16.12.2017

EuropaPlötzlich im Süden

Der Schriftsteller Navid Kermani hat für den SPIEGEL eine Reise durch den Osten eines zerrissenen Kontinents gemacht. Sie begann in Schwerin und führte ihn bisher bis in den Kaukasus, wo diese Exkursion ihren Ausgang nimmt.
Kermani, 50, ist Autor, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL acht Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Vier weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet im iranischen Isfahan, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint Kermanis Reisetagebuch auch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").
Erster Tag
Der Kaukasus ist wahrscheinlich die einzige Region der Welt, in der man innerhalb von zwei Stunden durch drei verschiedene Kriege fahren kann. Gut, es sind keine wirklichen Kriege mehr; von Anschlägen, sporadischen Scharmützeln und staatlichem Terror abgesehen, stehen die Waffen derzeit still. Außerdem sind hier, auf einem Gebiet kaum größer als die Bundesrepublik, mehr als 50 Völker mit je eigener Sprache versammelt, da relativiert sich die Dichte der Konflikte auch. Von Tschetschenien weiß man als Europäer noch halbwegs, worum es ging; von Inguschien und Ossetien bestenfalls, dass da irgendetwas war. Wäre ich eine Stunde östlich aufgebrochen, dann wäre ich mit Dagestan durch eine weitere Provinz gekommen, in der der Krieg aufgehört hat, ohne dass der Frieden beginnt.
Frühmorgens brechen wir in Grosny auf und erreichen über eine schnurgerade Autobahn den Checkpoint mit Soldaten und Maschinengewehren, an dem Tschetschenien zu Ende ist. Die Minarette bleiben sich auch nach dem Checkpoint gleich. Ähnlich wie die Tschetschenen haben sich die Inguschen im 19. Jahrhundert erbittert gegen die Russen gewehrt und wurden – auch deshalb? – unter Stalin deportiert. Als sie zurückkehren durften, hatten sie einen großen Teil ihres Siedlungsgebiets an die überwiegend christlichen Osseten verloren. Der Streifen, der den Inguschen im Osten blieb, ist so schmal, dass wir nach einer halben Stunde bereits Kirchtürme sehen, aber auch Hammer und Sichel – als wären wir in die Sowjetunion zurückgekehrt. Im Unterschied zu den anderen Völkern des Kaukasus hatten die Osseten meist ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland, das ihnen Schutz gegen die muslimischen Nachbarn und Eroberer bot. So war es kein Zufall, dass Katharina die Große in Ossetien die Stadt errichten ließ, von der aus ihre Armee Volk für Volk unterwerfen sollte. Wladikawkas heißt sie bis heute – "beherrsche den Kaukasus".
Fast eine Million Soldaten hatte Russland verloren, bis es Mitte des 19. Jahrhunderts Perser und Osmanen zurückgedrängt, den lokalen Widerstand weitgehend gebrochen und seine Herrschaft weit an den beiden südlichen Meeren entlang ausgedehnt hat, dem Kaspischen und dem Schwarzen. Nicht anders als der westeuropäische Vorstoß in Afrika, Asien und Amerika war auch die Expansion der Russen nach Süden ein koloniales Projekt: Die europäische Kultur und das orthodoxe Christentum sollten an die Stelle der "kaukasischen Barbarei" treten. Katharina die Große proklamierte gar das Ziel, das Osmanische Reich zu zerschlagen, Byzanz wiederherzustellen und so den "ewigen Frieden im Osten" zu schaffen. Das Vorhaben scheiterte spektakulär, weil die erhoffte europäische Koalition gegen die Hohe Pforte nicht zustande kam. Aber auch im Kaukasus selbst blieb die russische Hoheit fragil, und nach dem Ende der Sowjetunion sind die Konflikte entlang der kolonialen Bruchstellen aufgebrochen: Ob in Tschetschenien, Inguschien oder im Krieg um Südossetien, wieder wird darum gerungen, auch gekämpft, wer den Kaukasus beherrscht. Und wieder richten die Völker, die sich heute gegen Russland behaupten wollen, ihre Hoffnung auf Europa und nicht etwa auf die islamische Welt.
Hinter Wladikawkas beginnt bereits die Georgische Heerstraße, auf der die Russen das schroffe Gebirgsmassiv überwanden. Anfang des 19. Jahrhunderts wohl eines der kühnsten Bauprojekte der Welt – seit Georgien wieder mit Russland verfeindet ist, fahren nur noch wenige Autos und noch weniger Lastwagen über den Pass. Nur wenn ich den Nacken drehe, sehe ich aus dem Fenster ein kleines Stück Himmel und unterm Himmel die nackten Felsen. Irgendwo dort soll die Wiege der Menschheit liegen, an einen dieser Felsen Prometheus geschmiedet gewesen sein. Umso komischer muten die Dixi-Klos an, die im Abstand von 500 Metern am Wegrand stehen, immer abwechselnd eins links, eins rechts.
Hinterm Pass, der so schmal ist, dass einige wenige Soldaten ein ganzes Heer aufhalten können, wie vor 2000 Jahren bereits der römische Reiseschriftsteller Plinius notiert hat, öffnet sich die Schlucht zu einer sanft abfallenden Hochebene. Dass vor den Russen die Eroberer meist aus dem Süden kamen, erklärt sich vielleicht auch durch die Topografie: Nur vom Norden her ist der Kaukasus so schroff, so abweisend. Bereits mit den ersten Häusern, Dörfern, Menschen meine ich, in einer anderen Klimazone zu sein: plötzlich im Süden. Die Physiognomien, Speisen und Sitten des kontinentalen Europa scheinen sich mit der russischen Kolonisierung nur bis nach Wladikawkas oder auf die Krim, aber nicht mehr hinter den Kaukasus ausgebreitet zu haben. Die dunkleren Gesichter und schwarzen Haare, die energischen Gesten der Straßenhändler, die Wein, Granatapfelsaft oder exotische Leckereien verkaufen, das lustvolle Feilschen, wenn man die butterweich kandierten Walnüsse am Stiel im Dutzend zu kaufen bereit ist, auch die Kopftücher und schwarzen Kleider der alten Frauen – es ist, als wäre ich von Deutschland direkt nach Süditalien eingereist. Aber nicht nur südlich – in den Boutiquen und Supermärkten des Skiresorts Gudauri ist die gesamte westliche Konsumwelt zu finden. Georgiens Oberschicht braucht nicht in die Alpen oder nach Colorado zu fliegen, um Heliski zu fahren und das Après zu genießen. Dabei ist der Westen erst nach der Rosenrevolution in Georgien eingezogen; 14 Jahre sind für eine Wiege der Menschheit so gut wie nichts. Die Schilder zeigen die alte Orientierung an: Teheran 1240 Kilometer.
An einer endlosen Kette europäischer Warenhäuser vorbei schieben wir uns nach Tiflis hinein, das wie jeden Abend im Stau steckt. Gab es in der eurasischen Steppe Platz im Überfluss, kämpft der Fahrer nun um jeden Zentimeter. Sosehr das Warten enerviert, macht es die Stadt doch sofort vertraut: einfach weil es eine Stadt im gewohnten Sinne einer Metropole ist, zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Das Hotel ist mit Iranern belegt, die Kurzurlaub von der Islamischen Republik machen. Und nicht nur das Hotel, wie ich beim ersten Rundgang staune: Das historische Zentrum sieht aus wie Teheran auf Fotos des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, elegante, ja filigran anmutende Gebäude aus rötlichem Ziegelstein, an deren Vorderfront hölzerne Balkone mit schlanken Säulen und verzierte Erker über die Gassen ragen. In ganz Iran gibt es keine Stadt, in der die iranische Frühmoderne mit ihrer originären Verschmelzung orientalischer Bautraditionen und europäischer Einflüsse erhalten ist. Teheran, die Hauptstadt dieses Aufbruchs, wo mit der Konstitutionellen Revolution von 1906 früher als in Deutschland der Durchbruch zur Demokratie zu gelingen schien – Teheran ist heute ein gesichtsloser Moloch, der von der eigenen Gründerzeit nur hier und dort einen Palast übrig gelassen hat.
Die Iraner aus meinem Hotel scheinen freilich weniger an Baudenkmälern als an der Gastronomie interessiert: Keine andere Küche ist der iranischen so nah wie die georgische mit ihren Walnüssen und Granatäpfeln, Kräutersymphonien und süßsäuerlichen Aromen, nur dass man hier noch den Wein zum Essen bestellen kann, was in der klassischen persischen Poesie nicht nur symbolisch gemeint war. Und die Literaten, mit denen ich in einem Jazzlokal verabredet bin, begrüßen sich 200 Jahre nach der persischen Besatzung noch mit dem persischen Salam. Es sei ihnen gar nicht bewusst gewesen, dass das der gewöhnliche persische Gruß sei, wundert sich die Schriftstellerin Anna Kordsaia-Samadaschwili – aber jetzt, da ich's sage: stimmt. Den Schildern nach Teheran ist sie auch schon gefolgt. Häufiger jedoch fliegt sie nach Europa und meint Westeuropa damit. Über die Georgische Heerstraße sei schon lange keiner mehr gereist.

Zweiter Tag
Weil Micheil Saakaschwili, den die Rosenrevolution ins Amt brachte, vom Reichstag offenbar so begeistert war, hat der Palast des georgischen Präsidenten nun ebenfalls eine Glaskuppel auf dem Dach. Saakaschwili ist bereits wieder Geschichte, nicht bloß abgewählt, sondern vor den Nachstellungen der Justiz ins Ausland geflohen, aber die Kuppeln sind immer noch beliebt. Selbst die strengen, hermetisch wirkenden Betonklötze aus dem Stalinismus tragen jetzt häufig einen durchsichtigen Hut. Auch einen veritablen Wolkenkratzer gibt es seit Neuestem, der mitten in das wunderbare Ensemble klassizistischer Architektur in der Tifliser Neustadt gestellt worden ist. In Westeuropa käme kein Investor mit einer solchen Monstrosität durch.
Dagegen sind die Bemühungen, die Altstadt vor dem Verfall zu retten, im wahrsten Sinne des Wortes auf halber Strecke stecken geblieben: Während die untere Hälfte zu einem Walt-Disney-Orient für Touristen gentrifiziert wird, wirken die oberen Häuser so, als könnten sie jeden Moment einstürzen. "Manchmal helfen die Investoren auch nach", ärgert sich Anna Kordsaia-Samadaschwili, die sich den Vormittag genommen hat, um mir Tiflis zu zeigen.
Anna, die neben dem Schreiben an der Universität Literatur lehrt, hat einige Jahre in Deutschland gelebt und sieht die kuriosen Aspekte der Verwestlichung unter dem abgewählten Präsidenten Saakaschwili: die Glaskuppeln oder dass die zentrale Straße zum Flughafen nach George W. Bush benannt ist, den man nicht einmal mehr in Texas für einen Helden hält. Sie sieht auch die Schattenseiten einer Marktwirtschaft, die wie überall nach dem Ende der Sowjetunion kaum reguliert und also von Oligarchen beherrscht wird. Dennoch meint sie, dass Georgien unter Saakaschwili vorangekommen sei. Als sie 1992 nach den Kriegen um Abchasien und Südossetien aus dem Ausland zurückkehrte, habe sie bei der nächtlichen Landung in Tiflis nichts als Schwarz unter sich gesehen. Noch bis 2004 seien Stromausfälle an der Tagesordnung gewesen, und mit dem Ende der Sowjetunion habe auch die Zentralheizung ihren Dienst eingestellt. Und dann die Korruption – keine Fahrt übers Land, auf der man nicht von Polizisten höflich oder bestimmt zur Kasse gebeten worden wäre. Das alles sei jetzt nicht gut, jedoch unvergleichlich besser als vor der Rosenrevolution, die von den prorussischen Medien und dem Klerus als Machwerk westlicher Geheimdienste hingestellt werde. Und immerhin: 2012 hat Georgien den ersten parlamentarischen Regierungswechsel in einer postsowjetischen Republik außerhalb des Baltikums vollbracht.
Ich frage, ob es einen Ort gebe, der an die Revolution erinnert. Ja, den gebe es, sagt Anna, allerdings werde er ständig verlegt. Anfangs war es der zentrale Platz von Tiflis, wo die Menschen im November 2003 gegen die Wahlfälschungen unter dem damaligen Präsidenten Schewardnadse demonstriert hatten; inzwischen sei nur noch eine hässliche Kreuzung nach der Rosenrevolution benannt. Zwar nicht in Tiflis, aber auf dem Land und in seiner Heimatstadt Gori werde selbst Stalin wieder rehabilitiert. Bei den Jüngeren, bei ihren eigenen Studenten beunruhige sie allerdings eine andere, noch radikalere Geschichtsvergessenheit: Manche wüssten nicht einmal mehr, wer Stalin war.
Wir sind in einem Café eingekehrt, so cool wie die Jazzkneipe von gestern Abend. Schon in Vilnius oder Kiew war mir aufgefallen – auch in Berlin-Mitte gab es nach der Wende diesen Moment –, wie ästhetisch reizvoll es sein kann, wenn der freie Markt mit seinem Kult des Individualismus in den Sozialismus fährt. Für eine solche Patina, wie sie die sparsam umgestalteten Lagerhallen, Werkstätten und Ladenlokale aus der Sowjetzeit von selbst haben – die Kreuzung aus modernem Design und Arbeiterkunst –, wird in London oder Berlin viel Geld investiert, nur damit die unverputzten Ziegelsteine, abgetretenen Holzdielen und russischen Filmplakate am Ende genauso auswechselbar wie eine Kücheneinrichtung von Ikea sind.
Einen Straßenzug weiter verfällt Tiflis wieder melancholisch. Die gusseisernen Balkongeländer an den Altbauten hat der russische Gouverneur Woronzow angeordnet, den Tolstoi-Leser aus der Erzählung "Hadschi Murat" kennen. Die zaristischen Behörden wollten Tiflis in eine moderne europäische Stadt verwandeln, da störte der ornamentale Bauschmuck aus Holz. Die Tifliser mochten das Eisen allerdings nicht; gegen die Anordnung konnten sie nicht viel tun, da verlegten sie ihre hölzernen Balkone und Erker nach hinten. So blickt man von vielen Straßen auf europäische Fassaden und ist in den Höfen von orientalischen Formen umgeben. Eine typisch persische Miniaturmalerei mit Liebenden, die sich bei Wein und Musik kosen, erweist sich als christlich, als ich das Schwein entdecke, das über dem Feuer gebraten wird. Auch die Liebe zu Gärten scheinen sich die Tifliser aus der iranischen Zeit bewahrt zu haben, so grün, wie ihre Hinterhöfe sind, mit Sofas, Stühlen und Tischen auch liebevoll möbliert. Wie in der traditionellen iranischen Stadt scheint sich das Leben nicht auf der Straße abzuspielen, sondern blüht hinter den Mauern auf. Von so viel Verwandtschaft in meiner iranischen Seele bewegt, frage ich, wie meine Landsleute in Georgien angesehen seien.
"Ehrlich gesagt, nicht so gut", antwortet Anna und erinnert an die Hunderttausenden Georgier, die von Schah Abbas nach Persien verschleppt worden waren. Und Schah Agha Mohammed Khan – stimmt, jetzt erinnere ich mich wieder – plünderte 1795 Tiflis erbarmungslos, schändete die Kirchen, brannte fast alle Häuser ab und nahm 22 000 Bewohner als Sklaven mit.
Auf Socken betreten wir die Juma-Moschee, in die das Tageslicht durch große Fenster hell strahlt – einen weißen, geradezu modern wirkenden Sakralbau, der einzig vom roten Teppich und von himmelblauen Miniaturen mit Farbe versorgt wird. Obwohl es keinen abgetrennten Bereich für Frauen gibt, ist die Moschee durch einige Säulen in zwei Hälften mit jeweils einer eigenen Gebetsnische unterteilt, die Richtung Mekka zeigen – zwei Mihrabs nebeneinander habe ich noch in keiner Moschee gesehen.
Und während die eine Längswand mit sunnitischen Aussprüchen bemalt ist, werden auf der anderen die schiitischen Imame gepriesen. Es gab seit 1950 eben nur noch eine Moschee, eine zweite erlaubten die sowjetischen Behörden nicht. Da verständigten sich Sunniten und Schiiten darauf, sie sich brüderlich zu teilen. Jeder hat seinen eigenen Mihrab, alle haben ein gemeinsames Dach.
Ich komme mit einer iranischen Familie ins Gespräch, die auf dem schiitischen Teil des Teppichs sitzt.
"Haben Sie so was schon mal gesehen?", frage ich. "Einen sunnitischen und einen schiitischen Mihrab?"
"Nein", sagt der Familienvater, der es, anders als die Iraner in meinem Hotel, noch mit der Religion zu haben scheint: "Überall schlagen sich Sunniten und Schiiten die Köpfe ein, im Irak, in Syrien, in Saudi-Arabien und im Jemen. Und hier beten wir nebeneinander."
"Das ist doch gut, oder nicht?"
"Ja, schon. Aber vielleicht kennt man die Unterschiede hier einfach nicht so genau."
Mehr als 50 Völker leben im Kaukasus auf einem Gebiet kaum größer als die Bundesrepublik. Tiflis allein hat fast jede Form der Feindseligkeit erlebt, geschändete Kirchen, zerstörte Moscheen, Terror, Krieg, Völkermord und Deportation, alles Unheil zumal, das aus Heilslehren hervorgehen kann, den christlichen wie den muslimischen, den religiösen wie den säkularen. Aber zugleich hat Tiflis, hat der Kaukasus insgesamt wie kaum eine andere Region auch das Zusammenleben der Völker gelernt.
So wie neben vielen Kirchen eine Moschee steht, wird auch in der Moschee selbst kein Unterschied gemacht zwischen den Gläubigen oder zwischen Mann und Frau.
"Das ist ein bisschen übertrieben", frotzelt Anna.
Mag sein, denke ich und verzichte darauf, an die drei Kriege zu erinnern, durch die ich gestern in zwei Stunden fuhr. Wer über die Georgische Heerstraße nach Tiflis kommt, wird schnell nostalgisch, wenn er so etwas wie Frieden findet.

Dritter Tag
Im prächtigen, dabei sympathisch abgeblätterten Literaturmuseum, das auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion noch immer eine Selbstverständlichkeit für jede größere Stadt zu sein scheint, werden die Dichter Georgiens mit überlebensgroßen Büsten geehrt, ihre Totenmasken wie Ikonen verwahrt, dem Besucher ihre Manuskripte und Habseligkeiten wie Reliquien vorgeführt. Wie anders das Verhältnis zur Literatur in diesem Teil der Welt ist, der schon halb zu Asien gehört! Wo Marbach, um das Literaturmuseum Deutschlands zu nehmen, das vergleichbar imposant daherkommt, der historisch-kritischen Forschung dient, wird in Tiflis auch dem Kultus gefrönt. Ehrfürchtig holt die Archivarin die beiden Gewehre aus dem Schrank, mit denen Hadschi Murat bis zum letzten Atemzug auf die Überzahl russischer Soldaten geschossen hat. Auf eine Lanze gespießt soll sein Kopf zunächst auf dem Tifliser Freiheitsplatz aufgestellt worden sein. Wir sind doch ein zivilisiertes Land, empörte sich der Gouverneur Woronzow, den Tolstoi, sosehr er sonst mit dem kaukasischen Freiheitskämpfer sympathisiert, als vergleichsweise aufgeklärten Politiker porträtiert. Woronzow soll den Kopf in einem Spiritusbad nach Sankt Petersburg geschickt haben, wo er bis heute aufbewahrt wird. Immer wieder haben dagestanische Abgeordnete gefordert, den Schädel zurück in die Heimat zu bringen, aber die Sorge ist groß, dass er dann nicht mehr für Literaten, sondern für Islamisten ein Wallfahrtsziel wäre.
Im Garten des Schriftstellerhauses, das neben dem Museum die zweite grandiose Institution des literarischen Tiflis ist, betört mich wieder die Symbiose von vorrevolutionärem Glanz, sowjetischem Formalismus, orientalischer Melancholie und wenigen, ausgesuchten Tupfern westlichen oder global verstandenen Geschmacks, dazu der Hedonismus, der sich in der Speise- und Weinkarte manifestiert. Was eigentlich ist an dieser Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen so anziehend, die derzeit noch typisch für die Stadt ist? Ebendas, was der Kern des europäischen Projekts, wie es sich im 19. Jahrhundert gegen den Nationalismus herausgebildet hat, womöglich sogar jedweder Zivilisation, ist: dass ein Ort seine Geschichte nicht leugnet, das Vorangegangene, das Gewachsene weder abreißt noch übermalt, sondern nebeneinander bestehen lässt und damit auch die Gegenwart als vergänglich relativiert. Nur Ideologien machen mit der Vergangenheit Tabula rasa.
"Man kann Geschichte nicht überspringen", sagt der Schriftsteller Giwi Margwelaschwili, der in zwei totalitären Systemen gelebt, beiden widerstanden und beide überlebt hat. Als Sohn des bekannten Intellektuellen Titus von Margwelaschwili, der 1921 vor den Bolschewiki geflohen war, kam er 1927 in Berlin zur Welt, verlor mit sechs Jahren die Mutter und baute sich innerhalb der georgischen Parallelgesellschaft des Vaters mit Büchern eine eigene, wiederum deutsche Welt auf.
"Wurden Sie als Georgier im Nazideutschland diskriminiert?"
"Nein, das nicht", antwortet Margwelaschwili, "aber der Name fiel natürlich auf, auch das Aussehen, und als Kind schämt man sich nun einmal, wenn man anders als die anderen ist."
Später schloss er sich der Swing-Jugend an, das waren keine Partisanen, sie waren nicht einmal sonderlich politisch, aber im Nazi- und Kriegsdeutschland natürlich subversiv und wurden immer wieder verhaftet, wenngleich Margwelaschwili nicht von "Verfolgung" sprechen mag. "Verfolgung" habe damals etwas anderes, etwas viel Schlimmeres bedeutet. Viele Nazis hätten selbst gern "Negermusik" gehört und ein Auge zugedrückt. Nach Kriegsende lockte ein Schulfreund Titus von Margwelaschwili in den sowjetischen Sektor, wo der NKWD auf ihn wartete und bei der Gelegenheit auch den Sohn in Sippenhaft nahm. Während der Vater verschleppt und in Tiflis hingerichtet wurde, saß Giwi Margwelaschwili im Konzentrationslager Sachsenhausen ein, das die Sowjets von den Nazis übernommen hatten. Erst 1947 kam er frei, durfte allerdings nicht nach Berlin zurückkehren, sondern wurde nach Georgien abgeschoben, wo er zwar aussah wie alle anderen, aber die Sprache kaum beherrschte, nicht Georgisch und schon gar nicht Russisch. Er studierte Germanistik, wurde in die Akademie der Wissenschaft berufen und baute seine Welt aus deutschen Büchern neu auf.
"Wenn man ein Kapitel der Geschichte überspringt, fängt sie einen mit Gewalt wieder ein", sagt er mit Berliner Zungenschlag, als ich ihn abends in der kleinen, mit deutschen Büchern bis unter die Decke gefüllten Wohnung besuche, gebeugt zwar, gebrechlich, die weißen Haare schulterlang, aber hellwach sein Geist. Ich frage nach dem heutigen Georgien. Margwelaschwili findet die Entwicklung nicht so schlecht.
"Warum das?", frage ich verwundert, weil ich den Tag über so viele Klagen gehört habe.
"Jetzt redet jeder hier wie ein Wasserfall. Da wird unglaublich viel Banales gesagt, der reine Blödsinn, gut. Aber die Menschen reden, sie reden selbst. Das war früher nicht so. Wissen Sie, Stalin las ja gern Rustaweli, den großen georgischen Dichter, oder er behauptete es jedenfalls. Und er hat eine halbe Zeile von Rustaweli verinnerlicht: Aus Angst entsteht Liebe. Genau das ist geschehen. Die Menschen liebten Stalin, nicht weil er freundlich, sondern weil er schrecklich war, weil es jeden treffen konnte. Deshalb waren alle wie erstarrt, vor Liebe erstarrt, wenn Sie so wollen, oder vor Schreck, das konnte man gar nicht mehr unterscheiden. Aber jetzt plappern die Menschen ungeniert. Besser so."
Ich frage, ob er die beiden Ideologien, unter denen er gelebt hat, Stalinismus und Nationalsozialismus, für vergleichbar hält.
"Sie sind beide gleich widerwärtig", antwortet Margwelaschwili.
"Aber sind sie sich ähnlich?"
"Das Ähnliche ist ihr Militarismus. Beide heben das Gebot auf: Du sollst nicht töten. Die Legitimierung des Todes ist das Übel."
"Hätte Hitler ohne Krieg besiegt werden können?"
"Werden müssen."
"Aber wie?"
"Indem man ihn gelesen hätte. Er hatte doch in Landsberg genau aufgeschrieben, was er vorhatte, auch das mit den Juden. In ,Mein Kampf' stand schon alles drin. Wenn man ihn gelesen hätte, hätte man ihn vorher schon aufgehalten. Der Grundfehler war die Ignoranz, war das Wegsehen, war das Nicht-wahrhaben-Wollen. Als der Krieg kam, war es schon zu spät."

Vierter Tag
"Istanbul 1715 km" steht an der Autobahn, die Tiflis mit der westlichen Landeshälfte verbindet. Anfangs verläuft sie nah an der Grenze zu Südossetien, besser gesagt an der Linie, bis zu der russische Truppen 2008 vorgerückt sind. Aus dem Fenster sehen wir die Siedlungen der Binnenflüchtlinge, billige Fertighäuser, senkrecht und waagerecht nebeneinandergereiht auf dem freien Feld. Ihre Dörfer haben die Separatisten längst dem Boden gleichgemacht. Georgiens neue Regierung, die um ein gutes Verhältnis zu Russland bemüht ist, weckt lieber keine Hoffnung auf Rückkehr mehr.
Im Dorf Nikosi gehen wir an den Bauernhäusern vorbei zum Friedhof, hinter dem dieser Tage die Grenze verläuft. Dieser Tage? Ja, die Grenze bewege sich, sagen die Soldaten, die offiziell Polizisten sind, weil die Grenze offiziell keine Grenze ist; mal rückten die Russen über Nacht zwei Äcker vor, die fortan ebenfalls brachlägen, mal zögen sie sich ein paar Baumreihen zurück. Auch Grenzüberschreitungen seien an der Tagesordnung, ja geradezu eine reguläre Einnahmequelle der Separatisten: ein Bauer, der auf die andere Seite der Front verschleppt wird und nur gegen Lösegeld freikommt. Vor dem Friedhof stehen zwei Meter hohe Gefechtsstellungen aus Autoreifen, die mit Netzen bespannt und rasch zu verlegen sind. Schutzwesten tragen die Grenzschützer nicht, obwohl sie sich vor den schwarzen Wänden aufgestellt haben, die mehr nach Kunst als nach Krieg aussehen; mit Schießereien rechnen sie offenbar nicht.
Zwischen den Gräbern stehen Tische und Bänke, weil man in Georgien gern auch die Toten zum Gelage einlädt. Auf der anderen Seite der Wiese, vielleicht 800 Meter entfernt, wehen an einem baufälligen Gebäude zwei Fahnen, die ossetische und die russische wahrscheinlich, außerdem sind einige Menschen zu sehen. Ich borge mir ein Fernglas und erblicke einen Soldaten, der mit dem Fernglas nach mir blickt.

Im nächsten Heft: Von Georgien bis Aserbaidschan

Wer über den Kaukasus nach Georgien kommt, wird schnell nostalgisch, wenn er so etwas wie Frieden findet.

DER SPIEGEL 51/2017
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