02.12.2017

Jobs„Ein Schlag ins Gesicht“

In Görlitz will Siemens 960 Arbeitsplätze streichen – mit Folgen für die ganze Region.
Siegfried Deinege, 62, Oberbürgermeister von Görlitz, fühlt sich in diesen Tagen an die Zeit nach der Wende vor 27 Jahren erinnert. "Wir erleben ein Déjà-vu der Neunzigerjahre", sagt er. Damals brach in der ostsächsischen Stadt die Industrie zusammen, rund 15 000 Menschen zogen weg, darunter viele junge Familien.
Jetzt werden, so sieht er es, die Überlebenden wegrationalisiert. Denn Siemens will sein Werk in Görlitz schließen und 960 Arbeitsplätze streichen. "Wir müssen erneut erleben, dass diese Region blutet", sagt Deinege.
Ronny Zieschank hat den Umbruch der Wiedervereinigung überstanden, heute ist er stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Siemens in Görlitz. 1986 begann er seine Ausbildung im DDR-Betrieb VEB Görlitzer Maschinenbau. Als klar war, dass das Werk nach der Wende von Siemens weitergeführt würde, seien die Mitarbeiter froh gewesen, sagt Zieschank. "Selbstverständlich gab es Stellenabbau, aber Siemens hatte ein Zukunftskonzept für uns."
Das ist nun Vergangenheit. Mit roten Fahnen und Trommeln demonstrierten Mitarbeiter von Siemens gemeinsam mit Beschäftigten vom ebenfalls bedrohten Betrieb des Waggonbaukonzerns Bombardier am Mittwoch gegen Verluste von Industriearbeitsplätzen in der Region Ostsachsen. Rund 3000 Leute kamen zusammen, um eine Menschenkette zu bilden. Die Schließung hätte eine fatale Auswirkung auf die ohnehin strukturschwache Grenzregion, meint Deinege. "Zulieferer, Handel, Service – ein Siemensianer bindet hier zwei Mitarbeiter aus anderen Sektoren. Das wäre eine gesellschaftliche Katastrophe."
Christoph Scholze, 37, arbeitet als Ingenieur in der Kostenoptimierung. "Siemens ist für mich alternativlos", sagt er. Bei vergleichbaren Anstellungen in der Region müsse er massive Gehaltseinbußen in Kauf nehmen. Sollte das Werk schließen, bliebe ihm nur, weite Strecken zu pendeln oder gleich wegzuziehen. Dass ausgerechnet ihr Werk geschlossen werden soll, leuchtet den Mitarbeitern nicht ein. "Die Nachfrage nach Gas- und großen Dampfturbinen sinkt – das ist nachvollziehbar", sagt Robert Grau, 38, der für ein Team von 18 Ingenieuren verantwortlich ist. "Wir produzieren aber die Industriedampfturbine, die unter anderem in der Chemieindustrie und in solarthermischen Kraftwerken eingesetzt wird." Damit sei ihr Produkt nicht von der Energiewende betroffen, im Gegenteil: Der Markt wachse, die Auftragsbücher des Werks seien voll.
Grau fing, wie viele Mitarbeiter, gleich nach der Schule bei Siemens an. Er absolvierte eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker, während des Studiums arbeitete er in den Ferien im Werk und schrieb die Abschlussarbeit in der Firma. Seine Frau ist ebenfalls bei Siemens beschäftigt, der ältere Sohn besuchte den Betriebskindergarten "Turbienchen". "Wir hatten hier ein Gefühl sozialer Sicherheit", sagt Grau. "Jeder meinte, wir gehören zur Siemens-Familie, und die wird nicht im Stich gelassen." In seinem Team kämen nun Existenzängste auf.
Der Frust über die Schließungspläne wurde verstärkt durch die Art, wie sie kommuniziert wurden: Die Chefetage informierte die Mitarbeiter erst per Mail, dann über eine zentral geschaltete Videoübertragung. "Das war ein Schlag ins Gesicht", sagt Scholze. "Bisher war ich stolz, Siemensianer zu sein, aber so geht man nicht mit seinen Leuten um." Die IG Metall Ostsachsen brach die Veranstaltung mit Web-Schalte schließlich ab. "Von einem Unternehmen, das so gut dasteht wie Siemens, erwarten wir bessere Ideen als Standortschließungen", sagt Jan Otto, 36, Erster Bevollmächtigter der IG-Metall-Geschäftsstelle. "Die soziale Marktwirtschaft lebt auch von der ethischen Verantwortung. Siemens als deutscher Konzern muss dieser Verantwortung gerecht werden."
Von Antonia Schaefer

DER SPIEGEL 49/2017
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