23.12.2017

PolitikerGoslarer Dialektik

Warum Sigmar Gabriel am Ende selbst sein größter Kritiker ist. Eine Charakterstudie. Von Nils Minkmar
Er hat es wieder getan: Mitten in der Adventszeit und nach einem komplizierten politischen Jahr hat Sigmar Gabriel Bürger und Politprofis gleichermaßen verblüfft. Sein Essay, der in der vorigen Woche im SPIEGEL erschien, sorgte für Debatten, wie man sie im Wahlkampf vermisst hatte – allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem sich alle schon in vorweihnachtlicher Behaglichkeit auf die Regierungsbildung, auf vier Jahre Weiter-so mit einer immer kleiner werdenden, einst Großen Koalition einstimmten. Das hat auch etwas von Resignation, aber mit Gabriel ist so etwas nicht zu machen. Nicht in der großen Politik und nicht im Kleinen.
Mein früherer Chef, der verstorbene "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, stellte mir Sigmar Gabriel schon vor vielen Jahren vor. Beide waren sich ähnlich – unter anderem in ihrem Spleen, Termine stets neu zu gestalten, abzusagen oder an andere Orte zu verlegen. Aus einem Spaziergang wird eine Zugfahrt, aus einem Kaffee ein Abendessen. Sie pflegten auch das gleiche Hobby, das Denken. Ihr Motto: keine Gnade. Wähnte man sie sicher auf einer Position geparkt, grüßten sie schon von einer völlig anderen Seite. Hatte man ein Problem identifiziert, fingen sie an, genau darin auch die guten Aspekte zu sehen. Und wenn ein frischer Gedanke da war, dann gehörte er – unbedingt, unbedingt – geäußert und an die Luft, sonst brennt die Welt.
Journalisten sollen immer wieder etwas Neues schreiben, das ist unser Beruf. Politiker jedoch vertrauen üblicherweise auf ein Mantra, das durch stete Wiederholung die Realität formt: Freiheit statt Sozialismus, Mehr Demokratie wagen, Wir schaffen das. Gabriel hält solche Kommunikation nicht aus, denn sie suggeriert eine Welt, wie sie nicht ist. Eine beständige Welt, in der weise Männer und Frauen mit ruhiger Hand gestalten können – für Gabriel eine Illusion.
Die Leute sollen niemandem "ihr Vertrauen schenken" – sie sollen mitdenken und stets skeptisch bleiben. Das ist ein Punkt, an dem sein alter Beruf, der des Lehrers, in ihm durchkommt. So neulich in der Talkshow "3 nach 9": Da belehrte er den Moderator Giovanni di Lorenzo, denn der wollte eine "einfache Antwort auf eine komplexe Frage". Die könne er nicht geben. Wer Gabriel nicht kennt, mochte das als floskelhafte Bekräftigung intellektueller Redlichkeit verstehen. Wahr ist aber auch: Einfache Antworten machen ihm nicht nur keinen Spaß, er ist zu ihnen nicht fähig. Auch dann nicht, wenn ein sympathisches Publikum gekommen ist, um ihn zu feiern.
Zum Beispiel Mitte August, als er in seinem Wahlkreis für ein erneutes Mandat warb. Ich besuchte ihn an jenem Tag und setzte mich im Bürgerhaus in Seesen in eine der hinteren Reihen. Die Herren trugen Hemden im Karomuster mit kurzen Ärmeln, die Damen geblümte Sommerkleider. Alle waren ihm gewogen. Es war eine kleine Veranstaltung, Gabriel hätte nur von den Erfolgen seiner Partei zu reden brauchen, ein wenig auf die politischen Gegner eindreschen und fertig. Eine politische Standardsituation. Doch so etwas gibt es mit Sigmar Gabriel nicht. Gleich zu Beginn schon äußerte er sein Credo: "Ich gehe nicht in den Wahlkampf und sage den Leuten Dinge, die sie hören wollen." Im Politikunterricht lernt man es anders: Wähler geben ihre Stimme demjenigen, der ihre Meinung vertritt. Aber welche ist das bei Sigmar Gabriel? Er erarbeitet sie doch gerade erst – und womöglich fällt ihm beim Formulieren schon ein exzellenter Einwand dagegen ein.
Eine Frage an jenem Abend in Seesen zielte auf die Rüstungsexporte. Wie ist das mit all den Waffen, die Deutschland in die Welt verkauft? Die Frage gefiel Gabriel. In einer üblichen Wahlveranstaltung würde der sozialdemokratische Kandidat seinen Horror vor Waffen beschwören, über realpolitische Kompromisse klagen, die SPD als Friedenspartei loben und ein Zitat von Willy Brandt anfügen. Gabriel aber entwarf Szenarien: solche, in denen man Schuld auf sich lädt, indem man Befreiungsbewegungen nicht hilft, und solche, in denen man schuldig wird, wenn man hilft. Was, wenn die Waffen, die man an die gute Seite geliefert hat, um ein Massaker zu verhindern, von der anderen Seite erbeutet werden? Dann richten sich die guten deutschen Waffen unter Umständen gegen Verbündete oder gar gegen Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Soll man andererseits zuschauen, wenn ein neues Srebrenica droht? Und was, wenn die Bedrohten dann selbst zu Mördern werden? Gabriel erhöhte an diesem friedlichen, warmen Abend permanent die Komplexität. Die beiden Grundprinzipien der bundesdeutschen Außenpolitik, "Nie wieder Krieg!" und "Nie wieder Auschwitz", wurden dialektisch bewegt, bis sie rotierten.
Kaum hatte er den Saal von einer Position überzeugt, plädierte er mit ebensolcher Verve für die gegenteilige und überzeugte ihn abermals. Eine Dame meldete sich mit einem persönlichen Anliegen. Es ging um ein Visum für die Schwiegertochter. Wie jeder Politiker der Welt versprach Gabriel, sich darum zu kümmern. Anders als jeder Politiker erklärte er der Dame allerdings auch, dass ihre Bevorzugung gegenüber all den anderen, die den Dienstweg einhalten, unfair sei. Er lächelte dabei, er möchte nicht unfreundlich sein, aber er schonte das Publikum nicht.
Sigmar Gabriel setzte auf konsequente, gnadenlose Überforderung, als wäre die Annahme, das Publikum wolle irgendwo "abgeholt" werden oder "auf Augenhöhe" angesprochen werden, eine Unterschätzung der Leute. Am Ende der Veranstaltung wirkte das Publikum verwirrt, erschöpft, doch nicht enttäuscht. Es war ein Abend der Aufklärung, denn Gabriel konfrontierte seine Wähler mit deren eigener Naivität. Immer noch gibt es die Sehnsucht nach dem Politiker als Vaterfigur. Der die Bösen auf Distanz hält und die Guten schützt und fördert, der eine behagliche Stimmung der Geborgenheit schafft. Diesem Wunsch nach einem Happy End mag er nicht entsprechen – wo auf Erden doch allein das Chaos die Regel ist, jenes "permanente Schaukeln der Dinge", von dem der französische Philosoph Michel de Montaigne zu Beginn unserer Epoche, der Neuzeit, schrieb. Sich nicht schlicht machen in einer komplexen Welt, das ist sein Prinzip. Es entspringt seinem Instinkt: nur nicht kalt erwischt werden.
Gabriel hatte eine Horrorkindheit. Der Vater war ein sturer Nazi, der die Familie plagte. Die Eltern trennten sich. Der Vater obsiegte im Sorgerechtsstreit, weil er dem Sohn stabile Verhältnisse bieten konnte. Die aber empfand das Kind als bedrückend, doch Jahre vergingen, bis es wieder zu seiner Mutter kam. Jahre, an die Gabriel sich nur bruchstückhaft erinnert. Seine Mutter, in deren Nähe er heute noch lebt, verdiente als Krankenschwester sehr wenig Geld. So früh es ging, wählte er die politische Öffentlichkeit zur Heimat. Jugendverbände, Partei, Gemeindepolitik – alles, was helfen kann, in Bewegung zu bleiben, wenig zu Hause zu sein und das Leben selbst zu gestalten.
Er ist, auch das gehört zur Wahrheit, in seinem Job ziemlich gut. Einmal saßen wir bei einem leichten Abendessen in Goslar, als zwei Männer zu uns kamen. Es waren Vater und Sohn, beide Unternehmer. Sie stellen Farbpigmente in großem Stil her. Sie erzählten mir, wie Gabriel vor einigen Jahren ihre Firma gerettet hat. Ich hatte weder von dem recht großen Unternehmen noch von dem Vorgang je gehört. Es ging um Hunderte Arbeitsplätze. Heute expandiert die Firma, derzeit sucht sie neues Personal. Gabriel schaute während des Vortrags der beiden Männer höflich interessiert, aber leicht abwesend, als wäre von einem anderen Politiker die Rede. Womöglich waren sich alle zu einig, und er überlegte schon, welche interessante Position er gegen sich selbst beziehen könnte. Auch da fällt ihm immer viel ein. In früheren Jahren konnte niemand besser als Sigmar Gabriel analysieren, weshalb Sigmar Gabriel nicht als Bundeskanzler kandidieren solle.
Ich glaube nicht, dass er auswendig weiß, was er gerade anhat. Geld und Kleidung sind ihm egal. Von Menschen, die nicht im schönen Goslar leben, mag er gehört haben, aber sie tun ihm ein wenig leid. Wenn er einen Saal betritt, merkt man es nicht. Er plaudert erst mal mit denjenigen, die am Eingang herumstehen. Wenn es dann ans Reden geht, entfaltet sich etwas. Seine Eitelkeit bezieht sich nämlich auf diesen einzigen Punkt, auf das Publikum, den Austausch von Argumenten, die Redeschlacht. Da will er nicht nur gewinnen, er will auch alle anderen anspornen und wahnsinnig machen. Die ganze Herde soll auf die Beine kommen und in Bewegung bleiben.
Einmal hatte ich in Luxemburg eine Veranstaltung über Europa zu moderieren. Auf dem Podium saßen der damalige französische Außenminister Jean-Marc Ayrault, der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn und Gabriel. Der war elektrisiert, denn im Publikum waren einige Schulklassen. Er ertrug schon kaum die Begrüßung und die einleitenden Worte, sondern zischte mir immer zu, nun sollten die Schüler endlich was sagen. Die hatten viele Fragen vorbereitet, und weil sich Gabriel so mühte, geriet selbst der sonst eher bedächtige Franzose Ayrault in ein Feuer der politischen Rhetorik. Gabriel, der Freund und Feind überfordert, der, nach all den Jahren an der Seite von Gerhard Schröder, in besagtem Essay implizit fragt, ob der seinerzeit von Oskar Lafontaine empfohlene Weg nach links nicht der bessere gewesen wäre, Gabriel also, die personifizierte politische Unschärferelation, ist derzeit nach dem Bundespräsidenten der beliebteste deutsche Politiker, noch vor Angela Merkel, der Protagonistin einer auf dem Mantra der Beruhigung basierenden Politik. Nach all den Mühen hat er es geschafft: Sigmar Gabriel steht weit oben auf der Beliebtheitsskala – in der SPD aber sind seine Aktien ganz unten, und damit könnte seine politische Laufbahn vor dem Ende stehen. Er hat sich mit dem Essay in eine Lage von dramatischer Komplexität manövriert – und genau dort darf man sich ihn als glücklichen Menschen vorstellen.

Gabriel will nicht nur gewinnen, er will alle anderen anspornen und wahnsinnig machen.

Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 52/2017
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