23.12.2017

NächstenliebeWie tröstet man alte, einsame Menschen, Frau Schilling?

Elke Schilling, 73, Leiterin des Projektes "Silbernetz", über ein Berliner Feiertagstelefon
SPIEGEL: Frau Schilling, unter der kostenfreien Rufnummer 0800 4708090 bieten Sie von Weihnachten bis Neujahr eine Hotline für Senioren an. Warum braucht es so ein Angebot?
Schilling: Weihnachten ist die Zeit der verschärften Einsamkeitsgefühle – für diejenigen, die niemanden mehr haben. Und das betrifft natürlich vor allem ältere Menschen. Denen wollen wir ein Angebot machen. Unsere Hotline wird rund um die Uhr erreichbar sein. 20 ehrenamtliche Helfer nehmen die Anrufe entgegen, wir arbeiten alle in Vier-Stunden-Schichten.
SPIEGEL: Wie hilft man vereinsamten Senioren am Telefon?
Schilling: Es geht erst mal ums Zuhören. Empathie zeigen. Da sein. Manche Senioren hören kaum noch eine andere Stimme als jene aus dem Fernseher. Sie haben zum Teil völlig verlernt, ein Gespräch zu führen. Man muss behutsam sein, geduldig.
SPIEGEL: Mit wie vielen Anrufen rechnen Sie?
Schilling: Es gibt Studien, wonach jeder dritte Mensch über sechzig gelegentlich Einsamkeitsgefühle hat. Auf Berlin bezogen hieße das: mehr als eine viertel Million potenzieller Anrufer. Natürlich rufen die nicht alle an. Wir planen jetzt erst mal mit 20 Minuten pro Gespräch und hoffen, dass es keine Wartezeiten gibt.
SPIEGEL: Wie kamen Sie zu diesem Projekt? Durch ein persönliches Erlebnis?
Schilling: Es gab einen Schlüsselmoment, ja. Vor vier Jahren verschwand mein Nachbar, ein stiller älterer Herr. Ich sah ihn irgendwann nicht mehr, und an seiner Tür hing wochenlang ein Pizza-Flyer. Da wurde ich unruhig und verständigte die Polizei. Leider viel zu spät: Er war seit drei Monaten tot.
Von Jmg

DER SPIEGEL 52/2017
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