23.12.2017

Magische Momente„Ich hatte ja nicht mal geduscht“

Handballtorwart Tim Wendt, 20, über sein unverhofftes Bundesligadebüt beim Rekordmeister THW Kiel
SPIEGEL: Normalerweise spielen Sie in der viertklassigen Oberliga, Anfang Dezember feierten Sie gegen Hüttenberg Ihren ersten Bundesligaeinsatz. Wie kam es dazu?
Wendt: Ich war an dem Tag in Rendsburg, half bei einem Umzug. Um halb vier bemerkte meine Freundin, dass ich vier verpasste Anrufe von meinem Trainer hatte. Ich rief zurück. Er meinte: "Tim, wo bist du? Komm nach Kiel, du spielst heute für die Erste." Von den THW-Torhütern war Olympiasieger Niklas Landin erkrankt, die etatmäßige Nummer drei gesperrt.
SPIEGEL: Ihre Reaktion?
Wendt: Ich war tierisch aufgeregt, hatte ja nicht mal geduscht, stand ohne Sportklamotten in Rendsburg. Wir fuhren zurück nach Kiel, damit ich meine Schuhe holen konnte. Zweieinhalb Stunden später war ich in der Halle.
SPIEGEL: Gab es überhaupt ein Trikot für Sie?
Wendt: Das wurde kurzfristig noch beflockt. Der zuständige Mitarbeiter wurde einbestellt, er hatte zuvor zu Hause auf der Couch gesessen.
SPIEGEL: Wie verliefen die Minuten vor dem Spiel?
Wendt: In der Oberliga machen wir deutlich mehr Witze in der Kabine. Bei den Profis läuft Musik, jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Ich zog mich um, setzte mich auf meinen Platz und wartete.
SPIEGEL: Sie machen eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker. An diesem Tag waren Sie Back-up für Nationaltorwart Andreas Wolff.
Wendt: Ich dachte: Das Schlimmste wäre, wenn er sich nach fünf Minuten verletzt und du die ganze Partie spielen musst. Ich hoffte aber auf eine Chance, vielleicht bei einem Siebenmeter.
SPIEGEL: Kurz vor Ende führte Kiel deutlich. Trainer Gislason gab Ihnen zu verstehen, Sie sollten sich bereithalten.
Wendt: Da stieg die Anspannung. Mein erster Bundesligaeinsatz, vor 10 000 Zuschauern für den THW – davon träumt jeder Kieler Junge.
SPIEGEL: Sie spielten 2:14 Minuten. Ihr schönster Moment?
Wendt: Meine erste Parade. Der Kreisläufer kam zum Wurf, knickte nach links ab, zielte unter die Latte. Ich parierte den Ball, sah aus den Augenwinkeln, dass er nicht ins Tor ging. Da wusste ich: Das ist der erste Ball, den du in der Bundesliga gehalten hast! Ein cooles Gefühl.
SPIEGEL: Sie parierten alle drei Würfe, die auf Ihr Tor kamen – ein perfekter Einstand.
Wendt: Ich war lange damit beschäftigt, alle Glückwünsche zu beantworten. Am nächsten Morgen bei der Arbeit wussten auch schon alle Bescheid.
Von Tne

DER SPIEGEL 52/2017
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