23.12.2017

Der deutsche Mann ist nicht in Gefahr

Statt über #MeToo zu jammern, sollten alle mehr reden und weniger schießen.
Klar, das geht natürlich alles enorm schnell für uns Männer. Gerade erst haben wir mühsam und mithilfe eines frischen Gesetzes das "Nein heißt Nein" gelernt, schon ist die Welt wieder einen Schritt weiter. "Ja heißt Ja", heißt es jetzt aus Schweden. Ein Gesetzentwurf fordert dort vor dem Sex ein gegenseitiges Einverständnis beider Partner. Ansonsten macht man sich strafbar.
Ha, ha, ha! Da lacht das Internet, und die Männer fallen um vor Spott und Heiterkeit. Jedes Mal ein Sexvertrag! So viel Papier hab ich gar nicht! Baumverschwendung! Wann kommt der Videobeweis? Brauch ich für jede neue Stellung einen neuen Vertrag? Und. So. Weiter.
Das schwedische Gesetz ist also zunächst mal ein Weihnachtsgeschenk für Satiriker und Freunde plumper Witze. Eine perfekte Loriot-Szene zum Beispiel ginge so: dicker Mann mit dünnem Haar, nackt und verzweifelt auf der Suche nach einer frischen Patrone für seinen Füller. Frau trommelt wartend einen Fingerspitzenmarsch aufs Kissen. Ist der Vertrag bald fertig? Adieu, Leidenschaft! Der arme Mann!
Dabei ist das alles gar nicht so lustig. Deutschland erreichte die Nachricht von dem Schwedengesetz in einer Woche, in der Thomas Heilmann, CDU-Bundestagsabgeordneter, in einem WDR-Video (ausgerechnet zum Thema Sexismus!) zu einer Maskenbildnerin, die ihm den Kragen richtete, sagte: "Sie dürfen alles anfassen." Gefolgt von diesem Herrenlächeln, das man anzüglich nennen kann. Ein "Fass halt mal an"-Lächeln. Keine große Sache vielleicht. Alltag eben. Eine Sache, nach der man Heilmann vielleicht einfach kurz beiseitenehmen und ihm sagen sollte: Das ist nicht okay. Ihr Gegenüber möchte Ihr Angebot sehr wahrscheinlich nicht einmal ablehnen müssen. Und: Nein, das bedeutet nicht, dass man Frauen keine Komplimente mehr machen darf. Es heißt nur, dass man vorher ein bisschen nachdenken darf.
Die Tatsache, dass das Ja-heißt-Ja-Gesetz und Heilmanns dummer Spruch etwa zeitgleich publik wurden, führte gleich zu Kommentaren, in denen grundsätzlich um den deutschen Mann gebangt wurde. Der sei doch ohnehin schon so ein verklemmter, unsicherer Hase. Er wisse bald wirklich nicht mehr, was er dürfe und was nicht. Hört doch auf, Frauen dieser Welt, ihn immer kleiner und kleiner zu schrumpfen. Wenn jetzt noch dieses Sexvertragsgesetz zu uns komme, dann sei es endgültig aus mit dem deutschen Mann. Ein Nachruf. Schade.
Dabei ist alles ganz anders. Die letzten #MeToo-Monate waren ein notwendiger Aufschrei, ermöglichten Opfern ein befreiendes, plötzliches Reden über Dinge, die bislang im Verborgenen geschahen. Es war der Beginn einer notwendigen Aufklärung echter, justiziabler Verbrechen. Vielleicht auch der Beginn von Veränderung scheinbar ewig gültiger patriarchaler Machtstrukturen, die Missbrauch und Belästigung möglich gemacht haben. Und vielleicht auch – und da hängen Heilmanns Lächeln und das absurd erscheinende Schwedengesetz zusammen – ein neues, respektvolles, hierarchiefreies Miteinandersprechen.
Das Reden über all das hatte, zumindest in Deutschland, oft den Charakter eines aggressiven Selbstgesprächs mit der eigenen Gruppe. Bei kaum einem anderen Thema wird in Kommentaren so reflexartig scharf geschossen. Hass. Selbstgewissheit. Wut. Gereiztheit. Alle dunklen, unterdrückten Aggressionen verwandeln sich blitzartig in Wörter und Sätze, die man gegen den Gegner in Stellung bringt. Als Waffen. Die Menschen, so scheint es, schließen bei diesem Thema am liebsten Verträge mit sich selbst.
Und da tritt der Premierminister von Schweden, Stefan Löfven, auf und sagt: "Sex muss freiwillig sein. Ist er nicht freiwillig, ist er nicht legal." Klar. Eine Selbstverständlichkeit. Ein Journalist fragte ihn daraufhin, ob das Männer nicht längst wüssten. "Offenbar nicht", sagte Löfven. Es habe in diesem Herbst zu viele Geschichten von Frauen gegeben, die sexuell belästigt wurden. "Zu viele Geschichten." Stefan Löfven hatte den Eindruck, dass eine scheinbare Selbstverständlichkeit keine wirkliche Selbstverständlichkeit sein könnte.
Deshalb die neue Formel: "Ja heißt Ja".
In Deutschland ist die Debatte von Anfang an von einem riesengroßen Nein bestimmt gewesen: Nein, das darfst du nicht sagen. Nein, deine Meinung ist falsch. Oft wollte man sie nicht mal hören. All die lange verborgenen #MeToo-Fälle folgten eingeübten, gesellschaftlichen Schweigeritualen, die endlich aufbrechen müssen. Durch offenes Reden statt Schießen aus dem Hinterhalt. Ja heißt Ja. Es könnte ein Neubeginn sein.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 52/2017
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