02.12.2017

LiteraturkritikFett!

Der Bachmannpreisträger Ferdinand Schmalz veröffentlicht sein erstes Buch: gesammelte Theatergrotesken.
Ferdinand Schmalz, 32, heißt eigentlich Matthias Schweiger. Was auch ein schöner Name wäre für einen Wortspieler wie ihn. Aber Schmalz, ein junger Mann mit Wanst und Walrossbart, mag die fetten Metaphern.
Dreimal war Schmalz schon nominiert für den Mülheimer Dramatikerpreis, im Jahr 2014 haben Theaterkritiker ihn zum Nachwuchsautor des Jahres gewählt, aber so richtig bekannt wurde er erst in diesem Sommer. Mit seinem ersten Prosatext, der Groteske "mein lieblingstier heißt winter", gewann er das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zurzeit arbeitet Schmalz daran, die morbide Schauergeschichte zu einem Roman fortzuschreiben, Anfang 2019 soll er bei S. Fischer erscheinen. Fürs Erste hat der Verlag soeben "leibstücke" veröffentlicht, eine Sammlung seiner Theatertexte, geschrieben in Kleinbuchstaben.
Die Titel klingen nach Hausmannskost: "dosenfleisch", "am beispiel der butter", "der herzerlfresser". Die Stücke selbst sind vollwertig. Verdauungsdramen, in denen sich die Figuren an der Sprache verschlucken. Schmalz stellt die übliche Satzstruktur um, er stört die Sprache am Dahinfließen, er rhythmisiert sie. Ein Klangkünstler. Seine Figuren sprechen nicht realistisch, keine Fernsehsprache, und sie sind auch sonst keine realistischen Charaktere. Sie sind Sprachpuppen, die für ein Milieu stehen, für eine verbreitete Art zu denken. "Individuen sind nicht so interessant, wie sie immer glauben", hat Schmalz mal gesagt. Seine Figuren sehnen sich nach Gemeinschaft.
So wie Adi, der Mitarbeiter einer Provinzmolkerei in Schmalz' Debütstück "am beispiel der butter", einer Protestparabel, die 2014 uraufgeführt worden ist. Adi träumt davon, eine politische Bewegung zu gründen. Im Zug bietet er Fahrgästen löffelweise den Joghurt an, den er gratis als Mitarbeiterration erhält. Im Werk zwackt er Butter ab, um ein Denkmal zu bauen – eine menschengroße Butterfaust. Doch je mehr Adi in Bewegung gerät, desto brutaler bremsen ihn die anderen Dorfbewohner, die alle von der Molkerei leben. Sie sondern den Sonderling aus, sie formen seinen butterweichen Leib durch Folter. Im Keller natürlich, das Ganze spielt in Österreich.
Schmalz wortspielt sich einmal durchs komplette Kühlregal, sprachgewitzt bis an die Grenze der Albernheit. Die Butter nutzt er als Metapher für die Konsensgesellschaft des Jahres 2014, in Österreich wie im Merkel-Deutschland. Die Butter zerbricht nicht, so hart man auch auf sie einschlägt. Sie weicht zurück. Wobei es nur heiß genug sein muss – und die Butter wird wieder flüssig.
Schmalz ist keiner jener Theaterautoren, die lieber Psychologe geworden wären, auch Reporter ist er nicht und erst recht kein Prediger. Schmalz, aufgewachsen als Sohn eines Landarztes in der steirischen Provinz, ist Sprachsezierer. Er rückt den Wörtern zu Leibe. Seine Stücke sind Volksstücke, seine Helden Kleinbürger, aber Schmalz schreibt nicht sozialrealistisch wie Peter Turrini oder Wolfgang Bauer in den Siebzigern und Achtzigern. Er schreibt theoriensatt, so wie vor ihm im deutschsprachigen Theater vielleicht nur René Pollesch.
Schmalz' Figuren träumen vom Ausstieg und vom Aufstand, aber sie träumen vergebens. So wie der belesene Bademeister Hannes in "der thermale widerstand". Er hat Werke von Saskia Sassen, Richard Sennett, Slavoj Žižek im Spind und wohl auch im Kopf, er streitet für das Recht auf Faulheit, für einen "zweckfreien, nicht funktionierenden körper". Hannes will das kapitalistische Unheil raushalten aus seiner Heilanstalt, will verhindern, dass Investoren ihr Geld ins Thermalbad pumpen. Weil das Geld sein Konzept verwässern würde: "das kurbad als die brutstätte für eine kommende gemeinschaft". Schmalz schwimmt erneut auf einer Wortspielwelle, und erneut spült der Sprachstrom kluge Gedanken an die Oberfläche. Am Ende wollen die wellnessverwahrlosten Kurgäste sich gar nicht befreien lassen von Hannes; sie erdrosseln ihn mit einem Handtuch. Ein Theoriethriller wie das Autobahnstück "dosenfleisch", dessen Figuren Unfälle als Glücksfälle feiern, als Chancen zum Ausbruch aus dem glatten Oberflächenleben.
Ihre Rede fließt wie die Autos auf der Autobahn: ein Drauflosphilosophieren mit 180 Stundenkilometern, ein Wortspielrennen, bei dem Schmalz' Landsfrau Elfriede Jelinek auf der Rückbank zu sitzen scheint: "echten verkehr, den gibt es nicht. weil keiner mehr mit einem anderen wirklich verkehren will" – "weil jeder nur mehr fernverkehren will" – "da läuft etwas total verkehrt". Es sind Raststätten-Philosophen, die sich nach und nach als Raststätten-Psychopathen entpuppen: "mein ich hat da im fleischsalat die strenge form verloren. und ist man erst mal offiziell zu bruch gegangen, sieht man die vielheit da in sich, die möglichkeiten."
Schmalz schreibt das Drama der Optimierungsgesellschaft, für die der Körper ein Tempel und Essen Religion ist. Er kalauert, bis es kracht.
Von Tobias Becker

DER SPIEGEL 49/2017
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