30.12.2017

FinanzindustrieBad Bank im Angebot

Hamburg und Schleswig-Holstein stehen kurz davor, die HSH Nordbank zu verkaufen. Fraglich ist jedoch, wer künftig für die Risiken haftet.
Die HSH Nordbank hat schon viele Manager und Politiker verzweifeln lassen. Mit 13 Milliarden Euro Kapital und Garantien haben die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein als Haupteigentümer den einst weltgrößten Schiffsfinanzierer in der Finanzkrise stützen müssen. Mehrmals wurde die Bankführung ausgetauscht, bis heute fürchten Steuerzahler und die ebenfalls beteiligten Sparkassen weitere Milliardenlasten.
Nichts wünschen sich die Eigner sehnlicher, als die HSH loszuwerden. Jetzt steht sie kurz vor der Privatisierung, die EU-Kommission verlangt wegen der Staatshilfen den Verkauf bis Februar 2018. Scheitert das Vorhaben, könnte die HSH ein ähnliches Schicksal ereilen wie die WestLB: Sie müsste abgewickelt werden. Und das würde die beiden Nordländer, deren Schuldenstand wegen der HSH-Krise gegen den Bundestrend steigt, noch mehr kosten.
Gelingt der Verkauf (Projektname: "Neptun"), kommt das Milliardenrisiko auf andere zu: auf die Käufer, die derzeit die Bank durchleuchten – und auf Hans-Walter Peters. Der persönlich haftende Gesellschafter der Hamburger Privatbank Berenberg ist zugleich Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). In dessen Haftungsverbund wird die HSH bald Unterschlupf suchen, wenn die öffentliche Hand sie freigibt. Dem BdB mit seinen 200 Mitgliedern und Peters kommt so eine zentrale Rolle in einem der brisantesten Bankendeals seit Jahren zu.
Drei Bieter gibt es, allesamt angelsächsische Finanzinvestoren, die mit dem Geld von Pensionsfonds, Versicherungen und reichen Privatleuten Firmen kaufen, umbauen und wieder verkaufen. Apollo und Socrates bieten jeweils allein für die HSH, die Kollegen von Cerberus haben sich mit US-Investor Christopher Flowers zusammengetan, der bereits HSH-Aktionär ist.
Bis zum 5. Januar müssen die Gebote nachgebessert werden, am 15. Januar will der Aufsichtsrat den Bieterkreis verkleinern und final verhandeln. Der Preis dürfte, wie zu hören ist, die zuletzt kolportierten 200 Millionen Euro übersteigen, was für die verschuldeten Bundesländer ein überraschender Sonderertrag wäre. Die Zuversicht speist sich aus dem rasanten Fortschritt, den die Bad Bank der HSH beim Abverkauf fauler Kredite macht, und dem "gesunden" Teil, der in der Mittelstands- sowie der Immobilienfinanzierung solide wächst.
Ungewiss ist, wer den Zuschlag erhält. Am meisten soll der Londoner Investor Socrates geboten haben, doch der Preis allein ist nicht entscheidend. Klar ist jedoch, dass der neue Eigner die Mitgliedschaft der HSH im BdB beantragen muss, um die Refinanzierung der Bank zu sichern. Das bislang öffentlich-rechtliche Institut wird nach dem Verkauf an einen Finanzinvestor zu einem privat geführten.
Dass der BdB den Antrag abnicken wird, ist nicht gesagt. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Zwar wäre die Aufnahme einer Ex-Staatsbank in den Kreis der Privaten ein willkommener Präzedenzfall.
Aber der BdB gewährt seinen Mitgliedern den Schutz des verbandseigenen Ein- lagensicherungsfonds. Das bedeutet: mehr Sicherheit für die Kunden bei einer Pleite der HSH, für die bislang und noch für eine mehrjährige Übergangszeit die Sparkassen haften, aber auch ein Milliardenrisiko für den BdB. Denn der Schutz für Einlagen der Kleinsparer sowie institutioneller Kunden ist quasi unbegrenzt: Er entspricht 20 Prozent des Eigenkapitals der Bank. Bei der HSH, die fünf Milliarden Euro Eigenkapital hat, wäre das bis zu einer Milliarde Euro Haftung – und das je Kunde.
Der Ernstfall ist keineswegs ausgeschlossen: Noch immer türmen sich in der HSH-Bilanz faule Kredite von gut acht Milliarden Euro. Deshalb wird der BdB ganz genau prüfen, ob er die Nordbank aufnimmt. Nur zu gut ist in Erinnerung, in welche Not die Lehman-Pleite den Verband 2008 gestürzt hatte. Damals musste der BdB die Kunden der deutschen Tochter der US-Bank mit 6,4 Milliarden Euro entschädigen. Aufbringen konnte er die Summe nur, weil der staatliche Rettungsfonds Soffin half.
Den gibt es allerdings nicht mehr, und ohnehin muss der BdB drei Sorgenkinder abwickeln: die Düsseldorfer Hypothekenbank, für die der US-Finanzinvestor Lone Star nicht mehr geradestehen wollte, die wegen krummer Cum-Ex-Geschäfte abgestürzte Maple Bank sowie Valovis, ehedem Teil des Karstadt-Konzerns.
Die Sache ist heikel, für alle Beteiligten. Daher wird der BdB-eigene Prüfungsverband die HSH im Zuge des Aufnahmeverfahrens begutachten. Alles kommt auf den Prüfstand: Geschäftsmodell, Rating, finanzielle Ausstattung der neuen Eigner.
Vor allem Letzteres dürfte interessant werden: Die 150-Mann-Eingreiftruppe des BdB muss im Rahmen des Inhaberkontrollverfahrens abklopfen, inwieweit die neuen HSH-Herren bei einer Schieflage willens und fähig sind, Geld nachzuschießen – auch persönlich, aus eigener Brieftasche. Heikel wäre so viel Transparenz vor allem im Fall Cerberus. Dessen Chef Stephen Feinberg gilt als verschlossen, nicht mal aktuelle Fotos gibt es.
Auf Empfindlichkeiten potenzieller Neumitglieder kann BdB-Präsident Peters indes keine Rücksicht nehmen. Denn müsste die HSH unter seiner Regie vom Verband gerettet werden, droht Undenkbares: Die übrigen BdB-Mitglieder könnten das dreiköpfige Präsidium wegen grober Fahrlässigkeit persönlich auf Schadensersatz verklagen. Neben Peters und Thomas Lange von der National-Bank wäre das auch John Cryan, der Chef der Deutschen Bank.
Verglichen damit wären die Risiken, die die Finanzmanager bislang in ihrer Karriere eingegangen sind, geradezu Peanuts.
Von Tim Bartz und Martin Hesse

DER SPIEGEL 1/2018
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