23.12.2017

PsychotherapieAuf die Couch

Seit Ende 1967 zahlten Deutschlands Krankenkassen die sogenannte große Psychotherapie! Leider gab es da noch das kleine Problem, dass es hierzulande keine Therapeuten gab, wie der Großmeister der Psychoanalyse Alexander Mitscherlich im Gespräch mit dem SPIEGEL ausführlich erläutert.
Das war doch mal was: Die Krankenkassen verpflichteten sich, die Kosten der sogenannten großen Psychotherapie zu tragen, was auf eine "offizielle Sanktion der Psychoanalyse in Deutschland" hinauslief. Alexander Mitscherlich, damals Leiter des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, blieb trotz des Erfolgs skeptisch. Abgesehen von den immensen Kosten – eine Behandlung konnte locker über 10 000 Mark kosten – beschäftigte den "Freund geschulter Psychotherapie und Psychosomatik" vor allem die Frage, wer denn bitte schön die Erkrankten behandeln sollte. 430 Ärzte und Psychoanalytiker zählte der SPIEGEL in der Bundesrepublik, die den Maßstäben des Therapeuten-Fachverbandes genügten. Angesichts der Verbannung der Psychoanalyse von deutschen Universitäten war klar, dass sich an dem Mangel so schnell nichts ändern würde. Während in den angelsächsischen Ländern diese Art Behandlung längst etabliert war, stieß die Psychotherapie in Deutschland auf fundamentale Ablehnung.
Der Psychotherapeut galt den Mediziner-Kollegen noch immer als "Zauberer, der die Tauben aus dem Zylinder" zog. Mitscherlich sah ein "Machtproblem" am Wirken: Weil der Arzt wisse, dass er von der Sache nichts verstand, aber doch eigentlich verstehen müsste, entwertete er diesen "Schwindel", "weil dann sozusagen seine Wissenslücke keine schmerzliche mehr" war. Im Übrigen konnte man auf den heillosen Richtungsstreit der Fachrichtung verweisen, den auch Mitscherlich im SPIEGEL-Gespräch nicht schönreden konnte.
Doch dem 59-Jährigen ging es nicht in erster Linie um eine Reform der Schulmedizin. Nachdem er während des Dritten Reiches erst emigriert, dann inhaftiert war und schließlich sein Medizinstudium absolviert hatte, stellte er schon bald nach Kriegsende die Frage nach den "sozialen Neurosen", die die Gesellschaft in den Menschen hinterließ. Gewiss lagen die Ursachen für psychische Erkrankungen in aller Regel in prägenden Kindheitskonflikten, so der Freudianer, doch die seien eben häufig durch gesellschaftliche Forderungen begründet. So mischte sich Mitscherlich in den Sechzigerjahren munter in Debatten um Städtebau, Notstandsgesetze und Ostpolitik ein – das Private war schließlich politisch und das Politische von unbewussten Antrieben gesteuert.
So war es nur folgerichtig, dass Alexander und Ehefrau Margarete Mitscherlich mit ihrem 1967 erschienenen Essayband " Die Unfähigkeit zu trauern" den Schlüsseltext für die "Bewältigung" der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik vorlegten. Der Zusammenbruch des Dritten Reiches habe zu einer "traumatischen Entwertung des eigenen Ich-Ideals" geführt. Statt dies zu betrauern, wurde die Vergangenheit verleugnet. Eben diese Verweigerung habe im Wirtschaftswunder jene "blitzartige Wandlung" ermöglicht, die den Nationalsozialismus wie eine "Infektionskrankheit in Kinderjahren" erscheinen ließ. Doch solange die Vergangenheit "unbewältigt" blieb, könne in der Bundesrepublik keine echte demokratische Gesinnung entstehen, so die Schlussfolgerung. Die Demokratie sei zwar da, so Mitscherlich, aber in Wahrheit sei sie keineswegs etabliert. "Und genauso, würde ich meinen", ergehe es nun auch der Psychoanalyse in Deutschland – da, aber noch lange nicht etabliert.

DER SPIEGEL 52/2017
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