden Anblick. Die Schule mit dem abgewetzten Putz, die Kinder, denen das Wasser bis zum Hals steht. Für Rahman war es aber auch: der Tag, an dem die Welt Notiz von ihm nahm.
Die Überschwemmungen, die Assam heimsuchten und weite Teile Südasiens, waren die schlimmsten seit 30 Jahren. 157 Menschen starben allein in Assam, Hunderttausende mussten ihre Häuser verlassen. Und doch blieb die Welt seltsam still in Anbetracht der Katastrophe. Es gab von anderen, bekannteren Orten so viel zu berichten: Der Hurrikan "Harvey" überschwemmte Houston in den USA, ein ungewöhnlich starker Monsunregen ließ Mumbai voll Wasser laufen. Assam war eine Randnotiz.
Nun aber gab es dieses Foto, und die Journalisten wollten wissen, wie es dazu gekommen war. Ob er verrückt sei? Oder ein Held? Rahman erzählte ihnen, dass es ihm gut gehe, dass aber viele Menschen hungerten. Dass die Hilfslieferungen die Notlager nicht erreichten, dass ein Krankenhaus weggeschwemmt worden sei und die Überfahrt mit der Fähre, der einzige Weg zur nächsten modernen Klinik, mehr als drei Stunden dauere. Noch am selben Tag ertrank sein Cousin. Er war auf seinem Boot ausgerutscht. Aber Rahman hoffte: "Nun, da so viele nach uns fragen, wird man uns auch zuhören."
Drei Monate später ist das Wasser zurückgewichen. Das Krankenhaus ist noch immer kaputt, die Fähre gefährlich überladen, die Straßen sind noch immer löchrig. Nur die Anrufe haben aufgehört.
Rahman ist enttäuscht, dass sich nichts geändert hat. Dabei wäre es ja, findet er, für die örtlichen Behörden ein Leichtes gewesen, etwas zu tun, zum Beispiel den Deich zu reparieren, damit er nicht beim ersten Wasserdruck bricht. Trotzdem sei er für das Foto dankbar, sagt er. Für ein paar Tage hat es sich für ihn so angefühlt, als sei Assam die Mitte der Welt.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 49/2017
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