02.12.2017

LeitkulturVolksmusik

Alexander Osang über Bodenständigkeit
Vorige Woche war ich wieder in Neubrandenburg, wo ich gelebt habe, als ich 16 war, 17 und 18. Drei Jahre lang habe ich dort gelernt, wie man Pumpen repariert, Rohrbrüche behebt und wie man trinkt. Jeden Sonntagabend bin ich aus dem Berliner Zug gestiegen, habe nach Osten geguckt und gehofft, dass mein Lehrlingswohnheim in Flammen stehe. Es hat nie gebrannt. In meiner Erinnerung war es immer Ende November in Neubrandenburg. Wie jetzt.
Diesmal schlief ich in einem Hotel am Tollensesee, schönes Zimmer, toller Blick, aber man konnte nicht erkennen, wo der See aufhörte und der Himmel anfing, alles ging ineinander über, verschiedene Grautöne, durch die Möwen flogen. Am Nachmittag lief ich durch die Neubrandenburger Fußgängerzone. Sie war weitgehend leer. Es gab Weihnachtssterne, ein paar verpackte Karussells und Buden. Am nächsten Tag sollte der Weihnachtsmarkt aufmachen. Das Hotel, in dem ich damals meinen Abschlussball gefeiert hatte, war eine Baugrube. Ich dachte an "Die letzte Vorstellung" von Peter Bogdanovich, nur lief ich nicht durch Nord-Texas, sondern durch Nord-Ostdeutschland.
"Und hat sich die Stadt verändert?", fragte mich später eine Kollegin vom NDR. "Ach", sagte ich. "Dazu bin ich zu kurz da."
Ich bin vorsichtig, was Stadtbeschreibungen angeht. Im Sommer geriet ich in einen Shitstorm, weil ich in meiner Kolumne behauptet hatte, jeder Pissbahnhof in Vorpommern sehe besser aus als das Stadtzentrum von Ludwigshafen. Man kann das unter dem Hashtag #Pissbahnhof verfolgen. Mir fiel ein, wie ich einst auf diesem Neubrandenburger Fußgängerboulevard zusammen mit meinem Mitlehrling Stephan Witt Plastefolien unter Gullydeckel schob. Es war kalt und grau. Wir trugen blaue Arbeitsanzüge und klobige Schuhe. Einer hob den Gullydeckel mit einer Eisenstange an, einer breitete die Wärmefolie aus. Irgendwann blieb eine Mutter mit ihrem vielleicht achtjährigen Sohn neben uns stehen und sagte: "Wenn du nicht besser in der Schule lernst, musst du später auch so was machen." Stephan war ein Mathegenie, er konnte wunderbar zeichnen und sang im Chor der St.-Hedwigs-Kathedrale, deren Kantor sein Vater war.
Aber sollte man das aufklären? Für eine Mutter mit Kind? Ich hoffe, der Junge hat es geschafft.
"Ich habe viel Gutes gehört", sagte ich der NDR-Kollegin.
Nachts sah ich mir auf dem Hotelzimmer in der ARD-Mediathek die berührende Dokumentation über Boris Becker an. Becker erzählte in drei Sätzen mehr über das Wesen der Deutschen als Frank-Walter Steinmeier in einer einstündigen Rede an die Nation. Ich bin nicht euer Boris, sagte Becker. Auf den Archivbildern sah er verloren aus zwischen den jubelnden Fans und Politikern, jetzt hinkte er zigarillorauchend durch Paris wie ein verwundeter Krieger.
Becker hat viel für den Ruf der Deutschen in der Welt getan. Das gilt auch für Franz Beckenbauer und Angela Merkel, die zurzeit schlecht behandelt werden. Frau Merkel hat drei Wochen kaum geschlafen, dann steht Christian Lindner auf und geht. Am Morgen danach putzen sich die Leitartikler die Zähne, machen sich einen schönen Espresso, vielleicht einen doppelten, und schreiben: Merkeldämmerung. Das haben sie vor neun Monaten schon mal geschrieben. Vor vier Monaten haben sie geschrieben, die Kanzlerin sei unschlagbar. Und in drei Monaten schreiben sie es vielleicht wieder.
"Die Deutschen sind wie Wellenreiter", sagt Ion Tiriac in der Dokumentation über seinen ehemaligen Schützling Boris Becker. "Wenn du oben bist, geben sie dir alles, bist du unten, versuchen sie, dich zu töten." Ich hätte ihm am liebsten seinen grau melierten rumänischen Bart gekrault.
Draußen peitschte der Wind auf den schwarzen See, und ich dachte aus irgendeinem Grund an ein altes "SZ"-Gespräch mit dem Sänger von Pur, das der Interviewer mit dem Geständnis begann: Wären Sie böse, Herr Engler, wenn ich Ihnen sage, dass ich die Musik von Pur nicht besonders mag? Axl Rose hätte ihm einen Arschtritt verpasst, aber der Pur-Sänger antwortete: Ach Gott, nein, Musik ist Geschmackssache. Hätte ich wahrscheinlich auch gesagt. Wer ist schon Axl Rose? Die meisten sind doch Hartmut Engler. Angeschlagene Gegner, denen die Wellenreiter ihr Messer in den Bauch hauen. Dann fragen sie: Fandest du das vorhin zu hart? Muss man doch sagen dürfen, oder? Seit wann bist du so dünnhäutig? Früher fand ich dich besser.
Irgendwann werde ich nach so einem Satz aus dem Fenster springen, und niemand wird wissen, warum.
Am nächsten Morgen sah ich im Gästebuch des Hotels, dass in der Nacht Hauff & Henkler hier geschlafen hatten. Monika Hauff & Klaus-Dieter Henkler waren so etwas wie Marianne und Michael der DDR. Ein Volksmusikduo. Wie bei den meisten volkstümlichen Musikern sieht es in ihrem Herzen anders aus als in der heilen Welt, die sie besingen. Schwarz. Niemand redet so schlecht über Kollegen wie Volksmusikanten. Journalisten vielleicht. Ich habe vor 25 Jahren einen Text über das Duo geschrieben, in dem es um Heimat ging. Ich war froh, dass ich die beiden diesmal verpasst hatte. Es war Zeit, dass ich wegkam. Ich konnte verstehen, warum sich Boris Becker in London beerdigen lassen will.
"Wie hat's Ihnen bei uns gefallen?", fragte die Rezeptionistin. Es war großartig, sagte ich und sah in den grauen Regen wie in einen Sommertag.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 49/2017
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