02.12.2017

Zentralafrikanische Republik„Religion ist nur vorgeschoben“

Imam Oumar Kobine Layama, Vorsitzender des Islamischen Rates in Zentralafrika, über den vergessenen Bürgerkrieg in seiner Heimat, der seit 2013 zur Flucht von fast einem Viertel der Bevölkerung geführt hat
SPIEGEL: Die Uno hat fast 13 000 Blauhelme in Ihrem Land stationiert. Warum geht der Bürgerkrieg trotzdem weiter?
Kobine Layama: Jetzt sollen sogar noch bis zu tausend weitere Blauhelme kommen, aus Brasilien. Das wird aber auch nicht viel bringen. Die Uno-Truppen sind sehr schlecht koordiniert, es gibt keine einheitliche Führung. Die internationale Gemeinschaft sollte uns stattdessen helfen, wieder eigene Sicherheitskräfte aufzubauen.
SPIEGEL: Zusammen mit dem Erzbischof von Bangui setzen Sie sich für Frieden zwischen Muslimen und Christen ein. Handelt es sich denn um einen religiösen Konflikt?
Kobine Layama: Der Konflikt begann zwischen muslimischen Milizen und christlichen Kämpfern. Die Religion ist aber nur vorgeschoben. In Wirklichkeit liefern sich Banditenbanden Gefechte, es geht um Macht, um den Handel mit Diamanten und mit anderen Rohstoffen. Derzeit sterben mehr Menschen bei Kämpfen zwischen zerstrittenen muslimischen Gruppen als bei Kämpfen zwischen den Religionsgemeinschaften.
SPIEGEL: Wie groß ist die Gefahr, dass sich Muslime radikalisieren und die Zentralafrikanische Republik zum Hort von Terroristen wird, so wie etwa Somalia?
Kobine Layama: Diese Möglichkeit besteht in der Tat. Der Islamismus beruht aber auf einem krassen Missverständnis des Glaubens. Wir setzen uns daher für einen Dialog ein und erklären, dass es im Islam um Toleranz und Barmherzigkeit geht.
SPIEGEL: Tausende wurden getötet, monströse Untaten verübt. Wie soll Ihr Land diese Traumata überwinden?
Kobine Layama: Die Regierung hat eine Versöhnungskommission beschlossen, Täter und Opfer sollen sich gegenübertreten. Auch über Entschädigungen soll verhandelt werden.
Von Jpu

DER SPIEGEL 49/2017
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