23.12.2017

GlosseProtz mit Wurm

Warum das Schenken nicht immer eine Herzensangelegenheit sein muss
Das Schwierige am Schenken ist, dass es von Herzen kommen soll. Das geht leider nicht immer. Aber wer will das schon zugeben? Wer traut sich, an Heiligabend zu sagen, dass er lieber flott einen Gutschein für irgendwas besorgt hat, statt lange nach dem wahren Glücksspender zu suchen – oder gar etwas zu basteln?
Alle, die gerade mit schlechtem Gewissen einen hässlichen Fonduetopf verpacken, sollten daher wissen, dass das Schenken zumindest evolutionsbiologisch eine andere Funktion haben kann: Im Tierreich wird damit nicht zwingend Herzenswärme verbreitet, sondern ordentlich auf die Pauke gehauen.
Schenkt ein Graudrosslingmännchen im israelisch-jordanischen Arava-Tal einem ranghöheren Tier einen Wurm, kann es froh sein, wenn es mit dem Leben davonkommt. Selbst der kleine Vogelchef scheint zu verstehen, dass so ein geschenkter Wurm nicht ohne Hintergedanken kommt. Vorsorglich geht er dem Unterling an den Kragen. Keilerei statt Dank.
Der israelische Evolutionsbiologe Amotz Zahavi fragte sich in den Siebzigerjahren, welcher evolutionäre Grund hinter einem scheinbar so unnützen Verhalten stecken könnte.
Da wäre das Schenken der Drosslinge, aber auch der unpraktische Putz und Pomp, der sich überall in der Fauna findet. Was bringt dem Pfau sein Rad, wenn er wegen der langen Federn im Notfall nicht fliehen kann?
Zahavi fand den Sinn schließlich in der Verschwendung selbst: Wer es sich erlauben kann, bunte Federn aufzustellen oder ungebeten Würmer abzugeben, muss über wahrhaft üppige Ressourcen verfügen – das "Zuviel des Guten" wird zum Zeichen der Stärke.
Wer also Mühe hat, sich all den überflüssigen Kram unterm Weihnachtsbaum zum Herzensgeschenk schönzureden, darf an Zahavi denken. Und sich kurz damit trösten, dass auch in der Verschwendung ein tieferer Sinn stecken kann.
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 52/2017
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