23.12.2017

ReligionenFremde Brüder

Die Geschichte von Islam und Christentum ist von Streit und Kampf geprägt. Doch die Religionen sind sich sehr nah. Muslime verehren nicht nur Abraham, sondern auch Jesus und Maria. Wie passt das zusammen? Von Dietmar Pieper
Der Imam hält sich ein Stück abseits, seine Haltung, sein Lächeln wirken unsicher. Gerade betritt ein Gast seine Moschee, den er noch nie hier begrüßt hat, obwohl er sein Nachbar ist: Andrew Thompson, Leiter der Anglikanischen Gemeinde in Abu Dhabi.
Begleitet wird Thompson von dem muslimischen Gelehrten Thani Almuhairi. Er arbeitet für die Tabah-Stiftung, die sich für den Dialog der Religionen einsetzt. Als Erstes legt Almuhairi seinen traditionellen Gehstock beiseite und kniet auf dem grünen Teppich nieder, um zu beten.
Der Anlass für die Begegnung liegt eine Weile zurück: Im Juni hat die Moschee einen neuen Namen bekommen. Bis dahin hieß sie Scheich-Mohammad-Bin-Zayed-Al-Nahyan-Moschee, nach dem Kronprinzen von Abu Dhabi. Jetzt heißt sie "Marjam Umm Issa", "Maria, die Mutter von Jesus". Der Kronprinz wollte es so, als Zeichen der religiösen Annäherung.
Hier soll zum ersten Mal ein Gespräch mit einem christlichen Geistlichen über Glaubensfragen stattfinden. In der großen Gebetshalle ist es am Donnerstag vergangener Woche menschenleer, vom Lärm der Millionenstadt ist nichts zu hören. Mit einem Wink sorgt der Imam dafür, dass jemand die Teppichreinigungsmaschine ausschaltet. Klappstühle werden herangeschafft, man verständigt sich über die Gesprächsthemen.
Die Frau, nach der die Moschee benannt ist, soll im Mittelpunkt stehen. Und natürlich ihr Sohn.
Marjam im Islam, das ist dieselbe Person wie Maria im Christentum. Und auch Issa, der koranische Jesus, ist der biblische Jesus. Das ist gerade in der Weihnachtszeit ein schöner Gedanke, der zu den derzeit besonders oft geäußerten Friedenshoffnungen passt: Wenn die beiden größten Religionen der Welt mit ihren Milliarden Gläubigen einen gemeinsamen Kern haben, dann könnte der Streit doch aufhören. Vielleicht ist die lange Geschichte der Konflikte, die schon kurz nach dem Tod des Propheten Mohammed begonnen hat, nur das Vorspiel zu einer möglichen Versöhnung.
Eine Hoffnung, sicher. Doch es gibt auch Fragen. Sind Marjam und Maria, Issa und Jesus bloß auf den ersten Blick gleich, aber in Wahrheit ganz verschieden?
Auch darüber soll an diesem Tag in der Marjam-Moschee geredet werden. Wie nah sind sich Bibel und Koran, Christentum und Islam? Verhalten sich die Religionen zueinander wie fremde Brüder? Ein großes Thema, ein Menschheitsthema, über das die meisten Christen weniger wissen als die Mehrzahl der Muslime. Christen kennen den Koran selten. Aber den Muslimen ist ziemlich klar, dass viele koranische Verse etwas mit der Bibel zu tun haben. Sie kennen Orte wie das libanesische Harissa. Dort, in den Bergen hoch über Beirut, betreiben christliche Mönche ein Marienheiligtum, zu dem auch Muslime pilgern, um zu beten.
Juden, Christen und Muslime führen ihre Religionen auf denselben Mann zurück, Abraham, arabisch Ibrahim. Er ist Monotheist und unterwirft sich dem Willen des einen Gottes, sogar seinen Sohn würde er opfern (Isaak, in der islamischen Überlieferung Ismail). Die Geschichten über ihn gehören für die Juden zur Tora, für die Christen zum Alten Testament – und für die Muslime zum Koran. Sie beten fünfmal am Tag zu Gott: "Segne Mohammed und seine Nachfolger, wie du Ibrahim und seine Nachfolger gesegnet hast."
Jesus und Mohammed, sie beide gelten den Gläubigen als Nachfahren Abrahams. Christen und Juden sind für Muslime "Leute des Buches", die sie respektieren. Wenn sie keine Fanatiker sind.
Das Gespräch in Abu Dhabi soll das Gemeinsame betonen in einer Zeit, in der Fanatiker durch Hass und Gewalt die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, in einer Welt, in der Trennendes im Vordergrund steht. Im Westen verbinden viele den Islam mit Anschlägen, die in seinem Namen begangen werden. Terroristen schnallen sich Bomben um und machen aus Autos Waffen, sie wollen einen Religionskrieg entfachen.
Es vergeht kaum eine Woche, in der kein islamistisches Attentat geschieht oder knapp verhindert wird, auf U-Bahnen in westlichen Großstädten, auf koptische Kirchen in Ägypten. Die Muslime sehen sich in einer Art Mithaftung, ihre Religion ist bei vielen in Verruf geraten. Dabei wird der Terror nur von einer kleinen Minderheit unterstützt. Die meisten Anschläge richten sich auch nicht gegen Christen oder Juden, sondern gegen andere Muslime.
Unter der Kuppel der Marjam-Moschee in Abu Dhabi sagt Mohammed Jahja al-Jadali, der Imam: "Wer als Muslim Jesus und Maria nicht verehrt, dessen Glaube ist null und nichtig. Man muss an sie glauben und sie lieben, wie man den Propheten Mohammed liebt, Gott segne ihn und schenke ihm Heil."
Thani Almuhairi, der Religionsgelehrte, sagt: "Jesus, Friede sei mit ihm, war Muslim. Alle wahren Propheten waren Muslime. Das bedeutet, sich Gott zu unterwerfen."
Andrew Thompson, der Anglikaner, nickt. Er stimmt zu, aber nicht ganz: "Muslim ist jemand, der versucht, Frieden mit Gott zu finden, indem er Gott gehorsam ist. In diesem Sinne könnte man sagen, Jesus war Muslim, genau wie die älteren Propheten. Aber er war kein Muslim im Sinne der Weltreligion Islam, indem er etwa ihren speziellen Ritualen gefolgt wäre."
Das Wort Muslim bekommt in dieser Runde etwas Schwebendes, es dehnt sich aus, wird größer als die bloße Zuordnung zu einer konkreten Religion. Thompson erzählt: "Manchmal werde ich gefragt, ob ich Muslim bin, und dann sage ich: ja, halb und halb. Ich unterwerfe mich dem Willen Gottes. Ich folge dem Beispiel des Propheten Jesus. Muslime folgen dem Beispiel des Propheten Mohammed."
Was ist es, das die Muslime vom Propheten Jesus lernen? "Ein Diener Gottes zu sein", antwortet Almuhairi. Jadali ergänzt: "Für die Muslime bedeutet die Beschäftigung mit Jesus und Maria, dass sie den Ruf des Glaubens hören."
Die Geschichte von Maria wird im Koran ausführlicher berichtet als in der Bibel. Die 19. Sure ist nach ihr benannt, dort wird erzählt, wie vor der jungen Frau ein Engel erscheint und ihr verkündet, dass sie einen Sohn bekommen wird. "Wie soll ich einen Knaben bekommen, da mich noch kein Mann berührt hat?", fragt Maria. Und der Engel in Menschengestalt sagt: "So spricht dein Herr: 'Das ist für mich ein Leichtes.'"
Das Lukasevangelium erzählt die Geschichte ganz ähnlich.
Aber anschließend weicht der Koran von der Bibel ab. Josef, den Mann an Marias Seite, gibt es dort nicht. Die Geburt findet in einsamer Ödnis unter einer Palme statt, nicht im Stall zu Betlehem. Als die Wehen einsetzen, ist Maria am Ende ihrer Kräfte und ruft: "Wär ich doch vorher schon gestorben und ganz und gar vergessen!"
Dann geschieht ein Wunder. Gott lässt Wasser fließen und Datteln von der Palme herabfallen. Alles wird gut.
Der Imam sagt über die 19. Sure: "Sie ist auch deshalb so wichtig für uns, weil sie sehr schön ist, sie geht uns ans Herz. Muslime, die den Koran auswendig lernen, beginnen oft mit der Sure über Maria."
Ist Maria besonders wichtig für die muslimischen Frauen?
Das scheint keine einfache Frage zu sein. Jadali und Almuhairi beraten sich eine Weile in halb geflüstertem Arabisch, dann antwortet der Religionsgelehrte: "In unserem Glauben an Maria gibt es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Maria ist die erste Frau, die den Zustand der Perfektion erlangt hat, das Höchste, was ein Mensch erreichen kann." Deshalb sei sie ein Vorbild. In fast jeder Familie gebe es eine Marjam. So heiße auch die zweijährige Tochter des Imams.
Jadali lächelt und fügt hinzu: "Wenn sich Frauen dem Korankapitel über Maria zuwenden, dann steht für sie häufig der Bericht über ihre Leiden und Nöte im Mittelpunkt. Den Frauen laufen Tränen über die Wangen, wenn sie sich das vor Augen führen.
An einer Auseinandersetzung, die das Fremde zwischen den Bruderreligionen Christentum und Islam herausarbeitet, ist an diesem Tag keiner der drei Gesprächspartner interessiert. Es geht um Gemeinsamkeiten. Almuhairi sagt: "Wir haben vor Kurzem den Geburtstag des Propheten gefeiert. Wenn wir dieses Fest begehen und uns mit dem Leben Mohammeds beschäftigen, dann lesen wir vorher üblicherweise die Geschichte, wie Jesus geboren wurde, so wie sie im Koran steht."
Die großen Unterschiede werden trotzdem deutlich. Für Muslime ist Jesus nicht der Sohn Gottes, sondern ein besonderer Mensch, der Wunder wirkt, weil Gott es will. Er kann als Säugling sprechen und seine Mutter Maria von dem Vorwurf entlasten, sie habe heimlich mit einem Mann geschlafen. Als Junge formt er kleine Vögel aus Ton und haucht ihnen Leben ein, sodass sie davonfliegen.
Und dann die Sache mit der Kreuzigung, eine Schlüsselerzählung des Christentums. Sie habe so nicht stattgefunden, sagt Jadali, der Imam: "Der heilige Koran lehrt, dass Jesus in Jerusalem nicht getötet und nicht gekreuzigt wurde. Er wurde in den Himmel erhoben. Der allmächtige Gott hat einem der Jünger Jesu gesagt, dass er ihm das genau gleiche Aussehen wie Jesus geben will, sodass er sich opfern kann an der Stelle von Jesus." Und so sei es geschehen.
Die Kreuzigung war demnach so etwas wie ein Fake, auf den die Römer und die Juden hereingefallen sind. Und nach ihnen die Christen.
Andrew Thompson schaut hoch ins geheimnisvolle Licht der Kuppel. Was ihm durch den Kopf geht, behält er für sich.
Weit entfernt von Abu Dhabi, an der Universität in Hamburg, forscht und lehrt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Schon mehrfach hat sie Dialogrunden beobachtet, in denen Christen und Muslime über das Gemeinsame reden. Sie findet solche Runden wichtig, auch wenn sie manchmal einen unerwarteten Verlauf nehmen. Amirpur sagt: "Erst freuen sich alle, dass Maria und Jesus in Koran und Bibel ganz ähnlich erscheinen. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht."
Dieser Punkt, sagt Amirpur, berühre das Innerste des Glaubens: "Dass Jesus für die Christen gleichzeitig Mensch und Gott ist, können Muslime nicht verstehen, es widerspricht ihrer Auffassung fundamental." Die empfundene Nähe schlage dann manchmal in ihr Gegenteil um. Die Islamwissenschaftlerin hat es so erlebt: "Dann sitzt man zusammen und spürt, wie groß plötzlich die Distanz ist, die kurz zuvor kaum noch vorhanden schien."
Es sind nicht nur die theologischen Fragen, die eine freundliche Begegnung auf schwieriges Terrain führen können. In jede ernsthafte Auseinandersetzung zwischen Islam und Christentum drängt sich die gemeinsame Geschichte. Mehr als 1300 Jahre haben sich die beiden Religionen aneinander abgearbeitet, sie haben einander beäugt und bekämpft, sich aber auch respektiert und bereichert. Zu sehen ist ein eher dunkles Bild mit einigen hellen Szenen.

Mohammeds Angriff auf die Weltordnung
Für Muslime gibt es keinen verehrungswürdigeren Menschen als Mohammed. In der christlichen Tradition gab es mehr als tausend Jahre lang kaum einen hassenswerteren.
Die Christen hatten mit dem Propheten aus Mekka von Anfang an ein großes Problem: Sie sahen sich im Besitz der Wahrheit, die ihnen durch keinen Geringeren als Gottes eigenen Sohn offenbart worden war. Eine neue, höhere Wahrheit konnte es danach nicht mehr geben.
Doch dann kommt da dieser Araber und behauptet das Unmögliche, er verkündet, dass Gott noch einmal ganz grundsätzlich und ausführlich gesprochen hat, und zwar durch ihn selbst. Er sagt, dass die Christen, bei allem Respekt, Jesus nicht richtig verstanden hätten. So jemand kann aus damaliger christlicher Sicht nur ein Betrüger sein, ein falscher Prophet. Mohammed gelingt es sogar, seine Anhänger auf Furcht einflößende Weise zu mobilisieren, er vereinigt die zerstrittenen Stämme der Arabischen Halbinsel und wird zum mächtigen Kriegsherrn. Seine Nachfolger kämpfen noch siegreicher.
Die Wortführer der Christenheit fahren sogleich ihre größten rhetorischen Geschütze auf. Denn sie haben etwas zu verteidigen. Am Ende der Antike hat sich der Glaube an die Menschwerdung des einen Gottes, an seinen Tod und seine Auferstehung in einem riesigen Gebiet ausgebreitet. Geweihte Kruzifixe trotzen dem irischen Regen genauso wie dem trockenen Wind von Sanaa im heutigen Jemen.
Die Christen sind von einer verfolgten Sekte zur römischen Staatsreligion aufgestiegen. Das oströmische Reich ist die stärkste Macht am Mittelmeer; die Priester von Konstantinopel tragen schwere Gewänder, in ihren Kirchen glänzt das Gold. Und nun kommt aus der Wüste, aus der bisher vor allem Handelskarawanen und Räuberbanden den Weg nach Norden fanden, ein Angriff auf die etablierte Weltordnung. Die vordringenden Araber werden häufig pauschal als Sarazenen bezeichnet, nach einem der Nomadenstämme.
Mohammed ist erst seit zwei Jahren tot, da beklagt sich Sophronius, der chalkedonische Patriarch von Jerusalem, 634 in seiner Weihnachtspredigt, er habe wegen der vorrückenden Sarazenen diesmal nicht nach Betlehem reisen können. Er wünscht "den Untergang dieser blutdürstigen Gegner" herbei und verunglimpft die Gefolgsleute Mohammeds in späteren Predigten als Anhänger des Teufels.
Aber es gab auch andere Stimmen. Sie sind selten und gingen beinahe unter im Geschrei christlicher Selbstbehauptung.
Dass eine intellektuelle Auseinandersetzung möglich war, zeigt eine Begegnung zwischen Timotheos I., dem Patriarchen der christlichen Nestorianer, und dem Kalifen Mahdi, der von 775 bis 785 in Bagdad herrscht. Zwischen den beiden Religionsführern kommt es zu einem offenen Meinungsstreit. Sicherlich hilft es dabei, dass ihr Denken durch die vernunftbetonte Philosophie des Aristoteles beeinflusst ist.
Der Kalif will erkannt haben, dass schon in der jüdisch-christlichen Bibel das Kommen des Propheten Mohammed vorausgesagt worden sei. Damit wäre bewiesen, dass der Islam die abschließende und damit überlegene Version des monotheistischen Glaubens darstellt. Der Patriarch hält allerdings so lange dagegen, bis sein Gegenüber diese Argumentation aufgibt.
Doch der Muslim setzt dem Christen jetzt auf andere Weise zu. Er führt eine Stelle aus dem Johannesevangelium an, in dem Jesus vor seinem leeren Grab erscheint und zu Maria Magdalena sagt: "Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott." Wie viele Muslime nach ihm leitet Mahdi aus dieser Aussage ab, dass auch der Jesus der Bibel ein Diener Gottes, aber nicht mehr sei. Timotheos wehrt ab mit dem Hinweis auf die Doppelnatur Jesu als Mensch und Gott, was den Nachfolger Mohammeds natürlich nicht überzeugt. Aber darum geht es nicht. Mehr als ein respektvolles Miteinander können die Christen im Reich des Kalifen kaum verlangen.
Das hielt ihre Glaubensbrüder im lateinisch geprägten Westen Europas nicht davon ab, Mohammed in den Schmutz zu zerren. Besonders übel wurde es, wenn sich Religion, Politik und Heldenverehrung miteinander mischten wie im Rolandslied.
Das nach 1075 in Frankreich entstandene und bald ins Deutsche übersetzte Versepos ist eine der berühmtesten mittelalterlichen Dichtungen, es rankt sich um legendäre Begebenheiten aus dem achten Jahrhundert. Damals führte der fränkische König und spätere Kaiser Karl der Große einen Feldzug gegen die Sarazenen in Nordspanien, um sein Grenzgebiet zu sichern.
Vom Islam zeichnet das Rolandslied ein groteskes Zerrbild, die Gläubigen verehren dort Mohammed als Gott, außerdem beten sie zu Idolen und einer Obergottheit namens Tervagant. Das Heldenepos greift auch eine despektierliche Mär des christlichen Mittelalters über den Tod des Propheten auf, wonach Mohammed betrunken auf einem Misthaufen eingeschlafen und von Schweinen gefressen worden sei.
Die Papstkirche heizte den Konflikt theologisch an. Auf dem Konzil von Florenz 1442 gab sie die Muslime dem "ewigen Feuer" anheim. Der erbitterte Papstkritiker Martin Luther stimmte in diesem Punkt gern mit Rom überein. In Mohammed sah Luther "einen Teufel und das erstgeborene Kind des Satans".
Die katholische Kirche brauchte nach ihrem Dekret von Florenz fast 500 Jahre, bis sie wieder zur Vernunft kam. Das Zweite Vatikanische Konzil rang sich 1965 zu der Erklärung durch, dass auch Muslime das "ewige Heil" erlangen könnten. Um den Propheten Mohammed machte die Erklärung allerdings einen Bogen, als wäre sein Name unaussprechlich.
Weitere Jahrzehnte vergingen, bis zum ersten Mal ein katholisches Kirchenoberhaupt den Fuß in eine Moschee setzte. Im Mai 2001 besuchte Papst Johannes Paul II. die Omajjaden-Moschee in Damaskus, eine der glanzvollsten Stätten des Islam.
Einst hatten Christen dort eine Basilika errichtet, die sie Johannes dem Täufer weihten, und als 636 die Araber Damaskus eroberten, beteten die Gläubigen beider Religionen jahrzehntelang nebeneinander: Während sich die Muslime im Ostteil des Gebäudes Richtung Mekka verneigten, versammelten sich die Christen im Westteil. Als der Omajjaden-Kalif im achten Jahrhundert einen neuen Prachtbau in Auftrag gab, verdrängte er zwar die Christen, entschädigte sie aber mit neuen Kirchen.
Wie viele religiöse Monumente kann auch die Omajjaden-Moschee mit einer auratischen Geschichte aufwarten. Bei den Grabungsarbeiten vor 1300 Jahren sollen die Gebeine des Täufers entdeckt worden sein. Die Reliquien des von Christen und Muslimen verehrten Jesus-Vorläufers liegen bis heute im Gebetsraum der Moschee.

Der Islam in Europa
Schönheit kann ein starkes Argument sein, besonders, wenn sie unvergänglich scheint. Ein architektonisches Meisterwerk wie die Alhambra im spanischen Granada erzählt auf eigene Weise von der Größe der islamischen Kultur. Oder, ebenfalls in Andalusien, die Moschee-Kathedrale von Córdoba: Sie trägt ihre Geschichte schon im Namen.
Nach einem halben Jahrtausend islamischer Herrschaft in Córdoba war es 1236 der König von Kastilien und Léon, der die Stadt am Guadalquivir für die Christenheit eroberte. Als vorbildlicher Katholik wurde Ferdinand III. später heiliggesprochen.
Aber in Córdoba siegte sein Schönheitssinn über seinen Glaubenseifer. König Ferdinand stellte die prächtige Moschee der Stadt unter seinen persönlichen Schutz. Ihm ist es zu verdanken, dass Besucher noch heute durch die Säulengänge mit ihren rot-weißen Doppelbögen spazieren und dabei das raffinierte Spiel von Licht und Schatten erleben können. Das maurische Gebäude blieb praktisch unangetastet, wurde allerdings zur Kirche umgewidmet.
Fast 300 Jahre später schlug dann doch ein Kirchenmann zu. Gegen den Protest des Stadtrats setzte sich der Bischof 1523 mit dem Ansinnen durch, mitten in die einstige Moschee einen Kathedralbau zu pflanzen. Karl V., damals König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, soll nach einem Besuch gesagt haben: "Ihr habt etwas zerstört, was einmalig in der Welt war, um etwas an seiner Stelle zu errichten, was man überall sehen kann."
Was nicht ganz stimmt: Denn einmalig ist auch das islamisch-christliche Hybridgebäude. Immerhin sind in der Moschee-Kathedrale von den ursprünglich 1013 Säulen 856 stehen geblieben.
Orte wie Córdoba und Granada führen Millionen Besuchern Jahr für Jahr eine schlichte Wahrheit vor Augen: Der Islam gehört seit langer Zeit zu Europa.
Im Jahr 711, gut ein Menschenalter nach Mohammeds Tod, stießen die Truppen des Kalifen Walid I. über die Meerenge von Gibraltar auf die Iberische Halbinsel vor. Sie schlugen die Westgoten und errichteten ein islamisches Reich.
Die Geschwindigkeit, mit der sich die neue Religion im Nahen Osten und an der Südküste des Mittelmeers durchsetzte, ist heute noch erstaunlich. "Wenige Ereignisse der Weltgeschichte sind von einer solchen Dramatik wie die frühe Ausbreitung des Islam", sagt jemand, der einen Sinn für strategische Entwicklungen hat: der frühere US-Außenminister Henry Kissinger.
Nach seiner Analyse war der Islam "gleichzeitig eine Religion, ein multiethnischer Superstaat und eine neue Weltordnung", getragen von der "Überzeugung, dass seine Ausbreitung die Welt vereinigen und der Menschheit Frieden bringen würde". Kissinger spricht, analog zur Pax Romana, dem Frieden im römischen Kaiserreich, vom Idealbild einer "Pax Islamica".
Weil unter der Herrschaft der iberischen Emire und Kalifen weiterhin auch Christen und Juden lebten, haben spätere Zeiten al-Andalus gern als Reich des religiösen Ausgleichs gesehen; "convivencia" heißt der spanische Begriff für das friedvolle Miteinander. Allerdings waren die Zeiten wechselhaft, und im Hauptstrom der Toleranz bildeten sich immer wieder Strudel des Fanatismus.
Manchmal traf es bloß Bücher. Kalif Hakam II. hat Ende des ersten Jahrtausends eine fabelhafte Bibliothek zusammengekauft, Werke in arabischer, persischer, griechischer und lateinischer Sprache. Damit steht er für einen wichtigen Strang der arabisch-persisch-europäischen Liaison: den Wissenstransfer. Gelehrte wie Ibn Sina (latinisiert Avicenna), Ibn Ruschd (Averroes) und viele andere trugen entscheidend dazu bei, dass die Werke antiker Naturforscher, Ärzte und Philosophen in die westliche Überlieferung Eingang fanden.
Hakams Nachfolger Mansur glaubte, sich als religiöser Eiferer beim Volk beliebt machen zu müssen. Hunderte, wenn nicht Tausende der kostbaren Bücher ließ Kalif Mansur verbrennen oder in Brunnen werfen. Angeblich beleidigten sie den Islam.
Der Fanatismus richtete sich nicht nur gegen Bücher: 1011 in Córdoba und 1066 in Granada kam es zu den ersten Pogromen der europäischen Geschichte, mehr als 3000 Juden wurden ermordet. Für das Zusammenleben galten damals eigentlich klare Regeln. Christen und Juden erhielten den Status als "Dhimmis", Schutzbefohlene. Das bedeutete im Kern, dass sie gegen Zahlung einer besonderen Steuer ihre Religion frei ausüben durften.
Bereits der zweite Kalif Umar ließ die Christen im eroberten Syrien einen Vertrag mit 14 Punkten unterschreiben. Darin mussten sich die Andersgläubigen zum Beispiel verpflichten, keine neuen Kirchen und Klöster zu errichten, ihre Häuser nicht höher als die Häuser der Muslime zu bauen, die Glocken in den Kirchen nur "sehr leise" zu läuten und ihre "Kreuze und Schriften nicht auf den Straßen und Märkten der Muslime zu zeigen".
Das Regime der Katholiken war dann erheblich härter, es war gnadenlos. 1492 marschierte die "Reconquista" (Rückeroberung) in Granada ein, der letzten muslimischen Bastion in Westeuropa. Unter spanischer Herrschaft galt die Doktrin von der "Reinheit des Blutes", die eine christliche Abstammung bis zurück zu den Westgoten von allen verlangte, die in Militär oder Verwaltung auf höhere Posten gelangen wollten. Juden, die nicht konvertierten, mussten das Land verlassen.
Mit der Religionsfreiheit war es vorbei. 1501 wurden Tausende Korane und Handschriften verbrannt. 1526 rief in ganz Spanien kein Muezzin mehr zum Gebet.

"Deus lo vult!"
Die Christen haben sich Jesus immer als friedlichen Menschen vorgestellt, vorstellen müssen. Ihre Heilige Schrift lässt ihnen keine Wahl. Nur einmal wird der Gottessohn handgreiflich, als er im Tempel die Tische der Geldwechsler umwirft. Aber sonst: Friede, Friede. Halte die andere Wange hin. Liebe deine Feinde.
Wie kann ein Christ Krieg führen?
Darüber musste Papst Urban II. nachdenken, als er seine Bischöfe im Spätherbst des Jahres 1095 in die französische Stadt Clermont bestellte, um ein "consilium generale" abzuhalten. Am 27. November, dem letzten Tag des Konzils, kündigte er eine wichtige Rede in öffentlicher Sitzung an. So viele strömten herbei, dass man sich vor den Toren der Stadt versammelte.
Urban sprach über die Lage der Christen im Orient. Eindringlich schilderte er die angeblich grausame Verfolgung der Brüder und Schwestern durch die Muslime. Entschlossene Hilfe sei geboten.
Also Krieg.
Nur: Mit welcher Begründung? Ein bloßer Angriff wäre theologisch verwerflich und für einen Papst unmöglich. Also propagierte Urban den "gerechten Krieg", den Krieg im Auftrag Gottes. Was könnte dem näherkommen als ein Feldzug zur Rückeroberung des Heiligen Landes?
"Deus lo vult!", schrie der Überlieferung zufolge die Masse vor den Toren von Clermont, "Gott will es!"
In der islamischen Welt haben sich die Gräuel und die ungeheure Anmaßung der "bewaffneten Wallfahrten" – je nach Zählweise sieben oder mehr – tief in die Erinnerung gegraben. Wenn überwiegend westliche Truppen gegen Muslime vorgehen, sei es im Irakkrieg, in Afghanistan oder in Libyen, dann ist früher oder später von einem neuen "Kreuzzug" die Rede. Wohl kein anderes historisches Ereignis steht so symbolbeladen für das Trennende der beiden verwandten Religionen wie der Kampf um das Heilige Land. Die Zeitgenossen hätten sich darüber gewundert.
Für die Muslime des Mittelalters waren die Kreuzzüge nur eine Episode. Ihr Reich erstreckte sich zu der Zeit, als die "farang" (Franken) in Palästina zu wüten begannen, von Zentralasien und Nordindien bis an den Atlantik. Kairo, Bagdad und Córdoba waren ihre wichtigsten Metropolen.
Schwer erschüttert wurde das Reich der Kalifen nicht durch die christlichen Eroberer, sondern durch die Mongolen. Unter ihrem Ansturm ging 1258 die Abbasiden-Hauptstadt Bagdad unter; es war das Ende einer großen Dynastie.
Die Verwüstung Bagdads hatte ungeheure Ausmaße, Häuser, Moscheen, Paläste, alles wurde zerstört, auch die berühmten Bibliotheken. Durch die Tinte der in den Tigris geworfenen Manuskripte soll sich der Fluss blau gefärbt haben. Jerusalem war da bereits wieder fest in muslimischer Hand und sollte es bis 1917 bleiben, bis die Briten die Stadt den Osmanen abnahmen.

Die Missionsreise des Christoph Kolumbus
Die Rivalität zwischen Islam und Christentum spitzte sich an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit zu, als die europäischen Seefahrer und Entdecker in die Welt hinaus aufbrachen. Männer wie Christoph Kolumbus wollten nicht nur Gold und Ruhm, sie waren auch fromme Christen. Sie sollten den wahren Glauben verbreiten.
Vor den Eroberern mit dem Kruzifix war keine Weltgegend sicher, und als Klischeebild sind sie bis heute unterwegs. David Thomas, Professor für Christentum und Islam an der Universität Birmingham, beschreibt das muslimische Vorurteil als "die Neigung, alle Christen als missionarische Kolonialisten zu betrachten". So wie umgekehrt oft "alle Muslime als militante Kämpfer" betrachtet werden.
Kolumbus eröffnete sein Bordbuch 1492 mit einem Bericht über die Eroberung Granadas zu Beginn des Jahres. "Mit eigenen Augen" habe er gesehen, "wie die königlichen Standarten Eurer Hoheiten auf den Türmen der Alhambra hochgezogen wurden und wie der maurische König seinen Palast verließ, um die Hände Eurer Hoheiten zu küssen".
Seinen Auftrag beschrieb Kolumbus als Missionswerk. Die spanischen Herrscher – "als Feinde der Sekte Mahomeds und jedes anderen Götzendienstes" – hätten ihn losgeschickt, um in Indien kaum bekannte "Fürsten, Völker und Orte aufzusuchen und die Möglichkeiten zu erwägen, wie man sie zu unserm heiligen Glauben bekehren könne".
Das Zeitalter der europäischen Expansion begann mit enormer Hybris. Schon 1493 teilte Papst Alexander VI. in einer Bulle die größer gewordene Welt auf. Entlang einer Nord-Süd-Linie durch den Atlantik sprach er alle westlich davon gelegenen Gebiete den Spaniern zu, die östlich gelegenen den Portugiesen – gegeben zu Rom "aus der Fülle Unserer apostolischen Machtbefugnis". Das war der Geist, in dem die Europäer es für richtig hielten, über den Globus zu herrschen.
Aber was hatte sie überhaupt aufs Meer hinausgetrieben?
Die Antwort liegt in der Türkei. Im Lauf des Mittelalters wurden die Osmanen zur muslimischen Vormacht, das Kalifat ging auf sie über. Mehr und mehr kontrollierten sie die alten Handelsrouten von Asien nach Europa, die sogenannten Seidenstraßen.
Dann gelang den Osmanen ihr bis dahin größter Triumph: 1453 eroberten sie Konstantinopel und machten die alte Metropole der orthodoxen Christen zu ihrer Hauptstadt. Aus der Hagia Sophia wurde eine Moschee. Das oströmische Reich, Byzanz, es war einmal.
Wie eine Wand hatte sich das Osmanische Reich jetzt zwischen Zentraleuropa und den Fernen Osten geschoben. Portugiesen, Spanier und andere christliche Seefahrernationen sahen sich endgültig dazu gezwungen, nach neuen Handelswegen zu suchen. Überall errichteten die Europäer ihre Kirchen. Christentum und Kolonialismus gingen Hand in Hand.

Napoleon kleidet sich in eine Dschalabija
Bei Mondlicht um drei Uhr nachts betrat der französische Feldherr am 1. Juli 1798 in der Nähe von Alexandria ägyptischen Boden. Es dauerte nicht lange, bis Napoleon in Kairo wie ein Sultan Hof halten konnte. Er bewunderte Mohammed, der "ein Eroberer, ein Herrscher" gewesen sei und "die Gestalt der Welt" verändert habe. Jesus dagegen: "ein Prediger", mehr nicht.
Napoleon sollte mit seinem Expeditionsheer die Dominanz der Briten im Mittelmeer beenden, Ägypten zur französischen Provinz machen und neue Handelswege erschließen. Er war noch keine dreißig Jahre alt, ein exzellenter Krieger.
Um die Herzen der Ägypter zu gewinnen, wollte Napoleon keinesfalls als später Kreuzfahrer gesehen werden. Er kleidete sich in die Dschalabija, das traditionelle arabische Gewand, feierte ein pompöses Fest am Geburtstag des Propheten und behauptete abenteuerliche Dinge: "Die Franzosen sind echte Muslime", ließ er verkünden. Und: "Ich verehre den Koran."
Es war der Betrug und Selbstbetrug eines großen Egomanen.
Natürlich wurde er von vielen durchschaut. Als er die muslimischen Autoritäten der Kairoer Azhar-Universität ersuchte, die ägyptischen Imame sollten bitte die Freitagspredigt in seinem Namen halten, fand Scheich Abdullah al-Scharkawi eine geschickte Antwort: "Sie wollen sich unter den Schutz des Propheten stellen. Er liebt Sie. Sie wollen, dass die arabischen Muslime unter Ihren Bannern marschieren. Werden Sie Muslim!" Napoleons Erwiderung, wie er sie in seinen Notizen festhielt, wirkt ehrlich: "Es gibt zwei große Schwierigkeiten, die meine Armee und mich davon abhalten, Muslime zu werden. Die erste ist die Beschneidung, die zweite der Wein."
Weil die Briten und die Osmanen den Franzosen immer mehr zusetzten, merkte Napoleon, dass er trotz seines schnellen Sieges auf verlorenem Posten stand. Heimlich setzte er sich im August 1799 nach Frankreich ab, wo er sein orientalisches Abenteuer in einen glänzenden Erfolg umdeutete und die Macht an sich riss. Das Kommando am Nil übertrug er seinem verblüfften General Jean-Baptiste Kléber.
Bei seiner Propaganda half es Napoleon sehr, dass er rund 150 Wissenschaftler, Kartografen und Künstler mit nach Ägypten genommen hatte. Sie feierten Frankreich, weil es als vorbildliche Kulturnation die Schätze einer fernen Epoche gerettet habe, und füllten den Louvre mit den Werken der Pharaonenzeit. Auf ihren Gemälden zeigten sie Napoleon als charismatischen Anführer vor exotischer Kulisse.
Das französisch-britische Machtspiel in einem Kernland des Islam übermittelte den Muslimen eine brutale Botschaft: Sie sind nicht mehr wichtig, und technologisch haben sie den Anschluss verloren. Das christliche Europa hat sie überrollt. Diese Schmach sitzt so tief, dass noch 2015 ein Mitglied der islamistischen Terrorzelle von Paris auf Napoleon zeigt, um seinen Hass auf den Westen zu erklären.
Für den Mann, der sich 1804 zum Kaiser der Franzosen krönte, blieb Ägypten ein Land grandioser Fantasien. Einmal notierte er: "Ich sah mich selbst auf dem Weg nach Asien, einen Turban auf meinem Kopf und in meiner Hand einen neuen Koran, den ich so verfasst hätte, dass er mir passt." Noch im letzten Exil auf St. Helena träumte er davon, wie es gewesen wäre, ein neues Kalifat zu errichten.

Das Museum der Toleranz
Da sind sie wieder, gleich im ersten Raum: Maria und Jesus. Es ist nur eine kleine Statue, aber im vor Kurzem eröffneten Louvre Abu Dhabi setzt sie ein Zeichen.
Neben der Elfenbeinskulptur stehen zwei weitere Mutter-Kind-Figuren in der Vitrine: eine altägyptische Isis, die ihrem Sohn Horus die Brust gibt, und eine Darstellung aus dem Kongo. Das Arrangement soll den Besuchern die Augen öffnen: Menschen verschiedener Kulturen und Epochen sind einander ganz nah.
Für diesen Louvre haben die Herrscher von Abu Dhabi den Namen des wohl berühmtesten Museums der Welt gekauft. Sie haben daraus ein Museum mit einer Botschaft gemacht. Gezeigt wird die Geschichte der gesamten Menschheit.
Wer durch das von Jean Nouvel gestaltete Gebäude läuft und die mit viel Geld und Verstand ausgewählten Exponate betrachtet, kommt ins Staunen. Der Rundgang wird zu einer Entdeckungsreise durch das Reich der Menschheit und der Kreativität, die Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen sind verblüffend. Aber das Bild ist unvollständig und geschönt: Krieg, Elend, Ausbeutung kommen fast nicht vor.
Zur Eröffnung im November hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron eine Rede gehalten. Macron kommt darin auf das Verhältnis von Islam, Christentum und Judentum zu sprechen: "Auf unzertrennliche Weise sind unsere Religionen miteinander verbunden. Jene, die glauben machen wollen, dass der Islam auf der Zerstörung der anderen Monotheismen aufgebaut ist, sind Lügner."
Das ist genau, was der Kronprinz von Abu Dhabi hören will. Seit sein älterer Bruder Scheich Khalifa Bin Zayed Al Nahyan vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten hat, ist Mohammad Bin Zayed der eigentliche Herrscher in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Der Kronprinz hat sich offiziell der Toleranz verschrieben. Es gibt ein Ministerium für Toleranz, und bei seinen öffentlichen Auftritten ruft er auch gern zu Toleranz auf. Politische Freiheit und gute Bedingungen für Haushaltshilfen und Bauarbeiter gehören aber nicht unbedingt dazu. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch übt deutliche Kritik an den Verhältnissen in Abu Dhabi. In dem Land herrscht eine sehr konservative Auslegung des Islam vor, Scharia-Gerichtshöfe können für Gotteslästerung die Todesstrafe verhängen, und Peitschenhiebe und Amputation sind anerkannte Strafmittel.
Christen dürfen allerdings ihren Glauben frei praktizieren, es gibt zahlreiche Kirchen. Das ist ein deutliches Signal in einer Zeit, in der es die Christen in vielen islamischen Ländern schwer haben, in Syrien, im Irak oder in Ägypten. Besonders dramatisch hat es die uralten christlichen Gemeinden im Irak getroffen. Als die von den USA geführten Truppen 2003 dort einmarschierten und den Diktator Saddam Hussein verjagten, lebten rund 1,5 Millionen Christen im Land. Heute sind es weniger als 300 000.
Die neueste Trophäe der Toleranz in den Emiraten ist 66 mal 46 Zentimeter groß, mehr als 500 Jahre alt und hat 450 Millionen Dollar gekostet.
Es handelt sich um das Gemälde "Salvator Mundi", Erlöser der Welt, von Leonardo da Vinci. Das teuerste Kunstwerk der Welt zeigt Jesus Christus und soll seinen Platz im Louvre Abu Dhabi finden: ein Werk des christlichen Abendlands als Prunkstück in einer arabischen Monarchie, die den Islam als Staatsreligion hat.
In der Hauptstadt und noch mehr in der rund hundert Kilometer entfernten Metropole Dubai ist man seit vielen Jahren dabei, möglichst krisenfeste Einnahmequellen für die Zeit nach dem teuren Öl zu finden. Das geht nur, wenn Menschen aus der ganzen Welt in den Emiraten nach ihrer Fasson glücklich werden können. Deshalb predigen die Herrscher Toleranz. In einer von viel Hass geprägten Welt ist das trotz allem ein gutes Signal.
Aus dieser Haltung heraus hat der Kronprinz auch die Moschee, die ursprünglich seinen Namen trug, nach Maria benannt. Er wolle damit, sagte er zur Feier der Namensänderung, "die Bande der Menschlichkeit zwischen den Anhängern verschiedener Religionen festigen".
Das Gespräch zwischen dem Imam, dem Religionsgelehrten und dem christlichen Gemeindeführer neigt sich jetzt dem Ende zu. Eine der schwierigsten Fragen ist noch unbeantwortet: Ist es möglich, Muslimen die Dreifaltigkeit nahezubringen, also die Lehre, dass es Gott in dreifacher Gestalt gebe, als Vater, Sohn und Heiligen Geist?
Almuhairi und Jadali schauen interessiert und freundlich. Aber sie sagen nichts.
Was sollen sie auch sagen? Der Koran, die unbedingte Richtschnur ihres Glaubens, ist in diesem Punkt eindeutig. In der Maria-Sure heißt es: "Es steht Gott nicht an, einen Sohn anzunehmen."
Issa, der muslimische Jesus, ist Marjams Sohn, aber nicht Gottes Sohn. Er hat überhaupt keinen Vater. Das ist ein fundamentaler Unterschied zum Christentum.
Der Imam beginnt nun doch zu erzählen: "Der allmächtige Gott hat zuallererst ein Wesen ohne Vater und ohne Mutter geschaffen, das war Adam. Als Nächstes hat Gott ein Wesen mit einem Vater, aber ohne Mutter erschaffen, das war Eva, geformt aus einer der Rippen Adams. Schließlich hat Gott ein Wesen mit einer Mutter, aber ohne Vater geschaffen, das war Jesus. Aus der Perspektive des allmächtigen Gottes ist Jesus wie Adam. Er schuf ihn aus Staub und sagte zu ihm: Sei! Und so begann er zu existieren."
Und was sagt Andrew Thompson dazu? Hat er schon einmal versucht, Muslimen die Dreifaltigkeit zu erklären? Er winkt ab und sagt: "Selbst für viele Christen ist die Trinität ein Mysterium."
Aber er hat eine kleine Geschichte parat, ein Gleichnis.
Das Gleichnis geht so: "Alle kennen und ehren den Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Khalifa. Ehe wir dem Präsidenten persönlich begegnen können, gehen wir durch seinen Palast, zuerst durch den Haupteingang, und wir müssen viele protokollarische Regeln und Rituale befolgen. Aber wenn ich mit Scheich Khalifas Sohn Freundschaft schließen würde, dann würde er mich durch den Nebeneingang in die Räume der Familie führen, und ich würde den Präsidenten dort als den Vater seines Sohnes treffen. Dieselbe Person, aber eine ganz unterschiedliche Begegnung, eine ganz andere Erfahrung."
Fast beiläufig erklärt Thompson in seiner Geschichte einen weiteren grundlegenden Unterschied zwischen Islam und Christentum. Im Islam ist Gott entrückt und unendlich machtvoll, die Gläubigen begegnen ihm sozusagen durch ein Protokoll, auf formalen Wegen. Sie beten, sie fasten, sie pilgern, wie es Vorschrift ist. Das entlastet sie oft stärker als im Christentum von persönlichen Entscheidungen, erfordert aber permanente Mühen.
Der islamische Gott ist also streng. Aber das bedeutet nicht, dass er ein anderer Gott ist als der christliche Gott. Thompson kommt auf sein Gleichnis zurück: "Jesus hat seinen Anhängern gesagt, dass Gott für uns auf andere Weise zugänglich sei, durch ihn selbst, als liebender Vater."
Nach fast drei Jahrzehnten als Kirchenmann in muslimischen Ländern habe er gelernt, "dass hier ein großer Unterschied liegt: derselbe Gott, aber verschiedene Eingangstüren."
Für Christen führt an Jesus kein Weg vorbei. In ihm sehen sie, wie es der Anglikaner sagt, "die ganze Fülle von Gottes Offenbarung". Den Muslimen hat sich Gott auf andere Weise offenbart: in einem Buch, dem heiligen Koran.
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Maria bringt ihren Sohn in einsamer Ödnis unter einer Palme zur Welt, so erzählt es der Koran.

"Dass Jesus für die Christen gleichzeitig Mensch und Gott ist, können Muslime nicht verstehen."

Als Johannes Paul II. im Jahr 2001 Damaskus besuchte, setzte er als erster Papst seinen Fuß in eine Moschee.

In Vorurteilen erscheinen "alle Christen als missionarische Kolonialisten, alle Muslime als militante Kämpfer".

Über den Autor

Dietmar Pieper, Jahrgang 1963, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit religionsgeschichtlichen Themen. Unter seiner Verantwortung erschien im vorigen Jahr in der Reihe SPIEGEL EDITION GESCHICHTE das Heft "Drei Religionen, ein Gott" über Judentum, Christentum und Islam. Beim SPIEGEL arbeitet Pieper seit 1989 in unterschiedlichen Ressorts.
Von Dietmar Pieper

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