23.12.2017

Eine Meldung und ihre GeschichteDen Fluss runter

Der Schiedsrichter beendet ein Fußballspiel nach 58 Minuten, weil kein Ball mehr da ist.
Zwei Monate nachdem sein Verein Hohn und Spott im Netz hatte ertragen müssen, von den USA bis Indien, leitet Daniel Citea das Training auf dem Fußballplatz in Broșteni, einer Kleinstadt in den rumänischen Ostkarpaten. Der Platz, gebaut Anfang der Fünfzigerjahre, liegt zwischen der Nationalstraße 17B und dem linken Ufer der Bistrița, das ist jener Fluss, der dem Verein seinen Namen verleiht: Bistrița Broșteni. Von jeher trennt eine übermannshohe Mauer das Spielfeld von der Straße, damit keine Bälle auf die Fahrbahn rollen. Auf der anderen Seite, wo etwa zehn Meter von der Außenlinie entfernt das Wasser rauscht, steht neuerdings ein Zaun. "Den mussten wir bauen", sagt Citea, ein gedrungener Mann in Kunstlederjacke. "Der Verband hat ihn zur Bedingung gemacht nach dem, was passiert ist. Sonst hätten wir hier nicht länger spielen dürfen."
Citea arbeitet als Schlosser im Bergbau, er ist 46 Jahre alt und Coach, Manager und Mittelfeldspieler des Teams, fünfte Liga. "Wir sind ein Klub mit wenigen Möglichkeiten", sagt er und schaut aus traurigen Augen. Das Geld ist knapp, es gibt kaum Jobs in der Gegend. Vergangenes Jahr verlor Citea seinen Kapitän, der in einem Reifendepot in Thüringen angeheuert hatte. Die Mannschaft steht nach der Hinrunde auf dem drittletzten Platz der Tabelle, dabei hatte die Saison gut begonnen. Nach einem 7:1 zum Auftakt traf Broșteni am zweiten Spieltag auf Vânătorul Dorna Candrenilor, einen Gegner, gegen den man zu Hause noch nie verloren hatte.
Es war ein bewölkter Sonntag Ende September, Anpfiff um 14 Uhr. Broșteni spielte in den blau-roten Trikots mit der goldenen Rückennummer, dazu blaue Hosen und blau-rote Stutzen, es sind die Farben des FC Barcelona. Gut 200 Zuschauer waren gekommen, freier Eintritt, die meisten Fans standen auf dem Parkplatz hinter einem der Tore.
Daniel Citea hatte seine Mannschaft offensiv aufgestellt, mit drei Stürmern. Er sagt, er gewinne lieber 6:5 als 1:0. Der Rasen war tief an diesem Nachmittag, es hatte die vergangenen drei Tage pausenlos geregnet. Der Pegel der Bistrița stand hoch, ein paar Zentimeter noch, und der Fluss wäre über das Ufer getreten.
Zur Halbzeit führten die Gäste mit 2:0. In der Kabine sprach Citea seinen Mitspielern Mut zu. Sagte, sie müssten jetzt alles nach vorn werfen, ein schnelles Anschlusstor, dann hätten sie noch eine Chance, das Spiel zu gewinnen.
Die zweite Hälfte begann mit einem Angriff der Rot-Blauen, Flanke in den Strafraum, abgewehrt, aus dem Hintergrund ein gewaltiger Schuss: Der Ball flog ebenso hoch wie weit am Tor vorbei, er fiel auf den Rasen, sprang weiter auf den Kies, dann platschte er in den Fluss, Minute 46. Weil es öfter vorkommt, dass ein Ball in der Bistrița landet, beschäftigt der Klub zwei Männer, die ihn wieder aus dem Fluss fischen sollen. Für gewöhnlich strandet der Ball an einer Flussbiegung einen Kilometer stromabwärts.
Der erste Helfer setzte sich ins Auto und fuhr los. Er war gerade auf die Straße gebogen, als der nächste Ball im Wasser trieb, Minute 48. Der zweite Helfer stieg in seinen Wagen und drückte aufs Gas.
Angeblich schwammen noch nie mehr als zwei Bälle gleichzeitig in der Bistrița, und normalerweise kehrt der Suchtrupp nach wenigen Minuten zurück. Dieses Mal jedoch war die Strömung wegen des Hochwassers besonders stark. Hinzu kam, dass Trainer Citea sein Team weiter ermunterte, aus allen Lagen zu schießen.
In der 58. Minute trug der Fluss den fünften Ball davon. Es war der letzte, den der Verein besaß. Fünf Bälle in zwölf Minuten. Der Schiedsrichter wandte sich an Citea und sagte, ihm blieben exakt drei Minuten Zeit, um einen Ball zu organisieren, damit man die Begegnung fortsetzen könne. Also war Citea der dritte Mann an diesem Tag, der zu seinem Auto rannte. "Du findest sie beim Staudamm!", riefen ihm die Zuschauer nach.
Citea war etwa fünf Kilometer gefahren, als er den ersten der beiden Helfer erblickte. Der stand bis zur Hüfte im Wasser und versuchte, einen Ball mithilfe eines Astes an Land zu holen. Citea hielt an, half ihm, sie erwischten den Ball, dann machten sie sich auf den Rückweg. Unterwegs fiel Citea ein Viehhirte am Straßenrand auf, der einen Ball unter seinem Hemd versteckte. Dann sah er den zweiten Helfer, der auf der anderen Seite des Flusses einen Ball geborgen hatte. Den vierten Ball fand ein Wanderer drei Tage später, der fünfte blieb verschollen bis heute.
Die drei Minuten waren längst vergangen, als Citea beim Platz eintraf. Der Schiedsrichter wertete das Spiel mit 3:0 für Vânătorul, so schreibt es das Regelwerk des rumänischen Fußballverbands vor, Artikel 83, Absatz 1.
Daniel Citea steht am Mittelkreis, Ende November, und beendet nach einer Stunde die Übungseinheit. Es ist dunkel geworden, und Flutlicht gibt es nicht. 300 Lei Strafe musste er an den Verband zahlen, umgerechnet 64 Euro. Doch das ist es nicht, was ihn aufregt. "Wir hätten mit einem Ball unseres Gegners weiterspielen können, aber der wollte das nicht", sagt Citea. "Ich kann es nicht beweisen, aber ich vermute, die andere Mannschaft hat den letzten Ball absichtlich in den Fluss geschossen."
Nach dem Spiel gegen Vânătorul schickte der Verband elf neue Bälle nach Broșteni. "Die Qualität ist nicht so gut", sagt Citea. Einen Ball schenkte er dem Fahrer des Mannschaftsbullis, vier Bälle überließ er Schulen, die übrigen sechs behielt er. Das Geld für den Zaun spendete die Gemeinde. Er ist zwar passend zur Rückrunde fertig, allerdings nur anderthalb Meter hoch. Sicherheitshalber will Citea am Ufer noch ein paar Bäume pflanzen.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 52/2017
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