23.12.2017

Die AugenzeuginMein fremder Mann

Die Syrerin Tabarak Karakouz, 22, war mehr als drei Jahre lang getrennt von ihrem Ehemann Ammar – er war in Deutschland, sie erhielt kein Visum (SPIEGEL 35/2017). Dann durfte sie nachkommen, weil er einen Job gefunden hatte. Anfang Dezember konnte sie ihn erstmals wieder in die Arme schließen.

"Als sich die Türen zur Ankunftshalle im Hamburger Flughafen öffneten, sah ich diesen Mann im dunkelroten Pullover, der mir entgegenkam. Ich habe ihn ernst angeschaut, weil ich mein erstes Lächeln in Deutschland Ammar schenken wollte und keinem anderen. Dann nahm mich dieser Fremde plötzlich in den Arm, erst in diesem Moment wurde mir bewusst: Das ist er. Ammar. Mein Mann.
Er hat sich in diesen dreieinhalb Jahren verändert. Es ist etwas anderes, ob man jemanden über WhatsApp-Videochat sieht oder in echt. Ammar ließ mich nicht mehr los und küsste mich und hob mich hoch. Ich habe alle Leute um mich herum vergessen. Im Libanon habe ich mir diesen Moment immer und immer wieder vorgestellt. In der Nacht, bevor ich losgeflogen bin, konnte ich so gut wie nicht schlafen. Mein Flug ging um halb vier Uhr morgens in Beirut, ich war aber schon fünf Stunden vorher da. Mein Onkel und meine Mutter haben mich begleitet. Sie war so glücklich, dass ich endlich dieses Visum hatte, aber sie konnte nicht aufhören zu weinen, weil sie mich so vermissen wird. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Während des ganzen Fluges dachte ich, mein Herz würde gleich explodieren.
Jetzt bin ich seit einer Woche in Hamburg. Jeden Morgen, wenn ich neben Ammar aufwache, muss ich ihn umarmen, um mir klarzumachen, dass wir wirklich wieder zusammen sind. Er hat mir schon ein paar Orte in der Stadt gezeigt, die Alster zum Beispiel und die HafenCity. Aber der schönste Platz in Hamburg ist für mich unsere Wohnung. Sie hat zwei Zimmer und eine winzige Küche. Wir haben nicht viele Möbel, aber ich habe überall Kerzen aufgestellt und Blumen. Bevor Ammar nach Deutschland gekommen ist, waren wir nur drei Monate lang verheiratet. Wir hatten nie die Gelegenheit, unsere Hochzeit zu feiern. Das machen wir jetzt jeden Tag."
Von Katrin Elger und Asia Haidar

DER SPIEGEL 52/2017
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