02.12.2017

VerbändeZäh wie Klebstoff

Das IOC entscheidet über Russlands Teilnahme an den Winterspielen. Mittlerweile weiß es, was es zu sanktionieren hat: Staatsdoping.
Der Mann, der einst den Dopingsumpf der amerikanischen Baseballelite aushob und Missstände bei den US-Leichtathleten aufdeckte, trägt Seitenscheitel und leicht getönte Brillengläser. Er heißt Richard McLaren, lehrt Jura in Ontario, Sportverbände und Anti-Doping-Behörden rufen ihn, wenn wieder mal Lug und Trug ruchbar wurden.
Dann sucht McLaren Beweise, studiert Dokumente, hört Zeugen. Am Ende schreibt er einen Bericht, gibt Empfehlungen und zieht ab. Abgeschlossene Fälle streift der Kanadier ab wie Raucher die Asche.
Nur mit Russland, da geht das nicht so einfach. Russland ist anders. "Dieser Fall haftet an mir wie Kleber", sagt McLaren. Am Dienstag dieser Woche steht er in einer Hotelbar am Rande von Eindhoven und richtet sich die rosafarbene Krawatte. In wenigen Minuten soll er auf einer Fachtagung über das reden, was ihn nicht loslässt: seine eigenen Berichte, die "McLaren Reports", erstellt für die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Darin: Beweise für eine "institutionalisierte Verschwörung" im russischen Sport. Staatsdoping, unter Mitwirken von Sportministerium und Geheimdienst. Mehr als tausend Athleten profitierten oder waren involviert. McLarens Mandat endete vor einem Jahr.
"Der Unterschied ist, dass ich diesmal keine Handlungsempfehlungen aussprechen sollte", sagt McLaren. Den Verbänden blieb es überlassen, wie sie reagieren wollten. Auf die Berichte, 95 und 151 Seiten lang, und auf rund 1200 Beweisdokumente, die McLaren online stellte.
Vor allem eine Sportorganisation gab sich mit der Masse an Informationen überfordert: das Internationale Olympische Komitee. Vor den Spielen in Rio delegierte es die Entscheidung über den Ausschluss Russlands an die Sportfachverbände. Chaos entstand. Nun nahen die Winterspiele in Pyeongchang, in zehn Wochen geht es los. Am 5. Dezember will das IOC in Lausanne eine Entscheidung bekannt geben, mögliche Sanktionen verkünden. Olympia ohne Russland? Denkbar.
Die Fakten sind eindeutig. Während der Spiele 2014 in Sotschi wurden Dopingproben russischer Athleten manipuliert, nach jahrelanger akribischer Vorbereitung. Belasteter Sportlerurin sei durch eine Wandöffnung im Kontrolllabor gegen sauberen ersetzt, die Probenfläschchen heimlich geöffnet worden. "Dramatisch", nennt McLaren das Ausmaß, "ein solches System werden wir vielleicht nie wiedersehen." Seine Arbeit, eine Chronik des Massenbetrugs.
Dem IOC reichte das nicht. Präsident Thomas Bach berief zwei Kommissionen, die weitere Indizien sammeln sollten: eine unter Samuel Schmid, ehemals Schweizer Bundespräsident; sie sucht weitere Belege für einen staatlichen Komplott. Die andere, geleitet von IOC-Mitglied Denis Oswald, strengt Verfahren gegen einzelne russische Sportler an, die Teil des Systems waren.
Bis Donnerstag hatte Oswald 22 Athleten mit einer lebenslangen Olympiasperre belegt. Darunter: Langläufer Alexander Legkow, Sotschi-Sieger über 50 Kilometer. Für dessen Anwalt Christof Wieschemann ist das Urteil ein Skandal. Es lägen keine konkreten Beweise vor. "Mit einem fairen Verfahren hat das nichts zu tun", sagt Wieschemann. In der Urteilsbegründung schreibt die IOC-Disziplinarkommission: Legkow sei nach Abwägung der Wahrscheinlichkeiten Teil des Systems gewesen, also schuldig. Schließlich fänden sich vermeintliche Manipulationsspuren an zwei Urinfläschchen, die Legkow zugeordnet wurden; zudem steht sein Name auf einer Liste mit Sportlern, die Dopingcocktails erhalten haben sollen. Indizien. "Ich bin baff", sagt Wieschemann. "2016 sagte Bach noch, man verurteile nur bei ausreichender Beweislage."
Tatsächlich scheint das IOC einen Paradigmenwechsel vollzogen zu haben. Es stützt sich im Fall Legkow auf zwei Quellen: die Aussagen von Whistleblower Grigorij Rodtschenkow, dem ehemaligen Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Und auf McLaren – zuvor hatte das IOC ein klares Bekenntnis vermieden, für wie tauglich es dessen Report hält.
Es könnte ein Signal sein für die Entscheidung am kommenden Dienstag. Schließlich müsste die Anerkennung von McLaren und Rodtschenkow auch bedeuten: Das IOC sieht es als erwiesen an, dass nicht Einzeltäter betrogen, sondern ein System.
Wie eine Sanktion ausfällt, bleibt aber unklar. Bach, als Fechter vom deutschen Olympiaboykott in Moskau 1980 betroffen, ist ein Gegner von Kollektivstrafen. Russland schließt aus, unter neutraler Flagge zu starten, es droht in dem Fall mit Absage. Bleiben Geldstrafen oder Sperren einzelner Athleten – aber reicht das? In Lausanne steht auch die Glaubwürdigkeit der olympischen Bewegung auf dem Spiel.
Russland bestreitet weiter eine Beteiligung des Staates. Ja, es sei manipuliert worden. Aber eben nur von Einzelpersonen. Putin wittert hinter den Ermittlungen eine US-Verschwörung. Ein Ehrenpräsident des Russischen Nationalen Olympischen Komitees fordert derweil für Whistleblower Rodtschenkow ein Erschießungskommando: "wie zu Stalins Zeiten".
Von Thilo Neumann

DER SPIEGEL 49/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Verbände:
Zäh wie Klebstoff

Video 00:54

Johnson bei Macron Einfach mal die Füße hochlegen?

  • Video "Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden" Video 01:16
    Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Video "Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter" Video 45:10
    Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Video "Jagdtricks von Delfinen: Die Hau-drauf-hau-rein-Technik" Video 01:07
    Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Video "Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet" Video 00:40
    Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Video "Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung" Video 01:28
    Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung
  • Video "Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla" Video 01:00
    Video zeigt Autodiebstahl: 30 Sekunden für einen 98.000-Euro-Tesla
  • Video "Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand" Video 01:42
    Tiefseetauchgang: Wrack der Titanic in schlechtem Zustand
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht
  • Video "Trump über Grönland-Absage: So redet man nicht mit den USA" Video 01:33
    Trump über Grönland-Absage: "So redet man nicht mit den USA"
  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Johnson bei Merkel: Wir schaffen das und andere Kleinigkeiten" Video 01:45
    Johnson bei Merkel: "Wir schaffen das" und andere "Kleinigkeiten"
  • Video "Bienenschwarm im Haus: Honig aus der Decke" Video 02:06
    Bienenschwarm im Haus: Honig aus der Decke
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?" Video 00:54
    Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?