23.12.2017

Elke SchmitterBesser weiß ich es nichtVorletzte Worte

Das Wort, die Schrift, das Testament, das sind so die Vokabeln der mehr oder minder eingeschneiten Tage, die jetzt beginnen und vergehen. Allenthalben werden Gefühle stimuliert, die man liebt und fürchtet zugleich: Andacht, Rührung, Ergriffenheit. Einerseits Regungen ganz bei sich, wehrlos und geöffnet für kindliche Hoffnungen, die niemals schlafen, sich aber leicht betäuben lassen durch den Erledigungsmodus, in dem die meisten gerade die Wochen vor Weihnachten überstehen: die Hoffnung, dass die Nächsten offen sind und zugewandt, friedlich – und einen einmal ausreden lassen. Andererseits, natürlich, die Angst, was dann passiert, auch, wenn man sich selber zuhört: Ist man zufrieden, hat man es gut gemacht in diesem Jahr, will man die Antwort hören, die man sich selber gibt? Das alles löst jene Bangigkeit aus, die man am besten mit intensiver Nahrungsaufnahme bekämpft; da ist der Mund beschäftigt, und die Seele tritt in ein Stadium gelassener Müdigkeit, geteilt von anderen, die auch noch ein Dessert und einen Punsch vertragen. Abgründige Sache, dieses Fest.
Something completely different, oder auch nicht: die Neueinrichtung "Forbidden Stories" von Reporter ohne Grenzen und dem Bündnis Freedom Voices. Dort hinterlegen bedrohte Journalisten ihre möglicherweise letzten Worte, ihr unfreiwilliges Testament. So etwas wie das kurze Video von Cecilio Pineda beispielsweise, mexikanischer Journalist, der am Steuer seines Wagens die Verbindungen zwischen der Drogenmafia und der Regierung benennt. Zwei Stunden nach dieser Aufnahme fand man seine Leiche; er war erschossen worden. Pineda war ein Bruder in Geist und Tat der Journalistin Daphne Caruana Galizia, die im Oktober auf Malta mit einer Autobombe ermordet wurde – und da ging es vermutlich nur um Korruption, nicht um terrorisierte Städte, Entführungen, Killerkommandos. Wir sind ja in Europa.
Für Reporter ohne Grenzen ist nicht nur die steigende Gefahr für Journalisten weltweit alarmierend – 2017 wurden 54 Söhne, Töchter, Väter, Mütter, Geschwister entführt, 39 gezielt ermordet, 26 weitere im Einsatz getötet. Sondern vor allem die Tatsache, dass fast die Hälfte von ihnen nicht in Regionen mit bewaffneten Konflikten starben. Also weder im Krieg noch im erklärten Bürgerkrieg, sondern in Staaten mit – kann man sagen: funktionierenden (?) Institutionen. Mit Pressegesetzen und Gerichten, mit Polizei und eben auch gut organisiertem Verbrechen. Reporter ohne Grenzen versucht, die Einsetzung eines UN-Sonderbeauftragten für den Schutz von Journalisten durchzusetzen; das ist so ein Vorhaben, bei dem Spenden ambivalenzfrei gut und sinnvoll sind.
Nun haben wir also eine Website für tatsächliche und mögliche letzte Worte, ein Depot der Wahrheit, das für alle zugänglich ist. Bis auf die entführten Journalisten natürlich und die 326, die derzeit im Gefängnis sind. Wie Deniz Yücel, seit 313 Tagen in türkischer Untersuchungshaft. Hier darf Ergriffenheit in Zorn münden. Und natürlich in Unterstützung.
An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und Nils Minkmar im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 52/2017
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