23.12.2017

MedienkritikKatze in der Krippe

Wie Thomas Gottschalk auf Twitter sein Comeback erlebt
Seit Kurzem hat Thomas Gottschalk eine neue Show. Ohne Wetten und ohne Günther Jauch. Eigentlich ist es keine richtige Show. Thomas Gottschalk schreibt Kurzmitteilungen auf Twitter.
Begonnen hat das alles mit einem Selfie. Im April twitterte Gottschalk ein Selbstporträt aus Zermatt. Dazu schrieb er: "Hier seht ihr den Vatter vorn und hinter mir das #Matterhorn". Bis dahin hatte seinen Account mit dem Namen Herbstblond vor allem die Autorin Else Buschheuer betreut, die Lektorin seiner Autobiografie. Nun war Gottschalk selbst am Handy.
Abends folgte ein Gruppenbild mit Michael Bolton und Anni-Frid Lyngstad von ABBA. Ein paar Tage später fotografierte er heimlich Woody Allen beim Essen. Gottschalk notierte: "Hinterher sein Platzkärtchen geklaut." Tausend Menschen klickten "Gefällt mir". Er wurde langsam warm mit diesem sozialen Netzwerk.
Als Kritiker schließlich seine Sat.1-Sendung verrissen, weil sie sehr übel zusammengeschnippelt worden war, konterte Gottschalk nur noch trocken über das Netz: "Früher waren meine Anzüge schlecht geschnitten, jetzt sind meine Shows schlecht geschnitten." Da hatte Gottschalk Twitter schon ziemlich gut verstanden.
Für Gottschalk sind die großen Tage im Fernsehen vorbei. Vielleicht gilt das aber auch für das Fernsehen generell. Man kann das als Abstieg interpretieren. Von einem Millionenpublikum auf aktuell 80 000 Twitter-Anhänger. Das ist ein sehr kleiner Scheinwerfer.
Andererseits: Jesus hatte am Anfang sogar nur zwölf Follower. Das wäre jetzt so eine rotzige Gottschalk-Replik. Man kann seinen Auftritt auf Twitter auch als Befreiung sehen. Gottschalk ist jetzt 67 Jahre alt. Nach "Wetten, dass ..?" versuchte er sich an einer Vorabendtalkshow und in einer Castingjury. Gottschalk sah dabei aus wie jemand, der nicht loslassen kann. Ganz langsam war zu beobachten, wie das Komische dem Tragischen wich. Der Spottende wurde selbst zum Gespött. Gottschalk peinlich zu finden war plötzlich so einfach wie bei Til Schweiger oder den Toten Hosen.
Nun hat bei Twitter kaum jemand auf Gottschalk gewartet. Die Plattform ist wie ein Wasserfall. Jede Sekunde rauscht Privates, Banales, Hochpolitisches ins digitale Nirvana. Wer nicht auffällt oder unterhält, wer nicht liefert, der wird erst niedergemacht und dann entfolgt. Da schützt auch Prominenz nicht. Erstaunlicherweise funktioniert Gottschalk auf Twitter bestens. Nie passte seine "Mir ist das wurscht"-Haltung besser, selten wirkte er entspannter.
So, denkt man, muss Gottschalk vor vielen Jahrzehnten im Radio gewesen sein, als er noch mit einem Plattenkoffer im VW Käfer beim Bayerischen Rundfunk vorfuhr. Damals bekam er einen Job, nachdem er der Landesrundfunkanstalt einen Bewerbungsbogen mit dem Satz zurückgeschickt hatte: "Man hört es eurem Programm an, dass ihr die, die es machen, per Fragebogen gefunden habt."
Ähnlich verhält es sich nun mit seinem Auftritt auf Twitter. Für eine Revolution des Mediums reicht es diesmal nicht. Trotzdem muss man wohl entweder sehr jung oder sehr alt sein, um mit dieser Art von Gleichmut Erfolg zu haben. Gottschalk jedenfalls macht sehr schnell sehr viel richtig.
Er stichelt gegen Frank Elstner, flirtet mit Michelle Hunziker, und wenn er nachts Mike Krüger an der Hotelbar trifft, dann klick, "Die andere Supernase! Selfie".
Wo auch immer er gerade ist, twittert Gottschalk: Er schickt Bilder aus seinem Fitnessraum, dem Garten, von Ikea. Er schreibt aus dem Flugzeug, wenn ein Kind neben ihm weint ("Mutter fragt zum dritten mal, ob es nervt. Hab drei mal gelogen"), oder von der Fastenkur, wo er viele Tage vor traurigen Brottellern sitzt. Und natürlich hat Gottschalk Bilder von anderen Prominenten. Fotos mit Arnold Schwarzenegger, Katy Perry, Helene Fischer, Sigmar Gabriel.
Gottschalk genießt die Rolle des Silver Surfers. Twitter nutzt er, als wäre er wieder live auf Sendung: der Tod von Helmut Kohl, die Pleite von Boris Becker, der G-20-Gipfel. Täglich, manchmal stündlich, tippt Gottschalk seine Zoten ins Handy. Als es vor wenigen Tagen in seiner Wahlheimat Malibu zum Disput mit seiner Frau um die Weihnachtsdekoration kam, ließ er alle in mehreren Tweets daran teilhaben ("Mein Hase ist aus der Krippe geflogen, aber die Katze meiner Frau darf alles!").
Sein Fernsehstudio hat er jetzt in der Hosentasche. Programmchefs, Redakteure, Quoten – interessiert ihn alles nicht. Gottschalk muss keinen Massengeschmack mehr befriedigen, nur noch sein Ego. Auf einer Bühne, auf der niemand mit ihm gerechnet hat, feiert er ein Comeback, zu dem ihn keiner gedrängt hat. Jeder Tweet ist eine Miniatur seiner Shows. Mit einem Unterschied: Gottschalk hat immer überzogen. Jetzt kann er es in 280 Zeichen.

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Twitter: @jolepp
Von Jonas Leppin

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