23.12.2017

HomestoryUnter Franken

Warum ich Markus Söder sehr gut kenne, obwohl wir uns im Leben noch nie begegnet sind
Wenn es so etwas gibt wie den Höhepunkt des fränkischen Fernsehjahres, dann ist es vielleicht die Prunksitzung des Fastnachtsverbands in Veitshöchheim. "Ganz Franken" schaut zu, wenn die Narren mit dem rollenden "R" ihren Dialekt pflegen, in dem die Konsonanten butterweich werden und aus Politikern also "Bollidigger". Der derzeit größte des Frankenlands heißt bekanntlich Dr. Markus Söder, und für ihn ist Veitshöchheim Jahr für Jahr ein Heimspiel. Er stammt aus der Gegend, der Minister für Finanzen und Heimat in Bayern, er ist ein Mittelfranke aus Nürnberg-Schweinau.
Anfang 2017, im bislang größten Jahr seiner Karriere, ging Söder mit einer gelben Ganzkopfmaske aus anliegendem Gummi zum Veitshöchheimer Fasching. Er stellte Homer Simpson dar, den Comic-Helden, der als Inbegriff des dummen Faulenzers gilt, dem aber ständig aus lauter Zufall die lustigsten Geniestreiche gelingen. Wäre Söder gern so einer? Natürlich nicht. Aber er lacht eben gern über andere Deppen. Ich weiß das. Ich kenne ihn gut.
Zugegeben, Söder und ich, wir sind uns noch nie begegnet, aber das tut hier nichts zur Sache. Wenn ich sage: Ich kenne ihn gut, dann meine ich das größer, tiefer. Ich kenne ihn von Franke zu Franke, und ich kenne die Mentalität dieses evangelischen Kleinunternehmersohns, weil ich selbst einer bin. Ich weiß so gut wie alles über Söders politische Sozialisation in den späten Siebziger-, den frühen Achtzigerjahren, weil ich damals auch in der Gegend war, ein Oberfranke aus Hof "in Bayern ganz oben", nur zwei Jahre älter als der 1967 geborene Markus aus Nürnberg.
Hier wie dort wohnte man nie weit entfernt von dunklen Wäldern, die Winter waren hart und die Skianzüge bunt, mit Braun, Grün und Lila. Wir waren, Söder und ich, Provinzler, und wir waren es noch ganz unverdünnt. Es gab keine Handys, kein YouTube, kein H&M, und Fast Food kam, wenn überhaupt, aus dem "Wienerwald".
Die Welt war klein, aber scheinbar in Ordnung. Wir schauten Urlaubsdias im Familienkreis und lachten mit den Eltern über Wum und Wim Thoelke. Es gab Bayern 3, die "Schlager der Woche", es gab Bratwürste jahrein, jahraus, "Konfirmationskuchen" und den Nürnberger Christkindlesmarkt. Das war unser Leben im Großen und Ganzen. Eine größere Welt brach erst mit dem Musikkanal MTV über uns herein, und wir fränkischen Buben schauten mit roten Ohren den fantastischen Mädchengestalten zu, deren Körper durch äußerst unfränkische Videoclips wirbelten. Söder und ich, wir kamen in die Pubertät.
Und irgendwann damals entschied sich, was im Leben so aus einem werden sollte. Damals trennten sich Söders und meine Wege für immer. Meiner führte ein paarmal schüchtern an den Bauzaun von Wackersdorf und zu Ostermärschen durch Hof, die so erbärmlich klein waren, dass man sie als Demonstrationen kaum wahrnahm. Söders Weg führte direkt in die Junge Union und in die CSU. Und während in meinem Zimmer ein bemühtes Kunstposter hing, hängte sich Söder ein Porträt von Franz Josef Strauß übers Bett. So repräsentierten wir beide, ohne es zu ahnen, die bayerischen Verhältnisse. Söder war die Zweidrittelmehrheit. Ich war der lumpige Rest.
An Strauß entschied sich unser Leben. Der legendäre Ministerpräsident verkörperte für Franken und Bayern meiner Generation eine Wahl für den Rest des Lebens, das Entweder-oder der eigenen Gesinnung. Wer den Alten hörte und sah, alle paar Jahre in der größten Halle am Ort, musste sich danach entscheiden zwischen "Stoppt Strauß"-Sticker und Fanposter. Ich war 15 oder 16, als ich den Gott der CSU einmal leibhaftig in der Hofer "Freiheitshalle" erlebte. Ich kann mich an die Rede nicht mehr erinnern, aber an das Gejohle im Publikum sehr wohl. Die Zweidrittelmehrheit feierte, Väter und Söhne im Trachtenjanker, und die Mütter kamen frisch vom Friseur.
Ich fühlte mich zum ersten Mal irgendwie "links", was einem im damaligen Bayern vorkam wie heute vermutlich ein Coming-out. Söder hatte es da, denke ich, viel leichter. Ich hatte Schulfreunde wie ihn, die schon in der neunten Klasse politisch rechts standen, ganz ohne Anführungszeichen, Söhne in Trachtenjankern, die sich anschickten, Väter in Trachtenjankern zu werden. CSU, das fühlte sich damals noch an wie eine Art erblicher Veranlagung.
Aber nur wenige zogen es so durch wie Söder, die ganze weiß-blaue Ochsentour. Und je höher er stieg, desto wilder wurden seine Verkleidungen im Veitshöchheimer Fasching. Er kam als Punk, als Shrek, als Frau, als Ludwig II., als Dr. Edmund Stoiber, und in der Perfektion seiner Masken leuchtete grell sein Ehrgeiz auf. Wer aber Augen hatte, konnte sehen, dass dieser fränkische Clown sich die ganze Zeit nach einem ganz anderen Kostüm sehnte: dem des bayerischen Ministerpräsidenten, der zur Fastnacht traditionell unverkleidet und im Smoking kommt. 2019 ist es für Söder so weit. Vielleicht gehe ich dann auch einmal nach Veitshöchheim. Als der Zombie von Franz Josef Strauß.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 52/2017
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